GEFÄHRLICHES SPIEL – Frauen, Spionage und Raketen

gefaehrliches-spiel-1-cvrDüstere Zeiten produzieren harte Schicksale. Nehmen wir den aufstrebenden wie begabten Ingenieur Hugo Ebeling, der 1943 gemeinsam mit Wernher von Braun in Peenemünde am Bau der V1 und der V2 arbeitet. Nachdem er erlebt, wie Zwangsarbeiter behandelt werden, kündigt er und schließt sich dem Widerstand an. Dort lernt er Eva kennen. 1945, als die Rote Armee bereits vor der Ostdeutschen Grenze steht, heiraten sie. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer. Bei einem Bombenangriff wird Hugo schwer verletzt und Eva getötet. Im Lazarett wird Hugo von dem Amerikanern „requiriert“ und erneut als Wissenschaftler dem Team um Wernher von Braun zugeteilt. Zehn Jahre später: Hugo hat sich in den USA eingewöhnt, arbeitet am Weltraumprogramm (Vanguard-Projekt) der Amis. Und trauert noch immer seiner Eva nach. Da lernt sein Freund Nick die fesche Lola kennen und lieben. Die hat zwar schwarze statt blonde Haare, erinnert Hugo aber frappierend an Eva. Als Nick an Meningitis erkrankt, kommen sich Hugo und Lola näher. Doch ist Lolas Interesse an ihm ehrlich gemeint oder verbergen sich dahinter andere Motive?

Der Text auf dem Backcover von „Gefährliches Spiel“ bewirbt eine Spionagegeschichte. Doch steht zuerst das bewegte wie tragische Leben Hugos im Vordergrund der neuen Serie. Hugo ist ein brillanter Wissenschaftler (er lässt sich sogar mathematische Formeln und Gleichungen auf seinen Arm tätowieren). Und dazu ein moralisch aufrichtiger Mensch. Während Wernher von Braun seine Forschungen vor alles stellt und dabei Zwangsarbeit duldend in Kauf nimmt, bricht Hugo hier radikal mit seinem Job. Im Widerstand ist sein Gewissen im reinen – später in den USA wird er sich erneut auf die Seite der Schwachen stellen und den unterdrückten Creek-Indianern helfen. Prägend für sein Leben ist der Verlust seiner geliebten Eva. Auch in den USA, als er längst an den Vorbereitungen des Vanguard-Projektes beteiligt ist, trauert er noch immer. Erst als Lola auf der Bildfläche erscheint, ändert sich das, bringt die Dame doch seine Gefühlswelt vollends durcheinander, zumal ihr Wesen dem von Eva sehr ähnelt.

jeu-de-dames-2Szenarist Toldac, der eigentlich Michel Fournier heißt und den deutsche Leser bereits als Autor des Spirou Spezial Bandes „Ein großer Kopf“ kennen, lässt sich für seine Geschichte und die Entwicklung der Charaktere angenehm viel Zeit. Dass irgendwas nicht stimmt, ahnt man erst, als Lola ihr Haus anzündet und so erwirkt, dass Hugo sie bei sich aufnimmt. Der Band birgt noch eine Überraschung, die die Story entscheidend beeinflussen könnte, aber hier wollen wir nicht vorgreifen und keine Spielverderber sein. Nur eines: Am Ende des Bandes steht dann sprichwörtlich ein großer Knall als wahrhaft fieser Cliffhanger. Eingebettet ist die Story in historische Begebenheiten. So streifen wir kurz die Nazizeit und das Kriegsende und finden uns anschließend am Beginn des Weltraumzeitalters wieder. Wernher von Braun ist der Raketen-Mastermind, der erst freie Hand bekommt, als im Oktober 1957 mit dem russischen Sputnik der erste künstliche Himmelskörper seine Bahnen zieht und der lähmende interne Konkurrenzkampf zwischen Navy und Army ein Ende hat, was schließlich zur Gründung der Nasa führen wird.

In Band 2 wird sicher der Spionage-Charakter endgültig seinen Einzug in die Serie feiern. Band 1 glänzt derweil mit einem halbdokumentarischen Zeitbild mit interessantem historisch-wissenschaftlichem Hintergrund, vor dem das ereignisreiche Leben eines (fiktiven) deutschen Ingenieurs beleuchtet wird, der eigentlich nur in Ruhe seine Raketen bauen will. Doch die Erinnerung an seine Eva, wie auch sein Verhältnis mit Lola rufen immer wieder Zweifel in ihm hervor. Aber langsam und subtil wird angedeutet, dass hinter diversen Personen und deren Absichten auch ganz andere Motive stecken könnten. Inszeniert ist das Album in einem unspektakulären wie eleganten realistischen Zeichenstil, der die sauber konstruierte Story stets in den Vordergrund stellt. In Frankreich ist bereits Band 2 erschienen, weshalb wir hoffen können, dass Panini hier bald nachlegt. Wir sind gespannt.

Toldac, Philan: Gefährliches Spiel, Band 1 – Die erste Partie. Panini Comics, Stuttgart 2017. 48 Seiten, 14,99 Euro