Reduktion mit Schattenwurf – „Es war einmal Amerika“

Die Krimiverleger Francois Guérif und Oliver Gallmeister beleuchten in einer dreibändigen Sachcomic-Reihe den Kanon der US-amerikanischen Literaturgeschichte.

Literaturgeschichte als Graphic Novel? Aber ja. Das ist immer willkommen. „Es war einmal Amerika. Eine Geschichte der amerikanischen Literatur“ malt ein gewaltiges Fresko, teilt sich auf zwei Bände auf (ein dritter wird noch folgen). Band 1 erzählt das 19. Jahrhundert, Band 2 das 20. Jahrhundert, vornehmlich die erste Hälfte. Zusammen sind es 480 Seiten. Und sie erschlagen nicht, weil das Grundprinzip der Comics, die Reduktion, hier in gleich mehrfacher Hinsicht Platz greift.

Das Autorenkollektiv (unten dazu mehr) hat es sich nicht leicht gemacht und je Band zehn Schriftsteller ausgewählt, zwei Frauen sind unter den 20 Auserwählten.

Für Band I sind das:
Prolog: Amerika, Tochter Europas
James Fenimore Cooper, Der letzte Mohikaner und der Völkermord an den Ureinwohnern
Nathaniel Hawthorne und Die Hexen von Salem
Edgar Allan Poe und die Erfindung des Kriminalromans
Henry David Thoreau, die Erfindung des Nature Writing und der Kampf gegen die Sklaverei
Walt Whitman, die Geburt der amerikanischen Poesie und der Sezessionskrieg
Herman Melville, Moby Dick und die Eroberung der Ozeane
Emily Dickinson und der Puritanismus
Mark Twain und der Humor des Westens
Henry James und der Gegensatz von alter und neuer Welt
Jack London und der Goldrausch.

Band 2:
Prolog: Die Ernüchterung der 1920er Jahre
Dashiell Hammet, die Erfindung des Hardboiled-Kriminalromans und der McCarthyismus
Henry Miller und die Erotik im Land des Puritanismus
F. Scott Fitzgerald und die Roaring Twenties
William Faulkner und der Rassismus des Südens
Ernest Hemingway, die Weltkriege und die verlorene Generation
John Steinbeck und die Krise von 1929
Tennessee Williams und das Theater des Wahnsinns
Jack Kerouac und die Beat Generation
Truman Capote und True Crime
Flannery O’Connor: Weiße kleine Leute und Schwarzer Humor – der Southern-Gothic-Stil.

Jedes Kapitel hat 18 bis 24 Seiten Umfang, versucht Stil, Werk und Geist des jeweiligen Autors zu erfassen, taucht ausführlicher und szenisch in zwei, drei seiner Bücher, und schließt mit einer Art Stammbaum, den dieser Autor begründete, und einem seiner Werke. Bei Edgar Allan Poe etwa trägt er die Namen: Emily Dickinson (1830-1886), „Because I Could Not Stop for Death“ / H. P. Lovecraft (1890-1937), „Berge des Wahnsinns“ / Philip K. Dick (1928-1982), „Das Orakel vom Berge“ / Dan Simmons (1948), „Kraft des Bösen“ / Stephen King (1947), „Shining“ und Anne Rice (1941-2021), „Chronik der Vampire“. Bei Jack London finden wir Verweise auf John Steinbeck (1902-1968), „Früchte des Zorns“, James Crumley (1939-2008), „Der letzte echte Kuss“ und Jim Harrison (1937-2016), „Dalva – ein indianischer Sommer“.

Der von Dashiell Hammett begründete Stammbaum verweist auf Raymond Chandler (1888-1959), „Der große Schlaf“, Horace McCoy (1897-1955), „They Shoot Horses, Don’t They“ / Ross Macdonald (1915-1983), Lew-Archer-Romane / James Ellroy (1948), Das LA-Quartett / Larry Brown (1951-2004), „Father and Son“ / Dennis Lehane (1965), Joe-Coughlin-Serie.

Wer die Herausgeber kennt, weiß, wie wichtig ihnen gerade Hammett für ihre Literaturgeschichte ist. Im Schlussbild seines Kapitels findet er Würdigung als Begründer der Hardboiled-Kriminalromane. Raymond Chandler sitzt an seinem Schrifttisch und sinniert: „Ohne Hammett hätte es mich nicht gegeben.“

Und ohne Hammett, das lässt sich sagen, hätte es auch die Herausgeber Oliver Gallmeister und François Guérif und gewiss auch dieses Buch nicht gegeben. Sie sind die „Masterminds“ dieses Werks: Es ist nicht nur eine Geschichte der amerikanischen Literatur aus französischer Sicht, bei so gut wie alle zitierten Quellen handelt es sich um heimische Literatur- oder Kulturwissenschaftler (erinnern wir uns daran, dass der Genrebegriff „Film noir“ in Frankreich geprägt wurde) – und das zweibändige Werk hat einen bestimmten Schattenwurf. Er ist Noir. Frankreich war das Land, das den USA die Freiheitsstatue schenkte und dieses Land seit Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville (1805-1859) immer als Hort der Demokratie betrachtet hat. Allein, so sagt es der Prolog von Band 2, es folgte „Die Ernüchterung der 1920er Jahre“. Die USA, so sagen es die Autoren, sind „von einem wildgewordenen Kapitalismus gepeinigt“ und „blutbefleckt durch rassistische und koloniale Gewalt“. Sie sehen und beschreiben in ihren Porträts ein vitales, brutales und zugleich empfindsames und folglich zerrissenes Land, männlich geprägt, auch in der Literatur. „Eine Hölle, die mit guten Absichten gepflastert ist.“

Der Literaturhistoriker Jacques Cabau, der das Motto für Band 2 liefert, meinte in seiner bei uns nie übersetzten US-Literaturgeschichte „La Prairie perdue“ (Die verlorene Präriere): „Mit dem Verlust der Prärie fand Amerika seinen Roman und verlor sein Ideal. Ein puritanisches Paradoxon, aus dem die Literatur geboren wird und der amerikanische Liberalismus stirbt.“ Das Motto zitiert ihn, dass die amerikanischen Schriftsteller im 20. Jahrhundert ihren ‚klimatisierten Albtraum‘ fliehen und sich entweder in der Dissidenz oder im Ausland einrichten. „Das ‚Zeitalter des amerikanischen Romans‘ ist im Exil geboren.“ Zwei Puritaner betrachten am Ende von Band 2, wie Manuskriptblätter von amerikanischen Kontinent nach Europa wehen.

Da wäre natürlich auch Chester Himes nicht weit, aber er hat es nicht in das Werk geschafft. Zwar sind gerade seine vier wichtigsten Harlem-Romane bei Gallimard wieder aufgelegt worden, aber nur die. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass er in Frankreich ein Name und breit veröffentlicht war.

Die Autoren

Insidern sind die Namen längst vertraut, Oliver Gallmeister und François Guérif sind die wohl bekanntesten und wichtigsten Verleger von Kriminalliteratur in Frankreich. Guérif, Jahrgang 1946, war 1968 der Gründer von Rivages / Noir – im deutschsprachigen Raum vielleicht nur der von Thomas Wörtche herausgegeben Krimireihe im Unionsverlag zu vergleichen. Er gilt als Entdecker von James Ellroy, Charles Willeford, Jim Thompson, David Goodis und anderen in Frankreich. „Fakten, Dialoge, keine Psychologie“, heißt es im Hammett-Kapitel, „eines Tages wird jemand daraus Literatur machen.“

Oliver Gallmeister ist ein französischer Verleger, der 2005 den Verlag Editions Gallmeister gründete, in Frankreich als Spezialverlag für amerikanische Literatur bekannt und zum Beispiel die Heimat des in den USA nicht mehr publizierten Benjamin Whitmer (bei uns bei Polar). Nach dem Verkauf von Rivages an Actes Sud wechselte François Guérif zu Gallmeister, die Backlist ist schlicht erstaunlich. Die von Rivages ebenso.

Gallmeister & Guérif fungieren als Paten des zweibändigen Sachcomics. Autorin ist die erfahrene Catherine Mory, der in diesem Genre bereits mehrere Bestseller gelungen sind. 2011 erschien „Les Grands Héros de la mythologi“ (Illustrationen Benjamin Carré), 2019 „L’Incroyable Histoire de la littérature française“,2023 „L’Incroyable Histoire de la mythologie grecque“ (Illustrationen Philippe Bercovici), 2024 „L’Incroyable histoire de la mythologie nordique: un voyage au pays des vikings“ (ebenfalls mit Bercovici).

Der Illustrator Jean-Baptiste Hostache hat an einer Reihe von Zeichentrickserien und Spielfilmen als Konzeptzeichner und später als Produktionsdesigner mitgearbeitet. Er zeichnete u. a. die Serien „Clockwerx“ und „Assassin’s Creed“ (beide bei Splitter). Sein Stil erinnert mich an „Tim und Struppi“, ist klar und unaufgeregt. „Es war einmal Amerika“ ist nicht Avantgarde, sondern populäre Literaturgeschichte. Schön fand ich die gelegentlichen Meta-Ebenen, wenn etwa Käpt’n Ahab, pardon the pun, auch einmal neben sich tritt.

„Es war einmal … Amerika“ (Il était une fois … les Amériques) hieß 1991 eine französische Zeichentrickserie, 26 Episoden a 25 Minuten, in der die Besiedlung Amerikas, von der Ankunft der ersten Ureinwohner über die Beringstraße bis heute erzählt wurde. Der Film von Sergio Leone übrigens hieß „Es war einmal in Amerika“ und stammt von 1984. Gelesen wird darin wenig.

Dass ein Independent Verlag wie Jacoby & Stuart aus Berlin solch ein Projekt stemmt, ist aller Anerkennung wert. Vielleicht zum Teil ja dem Deutschen Verlagspreis geschuldet. Schön, wenn solches Geld in aufwendige Projekte geht, die wahrscheinlich sonst nie das Tageslicht gesehen hätten.

Hier findet sich eine weitere Kritik des ersten Bandes.

Diese Kritk erschien zuerst am 01.11.2025 in: CulturMag

Jean-Baptiste Hostache (Zeichner), Catherine Mory, Oliver Gallmeister, François Guérif (Autor*innen): Es war einmal Amerika. Band 1: Das 19. Jahrhundert & Band 2: Das 20. Jahrhundert • Aus dem Französischen von Edmund Jacoby • Jacoby & Stuart, Berlin 2025 • 224/256 Seiten • Hardcover • 32,00/35,00 Euro

Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.