Suche nach sich selbst – „Winter in Sokcho“

Koya Kamuras um wunderschöne Sequenzen der renommierten Animationsfilmerin Agnès Patron angereichertes Drama erzählt von den Identitätsnöten einer jungen Koreanerin, die sich in einen Comiczeichner auf Inspirationssuche verliebt.

Soo-ha (Bella Kim) hat in Seoul koreanische und französische Literatur studiert. Jetzt lebt die junge Frau wieder in der südkoreanischen Küstenstadt Sokcho im äußersten Nordosten des Landes, wo die Grenze zu Nordkorea nicht weit ist. Während die mittelgroße Stadt zwischen den schroffen Felsen des Seoraksan-Gebirges und dem Japanischen Meer in den Sommermonaten ein beliebtes Touristenziel ist, erscheint sie im Winter fast verwaist. Diese Stimmung aus nebelverhangener Kälte, vereisten Straßen und Einsamkeit passt zu der zurückhaltenden Soo-ha, die noch auf der Suche ist nach sich selbst und nach einem Platz im Leben. Während sie vielleicht nur vorübergehend in der kleinen Pension „Blue House“ des verwitweten Herrn Park (Tae-ho Ryu) aushilft, indem sie kocht, spült, putzt und sich um die Gäste kümmert, geht ihre Beziehung zu Jun-ho (Dyu Gong), der in der Hauptstadt eine Model-Karriere anstrebt, still ihrem Ende zu. Das Verhältnis zu ihrer alleinstehenden Mutter (Mi-hyeon Park), die als Fischverkäuferin auf dem örtlichen Markt arbeitet, ist angespannt. Ihren französischen Vater hat Soo-ha nie kennengelernt.

Auch deshalb fühlt sie sich als Außenseiterin. Emotional verunsichert und von anderen aufgrund ihres Aussehens immer wieder gehänselt und bevormundet, spürt sie zunehmend deutlicher die väterliche Leerstelle. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als der französische Comic-Zeichner Yan Kerrand (Roschdy Zem) in der Pension absteigt. Weil sie Französisch spricht, ist Soo-ha prädestiniert, sich um den unnahbaren, einzelgängerischen Gast zu kümmern, der offensichtlich nach Inspiration für eine neue Geschichte sucht. Sie begleitet ihn in die Stadt, zeigt ihm die Berge und fährt mit ihm zu einem Museum in der entmilitarisierten Zone. Heimlich beobachtet sie den Zeichner bei der Arbeit und recherchiert sein Privatleben. Dabei wird der Fremde ebenso zur Projektionsfläche für die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater wie zum Objekt eines stillen Liebesbegehrens. Doch während sich Soo-ha öffnet und Zuneigung schenkt, bleibt Yan Kerrand äußerlich verschlossen. Trotzdem entsteht in der jungen Frau eine innere Bewegung, die ihr schließlich eine neue Perspektive sowohl auf ihr Leben als auch auf ihre Mutter ermöglicht.

Behutsam, verhalten und subtil erzählt der französisch-japanische Regisseur Koya Kamura in seinem Film „Winter in Sokcho“, der auf dem gleichnamigen Roman von Elisa Shua Dusapin basiert, von einer gleich in mehrfacher Hinsicht schwierigen Identitätssuche. Dabei bleibt vieles absichtlich offen, nur angedeutet oder auch unausgesprochen. Stattdessen evoziert der Film eine sinnliche, heimelige Atmosphäre, in die ein intimes Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit eingebettet ist. Um das widersprüchliche innere Erleben der Heldin zu vergegenwärtigen, hat der Regisseur in Zusammenarbeit mit der renommierten Animationsfilmerin Agnès Patron kurze, animierte Sequenzen gestaltet, deren Grundprinzip eine unablässige Metamorphose ist, mit der sich bewegte Linien in abstrakte Formen und wandelbare Körper auflösen. Auch Soo-ha erlebt unmerklich und sukzessive eine Veränderung, die sich aber eher wie die natürliche Bestätigung von etwas bereits Gewusstem oder wie ein Einverständnis mit dem Gegebenen anfühlt. Sie muss nicht mehr hoffen und warten. Schließlich kann sich in ihrer Fantasie ein Fisch in einen Vogel verwandeln und im Flug zum Himmel aufsteigen.

Winter in Sokcho
Frankreich/Südkorea 2024 – 105 Min.

Regie: Koya Kamura – Drehbuch: Stéphane Ly-Cuong, Koya Kamura – Produktion: Fabrice Préel-Cléach – Kamera: Élodie Tahtane – Montage: Antoine Flandre – Musik: Delphine Malaussena – Darsteller*innen: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi-hyeon, Ryu Tae-ho, Gong Do-yu – Verleih: Film Kino Text – Kinostart (D): 05.02.2026

Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.

Sämtliche Abb. © Film Kino Text