Comic des Jahres
                 

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COMIC DES JAHRES 2007

Jiro Taniguchi:
Vertraute Fremde
Carlsen Comics

Wir sind es inzwischen gewohnt, dass uns die Besten der Manga, der japanischen Comics, nicht aktuell erreichen, sondern mit einiger Verzögerung. Auch Jiro Taniguchis 2007 bei Carlsen erschienener Band "Vertraute Fremde" macht da keine Ausnahme; er stammt von 1997. Überhaupt ist Taniguchi erst im vergangenen Jahr von den deutschen Verlagen "entdeckt" worden.

In Frankreich ist "Vertraute Fremde" 2003 auf dem Festival von Angoulême mit dem Preis für das "Beste Szenario" ausgezeichnet worden. Jiro Taniguchi, geboren 1947, ist Autor und Zeichner, und er ist beides gleichermaßen meisterhaft. Zeichnerisch wirkt Taniguchi wenig japanisch, und das nicht von ungefähr. Mitte der 70er Jahre entdeckte er in einem Buchladen seiner Heimat den frankobelgischen Comic; seither ist er ein Wanderer zwischen den Welten - ein Japaner mit einem dezidiert "westlichen" Ausdruck.

Das, was er uns erzählt, ist allerdings sehr von der eigenen Tradition geprägt, von der Lebensweise des alten Japan, fernab von dem, was wir hier heute mit den Manga als das "japanische Lebensgefühl" untergeschoben bekommen. "Vertraute Fremde" ist eine kunstvoll konstruierte Geschichte. Der Protagonist Hiroshi Nakahara ist 48 Jahre alt; das Leben hat ihn nicht gerade bevorzugt. Eines Tages sitzt er versehentlich in einem Zug, der ihn in seine Heimat führt. Er steigt aus, besucht das Grab seiner Mutter und verliert die Sinne. Als er wieder aufwacht, ist er ein vierzehnjähriger Junge, mit dem Bewusstsein des Erwachsenen, der er war.

Nakahara durchlebt einen Teil seines Lebens noch einmal. Jetzt erst versteht er vieles, was sich ihm vorher verschlossen hatte, zum Beispiel, warum sein Vater damals die Familie verlassen hat. Der Leser erfährt viel über den japanischen Alltag der 60er Jahre. Selbst wenn er nicht alles so nachvollziehen kann wie vermutlich ein Japaner, so gerät er doch in den Bann der Erzählung. Taniguchi lässt ihn mitfühlen, lässt ihn miterleben, lässt ihn Wünsche und Ängste teilen. Der Wunsch, das eigene Leben zu verstehen, ist an keine Nationalität gebunden; die späte Angst, im Laufe des Lebens vieles falsch verstanden zu haben, ist allen gemein.

Gegen Ende des Buches, das darf verraten werden, wacht Nakahara wieder auf. Hat er alles nur geträumt? Über dem Grab schwebt ein Schmetterling. Das erinnert an die Geschichte von dem chinesischen Weisen, der träumt, er sei ein Schmetterling, und der dann nicht mehr weiss, ob er nicht vielleicht nur ein träumender Schmetterling sei. Eine märchenhafte Stimmung, ein zeichnerisch akribisch erfasstes Dekor, Anklänge an ein vergangenes Japan, eine betont ruhige Erzählweise und ein dem europäischen Auge eigenartig vertrauter Zeichenstil - all das sind nur Facetten eines gewichtigen Comicromans.

"Vertraute Fremde" gehört zum Besten, was die internationale Comicliteratur derzeit zu bieten hat. Dass dieses Buch jetzt auch bei uns gewürdigt wird, ist nur konsequent. Taniguchi wird dazu beitragen, unser Bild vom Manga als einer Teenie-Manie zu korrigieren. Japan ist eine der führenden Comic-Nationen, und dies ist der Beweis.
Eckart Sackmann

 

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Termin Preisverleihung

Der COMIC DES JAHRES 2007 wird verliehen
während des Internationalen Comic-Salons Erlangen
am Donnerstag, 22. Mai um 17 Uhr im Großen Ratssaal, Rathaus Erlangen

Laudatio von Christian Gasser
Überreichung des Preises durch den Stifter Dr. Eckart Sackmann (comic.de)

  

Angoulême 2008: Jiro Taniguchi bei einer
live Videoschaltung nach Japan
(Quicktime-Film 18,8 MB)

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Foto Jiro Taniguchi
Cover "Vertraute Fremde" Copyright © 2007 Jiro Taniguchi/Carlsen Verlag
Seite aus "Vertraute Fremde" Copyright © 2007 Jiro Taniguchi/Carlsen Verlag
Throphäe "Comic des Jahres" 1
Throphäe "Comic des Jahres" 2

Copyright © 2008 Verlag Sackmann und Hörndl