Körperkontraste

Neben dem Sofa liegt eine einsame Socke, Szenemagazine stapeln sich neben dem Tisch, eine Kaffeetasse liegt umgefallen zwischen Blumen. Nach einer geschniegelt, technisierten Science-Fiction-Welt sieht das Interieur in „Melek + ich“ nicht gerade aus, eher wie das Klischee einer zeitgenössischen Studierenden-WG: Science Fiction bedeutet für Lina Ehrentraut vor allem, dass queeres Leben zur Normalität gehört.

„Ich glaub halt, dass durch SF so eine Möglichkeit entsteht, Geschichten zu erzählen, die abseits von heteronormativen Welten spielen“, sagt die Illustratorin. „Wenn Du so übernatürliche oder technisch krasse Welten hast, ist es ja eigentlich die perfekte Möglichkeit, da andere Lebensumstände als in klassischen heteronormativen Welten zu erzählen, weil halt eh nicht alles ist, wie es erwartet wird.“

Eine Maschine, die Menschen in verschiedene Dimensionen beamen kann, gibt es trotzdem in der Geschichte. Die hat die Wissenschaftlerin Nici gebaut – und einen Körper, mit dessen Hilfe sie durch die Dimensionen reisen will. Melek heißt der Körper. Und die erste Reise führt die Wissenschaftlerin zu ihrem Alter Ego: Melek trifft Nici, die im Paralleluniversum das komplette Gegenteil der ursprünglichen Nici ist: nämlich unordentlich, verpeilt und sie arbeitet als Barkeeperin.

Lina Ehrentraut: „Melek + ich“.
Edition Moderne, Zürich 2021. 240 Seiten. 25 Euro

Für Lina Ehrentraut ist das ein autobiografisches Spiel mit den eigenen Potentialen. Sie sei in der Schule immer sehr gut in Naturwissenschaften gewesen, aber in ihrer Familie habe damit keiner etwas anfangen können, sodass sie in dieser Richtung nicht gefördert wurde. „Und manchmal denke ich schon so: Vielleicht hätte das auch etwas sein können, was ich hätte werden können. Und aus so einer Fantasie ist das auch so ein bisschen entstanden – vielleicht – wäre ich in dem Punkt gefördert worden, wäre ich jetzt wirklich Naturwissenschaftlerin.“

Nun ist Lina Ehrentraut eine Comiczeichnerin, Künstlerin und Modedesignerin geworden, die zum Leipziger Künstlerinnenkollektiv Squash Leipzig gehört und ihre Leidenschaften verbindet. Die Kleider, die die Protagonistinnen tragen, hat Lina Ehrentraut als Prototypen geschneidert. Und dann tauchen zwischen den schwarz-weiß gezeichneten Comicbildern knallbunte, meist abstrakte Malereien auf, die wirken, als wären die Protagonistinnen auf einem Endorphin-Trip.

Sex, küssen, singen und schwimmen ist auch das, was Melek und Nici im Comic machen. Denn die Wissenschaftlerin geht eine Affäre mit ihrem Alter Ego ein, mit allen Höhen und Tiefen, von der ungebrochenen Begeisterung bis es knallt, weil die eine immer rumlaviert, während die andere klare Ansagen macht. Die Emotionen zeichnet Lina Ehrentraut mit ihren rüden schwarzen Strichen so klar, dass Melek und Nici wie offene Bücher wirken. Und den Sex der beiden zeichnet sie so explizit, dass einzelne Seiten wie ein Porno wirken.

„Ich denke, dass jeglicher, nicht penisfixierter Sex zu kurz kommt in den Darstellungen, die es so in der Popkultur gibt“, sagt die Leipziger Künstlerin. „Und wenn es lesbischen Sex gibt, zum Beispiel in Pornos, dann ist das ja auch sehr für Cis-männliche Betrachter. Und ich denke, dass es auch für mich sehr wichtig als Teenie gewesen wäre, solche Lebenswelten zu sehen. Ich wünsche mir, dass es eine Vielfalt von Darstellungen gibt, von verschiedensten Leuten, die Sex haben und dass es normalisiert wird, dass sehr viele Leute gerne Sex haben.“

Lina Ehrentraut zeichnet „Melek + ich“ als ausdrucksstarkes queeres Liebesabenteuer, das wie ein rüder Independent-Comic daherkommt – und interpretiert das Science-Fiction-Genre damit neu.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 31.03.2021 auf: MDR Kultur

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

Seite aus „Melek + ich“ (Edition Moderne)