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Die ewige Bestenliste Bewertungen
COMIC DES JAHRES 2007
Jiro Taniguchi:
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Laudatio von Christian Gasser Der Reichtum des Gewöhnlichen
Es ist mir eine große Freude und eine große Ehre, diese Laudatio auf Jiro Taniguchi halten zu dürfen, obschon ich nicht Mitglied der Jury bin.
1995 erschien erstmals ein Buch von Taniguchi in einer für mich lesbaren Sprache, auf Französisch, es war "Der gehende Mann", mehr darüber etwas später, dieses Buch hinterließ einen tiefen Eindruck, und seither lese ich alles, was ich von Taniguchi in die Hände kriege. So geht es nicht nur mir - so geht es den meisten, die Taniguchi entdecken, vor allem in Frankreich, und nun, mit Verspätung, auch in Deutschland.
Als ich Jiro Taniguchi in einem Vorort von Tokio besuchte, es war im Dezember 2005, war er in Frankreich längst ein mehrfach preisgekrönter Star. Und doch war er immer noch etwas verwundert, dass jemand wie ich den halben Erdball umflog, um ihn zu besuchen. Und er war sehr neugierig. Er wollte alles wissen über Deutschland, über deutschsprachige Comics, über den deutschen Markt, über aktuelle Trends, über die Rezeption der Manga bei uns, und da sein Agent mit deutschen Verlagen verhandelte, wollte er natürlich wissen, was ich von diesen Verlagen hielt.
Das tat er sehr freundlich, sehr zurückhaltend - aber sehr professionell. Und immer bemüht, selber zu verstehen, warum seine Geschichten in Europa solchen Anklang finden. Diese Frage stellte ich ihm im Verlauf unseres Gesprächs natürlich auch, und er antwortete, der Erfolg habe ihn geradezu erschreckt, er verstehe ihn nicht, er freue sich darüber, aber, und er betonte es nochmals, der Erfolg habe ihn auch ein bisschen erschreckt.
Bestimmt freut es ihn nun, dass ihm nur zweieinhalb Jahre später der Durchbruch auch in Deutschland gelungen ist und seine Comics auch bei uns großen Anklang finden - zumindest bei der Kritik und in der Szene. kein Comic-Autor vor ihm hat es geschafft, gleich drei Bücher in den Top Ten zum "Comic des Jahres" zu plazieren.
Meine Frage: Warum er in Europa so erfolgreich sei, hat Taniguchi natürlich gleich an mich zurückgegeben. Das ist keine einfache Frage, aber ich werde versuchen, in den nächsten paar Minuten den einen oder anderen Erklärungsversuch zu unternehmen.
Taniguchis grafische Romane wie "Vertraute Fremde" widersprechen den gängigen Manga-Klischees: Sie sind langsam, ruhig und persönlich, sie setzen sich mit dem Alltag auseinander und wenden sich an eine erwachsene Leserschaft. In "Vertraute Fremde" wird ein Erwachsener in sein Leben als Vierzehnjähriger zurückgeworfen und muss erkennen, dass er sein Leben nicht ändern kann.
Nach einer mit reichlich Alkohol begossenen Geschäftsreise erwischt der 48jährige Architekt Hiroshi Nakahara den falschen Zug und trifft nicht in Tokio ein, sondern in seiner Geburtsstadt Kurayoshi. Die zwei Stunden Aufenthalt bis zum nächsten Zug nach Tokio nutzt er zu einem Spaziergang durch das Viertel seiner Jugend und landet schließlich im Tempel, wo seine Mutter begraben liegt. Er sucht ihr Grab auf, betet, fällt in Ohnmacht - und erwacht wieder als vierzehnjähriger Junge im Sommer 1963... mit dem Bewusstsein des 48jährigen.
Damit greift Taniguchi einen Wunsch auf, den vermutlich die meisten von uns auch schon mal hatten: Mit unserem erwachsenen Bewusstsein in die eigene Jugend zurückkehren und wichtige Erfahrungen nochmals machen zu können beziehungsweise die Pubertät mit dem Wissen eines Erwachsenen zu meistern. Besser und erfolgreicher zu meistern.
Nach dem ersten Schrecken lebt sich der verwirrte Hiroshi leidlich gut in seinem jugendlichen Alltag ein. Er brilliert plötzlich in Englisch und Mathematik, hängt im Sport selbst die athletischsten Mitschüler ab und verblüfft andere mit Judogriffen und popkulturellen Informationen aus der Zukunft. Besonders angenehm ist, dass sich die reizende Tomoko für den neuen Hiroshi interessiert und sich eine zarte Liebesgeschichte anbahnt. Über der unbeschwerten, nicht ohne Nostalgie für das vergangene Japan und die eigene Jugend heraufbeschworenen Idylle indes hängt ein dunkler Schatten: Am 31. August 1963 wird Hiroshis Vater spurlos verschwinden. Hiroshi nimmt sich vor, die Familientragödie zu verhindern - und fragt sich gleichzeitig, was dies für seine eigene Zukunft bedeuten würde.
Der 1947 geborene Jiro Taniguchi ist ein ungewöhnlicher Manga-Autor. Er begann seine Laufbahn 1970 mit actiongeladenen Abenteuergeschichten und düsteren "gekiga", ehe er sich 1986 mit "Botchan No Jidai", einem epischen Sittengemälde des intellektuellen und literarischen Aufbruchs während der Meiji-Ära im späten 19. Jahrhundert, neu erfand. Wenn er zuvor filmisch zu erzählen versuchte, erklärte er im Gespräch, inszenierte er "Botchan No Jidai" wie ein Theaterstück.
Taniguchis Strich ist eher statisch als dynamisch, eher realistisch als karikaturistisch überzeichnet, seine Erzählweise ist klar und ruhig, und auch seine Themen widersprechen den gängigen Manga-Stereotypen. In seinem Meisterwerk von 1992, "Aruko Hito" (wörtlich übersetzt: "Der gehende Mann") schildert er auf jeweils acht Seiten den Alltag eines etwa Vierzigjährigen, der, statt morgens ins Büro zu hetzen, mit offenen Augen durch Stadt und Land schlendert und sich an Nebensächlichkeiten wie zwitschernden Vögeln, einem Sonnenaufgang oder einem gefundenen Lippenstift ergötzt.
"Damit wollte ich", so Taniguchi im Gespräch, "der Hektik unseres Lebens etwas Langsames entgegenstellen und den geistigen Reichtum sichtbar machen, der im Kleinen und Gewöhnlichen verborgen ist." Im Kontrast zu den zumeist rasanten Manga wirken diese Spaziergänge geradezu wie erholsame Meditationen - und falls sich ein deutscher Verlag dazu durchringt, dieses Buch auch zu veröffentlichen, stehe ich in zwei Jahren wieder hier und wiederhole meine Laudatio auf Taniguchi.
Zeichnerisch wie inhaltlich ist Taniguchi der europäischste Manga-Autor. Er gibt zu, vor allem in seinen Anfängen von der frankobelgischen Bande Dessinée beeinflusst geworden zu sein, von Zeichnern wie Hergé und Moebius. Er orientierte sich bewusst an der Bande Dessinée, weil er mit den damaligen Manga-Stilen unzufrieden war und seine Bildsprache öffnen und erneuern wollte. Sein klarer und tiefenscharfer Stil wiederum, gekoppelt mit seinen intimistischen und im Alltag verwurzelten Geschichten, ist der Grund für seinen Erfolg in Frankreich, wo er eine breite Leserschaft außerhalb der Manga-Fanszene anspricht und wiederholt mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurde - so erhielt er am Comic-Festival von Angoulême 2003 für "Vertraute Fremde" den Preis für das Beste Szenario und 2005 für die Bergsteigergeschichte "Gipfel der Götter" den Preis für die Beste Zeichnung.
Im Gegensatz zu seinem Ruhm in Frankreich - und mittlerweile auch im deutschen Feuilleton - steht Taniguchis Status in Japan. Es ist ein sehr interessanter Status. Er ist kein Unbekannter; er wird von den Vertretern seiner Zunft bewundert und heimst regelmäßig auch wichtige Preise ein. Aber er gehört klar nicht zu den wirklich Erfolgreichen und Populären.
Andererseits publiziert er seine Arbeiten nicht in alternativen Manga-Zeitschriften wie Garo und dessen Nachfolger AX, sondern in durchaus kommerziellen Zeitschriften mit hohen Auflagen und seine Bücher bei angesehenen und großen Verlagen. Aber er gehört mit Bestimmtheit nicht zu denen, die die Auflage einer Zeitschrift in die Höhe treiben - ich hatte vielmehr den Eindruck, dass Taniguchi ein Autor ist, den sich eine Redaktion vor allem aus Image-Gründen leistet. Vielleicht ist Taniguchis Status in Japan vergleichbar mit dem eines Lorenzo Mattotti oder José Muñoz bei uns: Ein fraglos großer Künstler, dessen Arbeiten nie hohe Auflagen kennen werden, den man aber gerne in seinem Katalog hat.
Interessant ist, dass just dieser Autorenmanga eines Taniguchi, aber auch eines Tsuge oder Tatsumi, sich vom westlichen Erwachsenencomic weit weniger unterscheidet als die Mainstream-Phantasien beider Kulturkreise. Und das sowohl zeichnerisch als auch inhaltlich.
Der Grund für diese heimliche Verwandtschaft zwischen Autorenmanga und Autorencomic liegt vermutlich in einer modernen Ausprägung von Realismus. Geschichten wie "Vertraute Fremde" beschäftigen sich mit dem Menschen, mit Grundfragen des Lebens und der Psychologie, mit der Essenz der Conditio Humana aus erwachsener Perspektive - und offenbar stellen sich Japaner und Japanerinnen die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Grundfragen wie die Europäer und Europäerinnen. Und deshalb wirkt "Vertraute Fremde" im Gegensatz zu den meisten "Shojo"-Manga keineswegs exotisch, sondern sehr vertraut.
In seinem Comic-Roman widersteht Taniguchi der Versuchung, aus der an sich phantastischen Prämisse (die Reise zurück in die Jugend) eine Fantasy-Story zu machen, sondern bleibt möglichst nahe am Leben und an der Poesie des Alltags.
"Vertraute Fremde" ist von persönlichen Erfahrungen geprägt - die Geschichte selber ist allerdings, wie Taniguchi immer wieder betont, fiktional und überhaupt nicht autobiografisch.
Wegen dieser Nähe am Leben sind auch seine Figuren sehr normale, ja durchschnittliche, aber sehr glaubhafte Menschen, die er mit viel Zurückhaltung in Szene setzt, ohne die übertriebene Mimik, an die uns die meisten Manga gewöhnt haben. "Je einfacher eine Figur ist," sagte Taniguchi im Gespräch, "desto besser drückt sie auch tiefe Gefühle aus." Er bemühe sich, komplexe Geschichten möglichst einfach und nachvollziehbar zu erzählen. Darin liege die Kraft der Comics.
"Vertraute Fremde" ist ein Initiationsroman mit umgekehrten Vorzeichen: Es ist nicht die Geschichte eines jungen Menschen, der auszieht, um an diversen Prüfungen zu reifen, sondern die Geschichte eines 48jährigen Erwachsenen, der eine entscheidende Phase seines Heranwachsens noch einmal erlebt und seine Erfahrungen dank seines erwachsenen Verstands genauer einschätzen kann und in ihnen auch die Zeichen dessen zu entziffern lernt, was ihm später widerfahren wird.
Der 31. August naht, das Familienleben ist harmonisch wie immer, nichts lässt auf die Flucht des Vaters schließen. Hiroshi schafft es nicht, seinen Vater aufzuhalten. Zumindest aber gelingt es ihm, die Beweggründe seines Vaters zu verstehen. Wichtiger noch: In ihm keimt die Erkenntnis, dass auch er kein vollkommener Familienvater ist und in den vergangenen Jahren seine Frau und zwei Töchter vernachlässigt hat.
Damit webt Jiro Taniguchi zwei gesellschaftliche Probleme Japans in seinen Comic-Roman ein: Hiroshis Vater leidet unter den Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und seiner Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, bis er endlich die Kraft zum Ausbruch findet. Hiroshi Nakahara hingegen entspricht dem Klischee des arbeitsamen Japaners, der sein Privatleben dem beruflichen Erfolg opfert und am persönlichen Glück vorbeilebt. Denn letztlich geht es in "Vertraute Fremde" wie in anderen Geschichten von Taniguchi um die Suche nach dem Glück, die er in einer berührenden und beglückenden Mischung aus Humanismus, Melancholie, leichter Skepsis, feinem Humor und viel Poesie schildert.
Erlangen, 22. Mai 2008 |
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