„In Corona-Zeiten ist die Recherche etwas mühsam“

2017 erhielt die Reihe „Deutsche Comicforschung“ in der Kategorie „Beste Sekundärliteratur“ den PENG!-Preis auf dem Münchner Comicfestival. Seit 2005 erscheint das Periodikum unter der Herausgeberschaft von Eckart Sackmann. Die jüngst veröffentlichte Ausgabe „Deutsche Comicforschung 2021“ bot Anlass, ihm ein paar Fragen zu den Arbeitsabläufen zu stellen.

In den letzten Tagen habe ich u. a. deinen Artikel über den Schneiderbalken im Kölner Dom gelesen. Das ist ja ein sehr spezieller Beitrag. Wie bist du darauf gekommen? Ich nehme an, du bist persönlich vor Ort gewesen?

Eckart Sackmann (Hg.):
„Deutsche Comicforschung 2021“.
Comicplus, Leipzig 2020. 144 Seiten. 39 Euro

Ja, ich gehe immer durch den Dom, wenn ich zur Comicbörse in Köln bin. Und dass es immer wieder was zu entdecken gibt, habe ich vor einem Jahr gemerkt, als ich nicht nur in Augenhöhe geguckt habe, sondern auch ein bisschen nach oben. Ich habe mich dann schlau gemacht, was das für ein komisches Gemälde ist, habe Kontakt zum Dombau-Archiv aufgenommen, und so ist der Artikel entstanden. Birgit Lambert, die jetzt mein Kontakt bei der Dombauhütte war, hat vor vielen Jahren ihre Abschlussarbeit zum Schneiderbalken geschrieben, und die Ergebnisse kann man in einer älteren Ausgabe des Jahrbuchs „Kölner Domblatt“ nachlesen. Sie war natürlich nicht auf sequentielle Bild-Erzählungen gepolt, und das habe ich jetzt nachgeholt.

Welche Unterlagen hast du für den Beitrag „Emanzipation und Berufung: Comiczeichnerinnen“ genutzt?

Das ist ja nur ein grober Überblick über diese Entwicklung. Dazu reichte es, auf meinen eigenen Bestand an Comics zurückzugreifen und ein paar Sachen dazuzukaufen. Vierzig Jahre Erfahrung und eine gute Sammlung helfen da weiter.

Bekommst du auch manchmal externe Tipps, welche Themen für einen Jahrgangsband interessant sein könnten?

Beim letzten Band gab es einige Anregungen von außen, zum Beispiel von Siegmund Riedel, der bereits zu Tuszynski die Zeitungen gesichtet hatte. Die Artikel zu „Onkel Tapps“ und Jonny Reinisch verdanke ich den Vorarbeiten von Gerd Lettkemann. Von ihm habe ich vor einiger Zeit alle seine Unterlagen übernommen, ein gutes Dutzend Leitz-Ordner, das meiste zur Vorkriegszeit. Vieles davon wird in den nächsten Bänden von „Deutsche Comicforschung“ noch vorgestellt werden. Was Gerd da zusammengetragen hat, ist nur das Gerüst: Daran schließen sich dann für mich ausgiebige Bibliotheksbesuche an. In Corona-Zeiten ist diese Recherche etwas mühsam.

Was hat sich durch Corona geändert?

Die Bibliotheken waren beim letzten Lockdown ganz geschlossen, und ich rechne damit, dass das schnell wieder passieren kann. Zurzeit muss ich meinen Leseplatz eine Woche im Voraus buchen; Bücher aus dem Magazin zu bestellen, dauert jetzt fünf Tage statt drei Stunden. Besonders kompliziert war die Organisation für das Sichten eines Vorkriegs-Sprechblasencomics von Hans Kossatz, der in der nächsten Ausgabe besprochen werden wird. Der ist in den 30er Jahren in der „Berliner Morgenpost“ erschienen, die es eigenartigerweise wenig in Bibliotheken gibt (jedenfalls nicht in der dnb, der Deutschen Nationalbibliothek). Ich habe dann auf eine Berliner Mikrofilmausgabe zurückgreifen wollen, doch die Staatsbibliothek organisiert sich derzeit neu, und so war es nicht leicht, daranzukommen. Als ich kurz davor war, nach Berlin zu fahren, hieß es, der Drucker sei kaputt. Ohne ausdrucken zu können, wäre meine Recherche sinnlos gewesen. Also habe ich die Staatsbibliothek gebeten, die Filme nach Leipzig in die dnb zu schaffen. Zwölf Jahre Tageszeitung auf Mikrofilm zu sichten und den Comic auszudrucken, hat über eine Woche gedauert; hinterher war ich reif für die Klapsmühle.

Gibt es inzwischen einen festen Stamm an mitwirkenden Autoren?

Jein. Es gibt einige, die recht regelmäßig bei uns publizieren, z. B. Helmut Kronthaler. Von Siegmund Riedel hoffe ich auch, dass er bei der Stange bleibt. Den muss ich aber eher bremsen; er hat schon Material für drei, vier weitere Artikel. Daneben halte ich Ausschau nach potentiellen Mitarbeitern, von denen ich etwas gesehen habe, das bei uns reinpassen könnte. Der Tscheche Tomas Prokupek ist so ein Fall. Er ist in seinem Land die Koryphäe für Comics und freute sich, als ich ihn ansprach. Tschechien war ja mal weitgehend deutschsprachig; darüber muss man sich allen politischen Entwicklungen zum Trotz austauschen.

Gibst du diesen Autoren Themen vor, oder ist es genau umgekehrt, dass dir diese Autoren Beiträge vorschlagen?

Es ist vielmehr so, dass ich ein Thema oder einen Autor für geeignet halte und dann sehe, ob sein Forschungsschwerpunkt in unseren Kanon, unser Modell passt, in jedem Band einen Querschnitt durch den ganzen Zeitraum der Comic-Entwicklung zu liefern. Durch die Vorarbeit von Gerd Lettkemann habe ich jetzt besonders viele Hinweise zur Vorkriegszeit. Das kann ich nur bröckchenweise einstreuen. An Themen und an Material zu kommen, ist nicht das Problem; es zu ordnen und dafür zu sorgen, dass es kein Übergewicht gibt, ist manchmal etwas kompliziert. Für den nächsten Band habe ich ein Kapitel aus Matthias Kretschmers Buch über Mirko Szewczuk übernommen und ausgeweitet, in dem es um den Einsatz der Zeichner für die Nazi-Propaganda geht. Im Laufe der Zusammenarbeit hat Kretschmer Blut geleckt, aber es wird bis 2022 (Band für 2023) keine Möglichkeit da sein, seine neuen Erkenntnisse zu verwerten.

Du selbst schreibst immer noch einen Großteil der Artikel…

Ja, weil es Spaß macht und naheliegend ist. Für den Band 2022 habe ich drei Beiträge von mir so gut wie fertig: über Theodor Hosemann (19. Jahrhundert), den erwähnten Kossatz-Comic (1930er Jahre) und zu Hellmut Maenner-Yo („Funki und Fünkchen“, 50er Jahre). Bis ihr die lesen könnt, müsst ihr aber noch fast ein Jahr warten.

Dieses Interview erschien zuvor auf: ppm-vertrieb.de