Quer durch die Neurosenzonen Frankreichs – „Autoroute du soleil“

Als sich Alexander Platthaus 1998 völlig zu Recht über die „mangelnde Sensibilität“ beklagte, „die in Deutschland gegenüber Pionierarbeiten der Bildgeschichte herrscht“, hatte er nicht zufällig das Monumentalopus „L’Autoroute du soleil“ des französischen Zeichners und Szenaristen Hervé Barulea alias Baru vor Augen. Obwohl man mit den fünf Jahren Verspätung zur japanischen (!) Originalausgabe noch eher gnädig bedient ist. Denn der für europäische Verhältnisse fast ungeheure Umfang von 430 Seiten erklärt sich aus dem Umstand, dass Baru im Auftrag eines Manga-Verlages die Gelegenheit hatte, eine ältere, „normal“ lange (46 Seiten) Geschichte mit dem Titel „Cours, camarade“ („Lauf, Kumpel“, 1988) für den japanischen Markt neu und anders zu erzählen.

Baru (Autor und Zeichner): „Autoroute du soleil“.
Aus dem Französischen von David Basler. Carlsen, Hamburg 2007. 432 Seiten. 19,90 Euro (derzeit nur noch antiquarisch erhältlich)

Baru, geboren 1947 und einer der eigensinnigsten Comic-Künstler unserer Tage, nutzte die Möglichkeit zum epischen Erzählen weidlich aus, die die Manga-Struktur bietet – bedeutend umfangreichere Alben als in Europa und USA üblich, die allerdings die Actionsequenzen in unendlich viele Einzelbilder aufsplitten, was viel Platz „kostet“ und die Story nicht unbedingt komplexer macht. Da, wo es Sinn macht, ergeht sich auch Baru in einer kleinteiligen (beziehungsweise zeitlupenhaften) Zerlegung von Action, allerdings nie ohne komische Brechungen und unter Auslassung allzu kruder Details, aber meistens dreht er die Manga-Struktur um und zerlegt atmosphärische, emotionale und schlicht zeichnerisch dominierte Bildsequenzen in viele, oft sogar ganz- und doppelseitige Panels.

Dieser technische Aspekt wiederum hat Konsequenzen für die sorgfältige und komplexe Storyführung: Karim Kemal, ein eher testosterongesteuerter beur, und Alexandre Barbieri, Kind italienischer Einwanderer, müssen aus dem krisengeschüttelten Lothringen abhauen, weil der hübsche Karim ausgerechnet ein Verhältnis mit der Gattin eines rechtsradikalen Politikers hat und der schwer spätpubertätsgeschüttelte Alexandre ihn zunächst einmal rettet. Auf einem Trip die Autoroute du soleil entlang quer durch Frankreich nach Marseille führt uns das ungleiche Gespann (hinter dem bald auch noch bis an die Zähne bewaffnete Dealer her sind) wie in einem guten Road Movie auch quer durch alle Neurosen- und Neuralgiezonen Frankreichs. Klugerweise verzichtet Baru darauf, die ganze Grande Nation als xenophobe Vereinigung zu zeichnen, aber dass in manchen Teilen Frankreichs Krieg herrscht, das macht er schon deutlich. Und er hat einen sehr klaren Standpunkt, den er in Grozsscher Manier an den Typen demonstriert, die er zeichnet. Die Hintergründe sind von großer Detailtreue, die Körper der Figuren verzerrt, deformiert, karikiert. Wobei die Karikatur sich durchaus nicht auf die Fieslinge beschränkt – auch Karim und Alexandre können kreuzblöd aussehen, wenn sie sich so benehmen – und nicht nur in verzerrter Physignomie aufgeht. Die Körpersprache, das dragonerhafte Klick-Klack des Ganges einer widerwärtigen Kapitalistenvettel zum Beispiel, genügen als Kommentar (und sind nebenbei ein wunderbarer running gag).

Aber Baru ist, bei aller Innovation, was vor allem die Komplexität der Story und die Verschmelzung europäischer und japanischer Strukturen betrifft, nicht voraussetzunglos: Die Subtilität der Grauabstufungen („L’Autoroute du soleil“ ist ein s/w-Album) kann Hitze und Kälte, Stimmung und Spannung, Nähe und Ferne beliebig evozieren und hat ihre Wurzeln deutlich bei Jacques Tardi, der Bildaufbau, das Arrangement von Vorder- und Hintergrund, Figuren und Kontext tragen manchmal deutlich Züge von Alberto Breccias Werken. Auch das ist kein Zufall, denn Tardis ständiges Wühlen in den Schmutzecken der französischen Vergangenheit und Breccias furiose Attacken gegen die Dikaturen Lateinamerikas haben denselben „Geist“ wie das Werk Barus. Sie alle entfalten ihre Kunst engangiert an den unschönen Themen des Alltags, die – glaubt man dem gerade mal wieder virulenten Zeitgeist – keine ernstzunehmende Gegenstände der Kunst sind.

Baru ist der schlagende Beweis, wie überzeugend und substantiell Kunst sein kann, die etwas zu erzählen hat – wegen der Raffinesse ihrer Mittel und der schieren Qualität ihrer ästhetischen Erscheinung. Planetenfern von der „Kultur“ der Generation Golf und des Fräuleinwunders und den Kindern von Peek Cloppenburg.

Dieser Beitrag erschien zuerst als „Crime Watch Kolumne #36“ am 26.05.2000 in: Der Freitag

Thomas Wörtche, geboren 1954. Kritiker, Publizist, Literaturwissenschaftler. Beschäftigt sich für Print, Online und Radio mit Büchern, Bildern und Musik, schwerpunktmäßig mit internationaler crime fiction in allen medialen Formen, und mit Literatur aus Lateinamerika, Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Mitglied der Jury des „Weltempfängers“ und anderer Jurys. Er gibt zurzeit das Online-Feuilleton CULTURMAG/CrimeMag und ein eigenes Krimi-Programm bei Suhrkamp heraus. Lebt und arbeitet in Berlin.

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