Der Hass in ihm

„Geschichte? Haben wir keine!“, erklärt die „Matrone der Stančičs“, „die Geschichte macht ihr! Ihr schreibt sie auf.“ Die Mutter einer Roma-Familie, die in einem verfalle­nen Gehöft irgendwo in der italienischen Provinz lebt, hat dabei ein Baby auf dem Schoß und eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm — es ist vor allem diese Geschichte, die von „ihnen“ gemacht wurde, von ihren namenlosen und unsicht­baren Zeitgenossen, der Elterngene­ration der Protagonisten in „Dreimal spucken“ des italienischen Zeichners Davide Reviati.

Davide Reviati: „Dreimal spucken“.
Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Avant-Verlag, Berlin 2020. 562 Seiten. 34 Euro

Es sind die 60er Jahre, und die Überlebenden des Holocaust sind noch im Alltag der Menschen präsent. „Dreimal spucken“ erzählt aus der Perspektive der Jugendlichen Guido, Grisù, Katango und ihrer Clique vom Aufwachsen in diesen Jahren, die auch in Italien geprägt waren vom Schweigen über die eigene Mitschuld am Holocaust und dem unterhalb dieses Schweigens nach wie vor brodelnden Hass auf alles Fremde, mit dem die Kinder aufgewachsen sind. „Heute wohnen sie da immer noch in ihren Wohnwagen. Das Haus benutzen sie nur als Lager. Nur damit sie anders sind als wir“, erklärt der Erzähler Guido, in dem viel vom Zeichner Reviati selbst steckt. „Mehr weiß ich nicht und das ist schon zu viel. Ist doch scheißegal. Zigeuner eben, was braucht man da zu wissen?“

„Dreimal spucken“ setzt immer wieder neu an, erzählt von den Fluchtversuchen der Protagonisten aus der Enge der Provinz, die schließlich nur Guido gelingen werden: „Weg. Bologna. Literatur und Philosophie. Danach die Malerei. Das Zeichnen. Als bräuchte man nur eine Tür zuzumachen.“ Erst mit der Flucht in die Kunst kann Guido die Tür des Hasses auf das Fremde hinter sich schließen, auf dem Weg dorthin rekapituliert er die eigene Sozialisation ebenso wie die Ermordung von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten und beschreibt das unbescholtene Leben vieler Täter nach 1945. In seiner Jugend dagegen war die Ausgrenzung der früheren Opfer Teil des Alltags. Diesen Alltag haben er und seine Freunde zwar ebenfalls gehasst, die Gründe für diese Abscheu vor dem provinziellen Leben jedoch nicht bei den Strukturen gesucht, in denen sie funktionieren müssen, sondern bei den Abweichungen von der Norm.

In einer Sprache, in der Derbheit und Härte mit lyrischen Passagen abwechseln, erzählt Davide Reviati ein Märchen von der Möglichkeit der Befreiung aus den Fesseln der Herkunft: „Es war ein Morgen, weiß, ohne Lust und ohne Sorgen.“ „Es war einmal“, heißt es zu Beginn. Es scheint fast, als habe der Zeichner seinen Comic benötigt, um aus dem Märchen in eindrucksvollen schwarz-weißen Zeichnungen, die düster und detailreich von Hass und Ausgrenzung, Stereo­typen und Klischees erzählen, für sich selbst eine Realität aus Flucht und Versöhnung möglich zu machen.

Dieser Text erschien zuerst in: Stadtrevue 12/2020

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins.

Seite aus „Dreimal spucken“ (Avant-Verlag)