Eine Tragödie für alle Beteiligten – „Verzweifelt!“

Die Geschichte beginnt mit einem Ende: James „Jimmy“ Sterling begeht 1951 auf spektakuläre Art und Weise Selbstmord. Jimmy war der Sohn von Oliver Sterling, einem der reichsten Männer der USA. Sein Tod trifft auch Waldo Harland schwer. Waldo ist Drehbuch- und Theaterautor. Wie wir bald erfahren, wurde er einst schwer verletzt von Blanche, Jimmys Schwester, aufgelesen und gesund gepflegt. Danach lebte er einige Zeit in der schicken Designer-Villa der Sterlings, lernte Vater und Mutter der Geschwister kennen – und deren Geringschätzung. Denn der alte Sterling war und ist nicht nur ein Familienpatriarch, sondern auch ein skrupelloser Machtmensch und ein ausgesprochener Misanthrop. Waldo verliebte sich in Blanche, verließ aber schließlich sie und deren dysfunktionale Familie und machte Karriere in Hollywood und am Broadway.

Jetzt, da Jimmy tot ist, reißen bei Waldo die Wunden der Vergangenheit auf. Mehr noch, er wird erneut in die Geschicke der Familie Sterling hineingezogen. Denn Blanche wurde kurz nach Waldos Abgang schwanger und brachte in aller Heimlichkeit einen Sohn zur Welt. Da sie dessen Aufenthalt nicht preisgibt, wurde sie von ihrem Vater in eine psychiatrische Anstalt gesteckt, wo sie ihr Dasein fristet. Mithilfe von Blanches Mutter, die inzwischen von ihrem Mann getrennt lebt, „befreit“ Waldo seine Ex und gemeinsam machen sie sich auf, Blanches (und Waldos?) Sohn zu suchen, der inzwischen zum jungen Mann herangewachsen sein müsste. Doch Vater Sterling gibt sich natürlich nicht geschlagen. Gemeinsam mit dem Gangsterboss und potentiellen Filmproduzenten Stuart Minsky, für den ausgerechnet Waldo ein Drehbuch schreiben soll, bleibt er Tochter und Enkel auf den Fersen…

Jean Dufaux (Autor), Marc Malès (Zeichner): „Verzweifelt“.
Comicplus, Leipzig 2019. 176 Seiten. 39 Euro

Die Story dieses Dreiteilers, der als Gesamtausgabe vorliegt, ist wesentlich komplexer als oben beschrieben. Denn Autor Jean Dufaux („Murena“, „Djinn“, „Giacomo C.“) verlegt die Handlung immer wieder auf Nebenschauplätze, die inhaltlich oder personell mit der Hauptgeschichte verbunden sind. So ist Waldo ein guter Freund der Schauspielerin Bellita Bonney, die in der Wahl ihrer Männer kein glückliches Händchen zu haben scheint. Ihr aktueller ist Alfredo, einer von Minskys Schlägern, der die Idee zu einem Film hat, den Waldo schreiben soll. In einer Rückblende erfahren wir mehr über das unglückliche Leben Jimmys als unkontrollierbaren Alkoholiker, dessen Frau ihm keinen Erben schenken kann. Später kommt auch noch Bellitas abtrünnige Tochter Joey in Schwierigkeiten, und wir verfolgen, was aus Danny wurde, einem weiteren Ex-Freund von Blanche.

Wie im Sekundärteil auch thematisiert, streift die Erzählung immer wieder reale Personen und Begebenheiten. Beispiele: Waldo wird als Urheber der berühmten Szene aus „The Philadelphia-Story“ (1940) genannt, in der Cary Grant seine Partnerin Katherine Hepburn zu Boden wirft. Den Schauspieler Francis Lederer, der in Waldos Theaterstück die Hauptrolle spielen soll, gab es wirklich. Die Sterling-Villa ähnelt natürlich dem ehemaligen Kaufmann-Haus (heute als Fallingwater bekannt) des Architekten Frank Lloyd Wright. Und Waldo trifft die fiktive Romanfigur Bertha Boxcar, mit der sich Martin Scorsese zu Beginn seiner Karriere filmisch auseinandersetzte („Boxcar Bertha“, 1972). Sie ist auch die zentrale Figur der abschließenden Kurzgeschichte, die inhaltlich und zeitlich von der Album-Trilogie abgetrennt ist und als gelungene Zugabe zeigt, dass Waldo unter den damaligen Hollywood-Granden verkehrte.

Einerseits ein Bild der angehenden fünfziger Jahre, ist der Band in erster Linie eine Tragödie, aus der keiner der Beteiligten – weder die Haupt- noch die zahlreichen Nebenfiguren – ungeschoren und unbehelligt hervorgeht. Der Exkurs in moralische Verderbtheit ist gründlich. Die beiden Sterling-Geschwister leiden unter der Familienbürde und ihrem lieblosen Vater. Waldo, der früh zum Waisen wurde, wird erneut Teil ihrer Familiendramen, muss sich gleichzeitig mit Gangstern herumschlagen und lügt die Polizei an. Joey endet dadurch im Bordell, Bellita im Gefängnis. Etliche Leben werden zerstört oder sind schwer gezeichnet.

Zeichner Marc Malès setzt die Geschichte in kräftige Bilder um, einerseits gibt er die Zeit der 1950er detailreich und realistisch wieder, andererseits überzeichnet er seine Figuren gerne – so ähnelt das Gesicht Minskys einer grotesken Karikatur. Regelmäßig streut Malès, der extrem zurückgezogen lebt, als Stilmittel Panels in Fischaugenperspektive ein (siehe Cover) und betont so die Handlung.

Neben den Gesamtausgaben seiner Serien bringt der Comicplus-Verlag zwischendurch auch gerne mal neue Titel – so zuletzt „Azrayen“ von Frank Giroud und Christian Lax. „Verzweifelt!“ („Les Révoltés“ – die Rebellen, so der Originaltitel, was sich auf die beiden Sterling Kinder Blanche und Jimmy bezieht und den filmischen Rebell James Dean anklingen lässt) erschien bei Glénat bereits von 1998 bis 2000 und ist ebenfalls eine deutsche Erstveröffentlichung. Wer den Band haben will, sollte sich ranhalten, denn es gibt nur eine einzige Auflage von lediglich 800 Exemplaren. Leider, denn dazu ist der Band fast zu schade.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

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