Weshalb das Private mal politisch war

„Bei mir zuhause“, der dritte autobiographische Comic der Darmstädter Künstlerin Paulina Stulin, ist ziemlich vieles gleichzeitig: eine Offenlegung ihres eigenen Lebens, vielleicht sogar ein Tagebuch, ein Dokument des Alltags, eine Feier der Begegnungen, ein Politikum auf gleich mehreren Ebenen, eine Comicreportage über das Dasein in den urbanen und subkulturellen Strukturen einer kleineren Großstadt; mit über 600 Farbseiten im Hardcover zu gerade mal 35 Euro für den Jaja-Verlag mindestens ein editorisches Wagnis, ein künstlerisches für die fünf Jahre am Werk arbeitende Zeichnerin sowieso und ganz grundsätzlich die klügste Slice-of-Life-Erzählung seit Jahren. Das Wagnis hat sich gelohnt: Schon nach wenigen Monaten ging Stulins Graphic Novel in die dritte Auflage, und es muss der Weltuntergang dazwischengefunkt haben, wenn „Bei mir zuhause“ in 20 Jahren nicht als Klassiker seiner Zeit behandelt wird.

Paulina Stulin: „Bei mir zuhause“.
Jaja Verlag, Berlin 2020. 612 Seiten. 35 Euro

Stulin erzählt von sich über einen Zeitraum von ungefähr einem Jahr, und das auf eine unaufgeregte Weise radikal. Sie ist das Zentrum jeder Passage, wir begleiten sie bei der Sozialarbeit in der Jugendbetreuung, beim Trip mit der Freundin nach Portugal, im Drogenrausch, auf Partys und an ihrem 30. Geburtstag oder ins Krankenhaus. Das erzählerische Genie zeigt sich besonders beim schnellen Stimmungswechsel, immer zusammengehalten vom pointierten Mienenspiel und den präzis verknüpften Panelperspektiven. Beispielsweise wenn sich auf vier textlosen Seiten ein One-Night-Stand ankündigt, von der Kneipe bis zu Stulins Dachgeschosswohnung, der „Kamerablick“ von der Halbtotalen immer mehr zum Close-Up der Körper wechselt und dann, als der Typ auf die Bitte, doch schon mal Musik rauszusuchen, irgendeinen Radiosender mit Werbegebrüll anschmeißt, sich abrupt offenbart, dass er ein Idiot ist: „Also so richtige Lieblingsalben habe ich jetzt nicht direkt. Ich höre halt, was gerade läuft. Soll ich einen anderen Sender reinmachen?“ Wenn die Stulin-Figur ihm sogar bis zum nächsten Morgen ihr Zuhause überlässt, mitten in der Nacht zu einer Freundin flieht und in der Tür mit einem versehentlich runtergerissenen Regal die Kinder weckt, gleicht das der aus Melancholie gezimmerten Situationskomik der besten Judd-­Apatow-Filme.

Das sind die humorvollen Momente. Zu gleichen Teilen dokumentiert Stulin die abgründigen Ereignisse, die Augenblicke, in denen die Gesellschaft ihre widerliche Fratze offenbart. Am einsamen Strand von Portugal beschreibt sie die Begegnung mit einem vermummten Exhibitionisten. Oder wie sich die Hermetik im autonomen Laden in Darmstadt langsam aufzulösen beginnt, als ein Bekannter auf einmal rechte Reden schwingt. Ab da ist die Party vorbei, und es ist längst augenscheinlich, dass der Comic auch als Zeitkapsel konzipiert ist. Dazu passt die Figur Stulins. In ihr spiegeln sich all die Widersprüche des Alltags, denen man auch mit der ausgefeiltesten Theorie nicht entkommt: „Wärst du noch so hot wie früher, hätte ich dich mitgenommen“ denkt sie, als sie nach fünf Jahren einen Bekannten wiedertrifft. Mit einem sich selbst geißelnden Blick radelt sie nach Hause. Weisen die Straßenpfeile in ihre Fahrtrichtung schon den Weg in die Körpernorm? Und ist der Wunsch abzunehmen die Kapitulation vorm Gesundheitsdiskurs und Fitnesswahn, vor Selbstdisziplinierung und Leistungsbereitschaft? „Normschön zu sein, würde mir zweifellos das Leben erleichtern.“ Etwas später mahnt das versteinerte Lachen der Hard Bodies aus den Youtube-Videos zum Trimmen.

Stulin rückt sich oft ins unvorteilhafte Licht, mehrfach setzt sie sich gänzlich unbekleidet ins Bild und zweifelt an sich selbst. Und in diesen intimen Szenen erinnert man sich, weshalb das Private mal politisch war. Heute, wo der Begriff „Opfer“ als Schimpfwort verwendet wird und Schwäche dem neoliberalen Apparat ein Graus ist, taugt eine solche Zurschaustellung von Fragilität mehr denn je zur Herausforderung des Status quo. An der Welt zu leiden, mag heute nicht mehr zeitgemäß sein. Wie man es trotzdem kann, ohne dabei zerrieben zu werden, dafür liefert „Bei mir zuhause“ sehr viel Anschauungsmaterial.

Diese Kritik erschien zuerst am 25.03.2021 in: Junge Welt

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Bei mir zuhause“, hier und hier zwei Gespräche mit Paulina Stulin.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel und Junge Welt. Beiträge u. a. in Neues Deutschland, Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.

Seite aus „Bei mir zuhause“ (Jaja Verlag)