Auch ihren zweiten Sherlock-Holmes-Fall konzipieren Benoit Dahan und Cyril Lieron als grafischen Exzess, der tief in den Gedankenpalast des Detektivs vordringt und sogar mit immersiven Gimmicks angereichert ist.
Schottland ist bekanntlich immer eine Reise wert, aber wenn Sherlock Holmes sich aufmacht Richtung Norden, dann steckt mehr dahinter. Zum Beispiel ein geheimnisvoller Brief, in dem in zittriger Handschrift und scheinbar wirrer Gedankenführung vor einer fürchterlichen Gefahr gewarnt wird. Gemeinsam mit Watson steigen wir ein in Holmes‘ „Train of Thought – Internal Line“ (ein feines Wortspiel, „train of thought“ bezeichnet tatsächlich einen Gedankengang) und stellen fest: Der Brief ist chiffriert, wenn man ein Licht dahinter hält (was auch für die Comicseite gilt), erscheinen nur die entscheidenden Worte, die durchaus Sinn ergeben.
Mit Hilfe eines Stempelabdrucks folgert Holmes, dass der Brief in einem Lebensmittelladen nahe Portree auf der Isle of Skye abgeschickt worden sein muss, wohin man sich nach einem kurzen Abstecher nach Edinburgh aufmacht, wo der Psychologe Professor Abernathy konstatiert, der Brief müsse von einer Person stammen, die unter schwerem Schock stünde. In Armishader nahe Portree angekommen, schlägt den beiden Ermittlern Misstrauen und Angst entgegen – der Hufschmied Graham ist im örtlichen Loch Leathan ertrunken, die abergläubischen Einheimischen vermuten die sagenhaften Kelpies als Missetäter, Monster in Pferdegestalt, die Menschen gerne in ein nasses Grab ziehen.

Der Brief stammt offenbar von einer Millie Ogilvy, die ebenfalls seit drei Wochen tot ist. Im Haus ihres Ehemanns Alistair finden die Detektive die Rechnung eines Pferdekaufs, was Holmes als nächste Spur wertet. Am Gestüt gibt sich Holmes als Kaufinteressent aus und beobachtet allerlei Seltsamkeiten: Finstere Gestalten, mysteriöse Handzeichen und absonderliche Trainingsmethoden offenbaren, dass man es mit Mitgliedern der Loge „The Horsemen’s Word“ zu tun hat. Dann wird am Ufer des Sees Alistair Ogilvy tot aufgefunden. Nach einer Inspektion des Tatorts lassen die beiden Ermittler die Fundstücke von einer alten Kräuterhexe untersuchen, die augenscheinlich tatsächlich auf das Wüten eines Kelpies hindeuten.
Auch in „Der Albtraum von Loch Leathan“ tauchen wir buchstäblich in den Kopf von Sherlock Holmes ein Die geniale Grundidee von Cyril Lieron und Benoit Dahan, die sie bereits im Vorgänger „Rätsel der skandalösen Eintrittskarte“ perfektionierten, macht auch diese Episode zu einem ganz besonderen Genuss. Wieder werden die Geschehnisse aus der Perspektive des Ermittlers gezeigt. Seine Deutungsprozesse liefern anlass zu zahlreichen grafischen Spielereien, die in kleinen Anmerkungen und Einschüben in fast jeder Szene zu sehen sind (sensationell etwa der Fund der Leiche Ogilvys, in der mit einer Legende versehen acht Hinweise versteckt und erklärt werden).
Optisch umgesetzt wurde dieses Prinzip bereits in der TV-Serie mit Benedict Cumberbatch, wo Holmes‘ „Gedankenpalast“ in Überblendungen erscheint, aber in diesem Comic sind sogar die Rezipienten gefordert. Wie schon in Band 1 lassen sich durch das Beleuchten der Seiten von hinten erstaunliche Entdeckungen machen. An anderer Stelle müssen die Seiten gefaltet und aneinander gelegt werden, um einen Code zu entschlüsseln.
Atmosphärisch setzen Lieron und Dahan diesmal intensiv auf Lokalkolorit. Die atemberaubende, teils unwegbare Natur auf der Hebriden-Insel Skye spielt in historischen Landkarten, Wegbeschreibungen und düsteren Ansichten eine zentrale Rolle, auch das beliebte Wanderziel Old Man of Storr kommt vor. Inhaltlich lehnt sich die Episode an Holmes‘ am Gruselgenre orientierten Fall des Hundes von Baskerville an, auf den die kurze Einleitung Bezug nimmt – was nahelegt, dass es auch hier eine durchaus irdische Erklärung für die Ereignisse geben wird. Während der erste Fall noch als Doppelband erschien, muss man sich diesmal allerdings bis zum Erscheinen des zweiten Teils in Frankreich gedulden. Wir sind gespannt!
Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.
Cyril Lieron, Benoit Dahan (Szenaristen), Benoit Dahan (Zeichner): Im Kopf von Sherlock Holmes Band 2 – Der Albtraum von Loch Leathan Teil 1 • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 48 Seiten • 18,00 Euro
Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.

