Stefan Zweigs DIE SCHACHNOVELLE

schachnovelle-cvrNew York, Anfang der 1940er-Jahre: Der Ozeandampfer Kopernikus läuft Richtung Buenos Aires aus. An Bord befindet sich eine bunt zusammengesetzte Mischung von Reisenden, unter ihnen Emma, die frustrierte Tochter des Kapitäns, die ihren Papa in ihrem goldenen Käfig um die Welt begleitet und dabei die Kabine der verstorbenen Mutter bewohnt. Doch dunkle Wolken ziehen am langweiligen Horizont auf: Czentovic, Schachgroßmeister und außerdem bis zum Stehkragen Egomane, wird mit dem Flugzeug aufs Schiff gebracht, was bei den Reisenden natürlich für Aufregung (Promi an Bord!), bei Emma aber für zusätzlichen Frust sorgt, denn der aufgeblasene Fatzke soll ihre Kabine kriegen, worauf sie einen Deal vorschlägt: Eine Partie, gewinnt Emma, darf sie in ihrer Behausung bleiben, gewinnt Czentovic, begleitet sie ihn auf einen Rundflug. Die junge Frau verliert natürlich, aber bei der Revanche taucht plötzlich ein geheimnisvoller Fremder, der sich nur B. nennt, auf, mit dessen Hilfe sie das Spiel immerhin zu einem Remis wenden kann……Emma und der mysteriöse Mann lernen sich näher kennen und B. offenbart seine Vergangenheit: Als Opfer des Nazi-Regimes überlebte er die Isolationshaft nur mit Hilfe eines zufällig ergatterten Schachbuchs, die strikten Regeln und Abläufe halfen ihn mit der Einsamkeit fertig zu werden. Emma überredet B. zu einem Spiel gegen den Großmeister, in dessen Verlauf es zur offenen Auseinadersetzung kommt…

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Stefan Zweigs vielfach auch als Instrument zum Martern unschuldiger Abiturienten eingesetzter Bestseller (über 1,2 Millionen verkaufte Exemplare!) liegt dank dem hierzulande unbekannten Thomas Humeau nun auch als Graphic Novel vor und man hofft nach Genuss des Bandes, dass die ersten beiden Arbeiten des in London lebenden Franzosen ebenso zu deutschen Ufern schwimmen, denn die Adaption ist ausnahmslos gut gelungen. Der Inhalt wurde sinnvoll komprimiert, der Novelle geht – auch wenn so mancher Deutschlehrer jetzt vermutlich vor Entsetzen die Hände über den Kopf zusammenschlagen wird – nichts Wesentliches verloren, der Zeichner und Autor hält sich sehr nahe an Zweigs Vorlage, einzig und allein die Figur der Kapitänstochter Emma ist neu, die an die Stelle des Ich-Erzählers aus dem Roman tritt und für die Oberflächlichkeit der Schickimicki-Welt auf dem Schiff steht. Gezeichnet ist das alles ganz wunderbar: Kräftige Farben und sehr scharfkantig, mit stellenweise deutlich daliesken Einfluss – Humeau gibt sich keine Blöße und ergänzt Zweigs kunstvollen Novelle um eine ebenso kunstvolle Graphic Novel, die zukünftige Abiturienten vielleicht sogar neugieriger auf die Vorlage macht als alle Bildungspeitschen schwingenden Deutschlehrer zusammen.

Thomas Humeau: Die Schachnovelle. Knesebeck, München 2016. 120 Seiten, € 22,00