SHIPWRECK – Die Graphic Novel am laufenden Band

Die Graphic Novel „Shipwreck“ aus der Feder des deutschen Künstlers Paul Rietzl verfrachtet einen klassischen Intrigen-Plot aus dem feudalem Japan gekonnt in eine ferne, düstere Zukunft und in die unendlichen Weiten des Weltraums. Giftige Intrigen, verletzter Stolz, der Ehrentod Seppukku, dynamisch inszenierte Schwertduelle und eindrucksvolle, riesige Raumfrachter harmonieren trotz des zuerst hanebüchen klingenden Ansatzes hervorragend miteinander und liefern gleichzeitig den idealen Inhalt für eine Comic-Erzählung auf einer Schriftrolle.

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Eine großartige Idee, sich selbst ein wenig wie ein Samurai fühlen zu können, während man die detaillierten, manchmal an die Werke von Kevin Eastman oder Frank Miller erinnernden Bilder Zentimeter für Zentimeter in fließenden Übergängen an sich vorbeiziehen lässt. Der zunächst sehr wertige Eindruck der Rolle vom Berliner Ausnahmeverlag „Round not Square“ sorgt für kräftiges Papier und einen klaren, knalligen Druck, der die Weltraum-Samurai in ihrer Ehrenhaftigkeit entsprechendem Glanz erstrahlen lässt.

Der ambitionierte Ansatz hat jedoch auch seine Tücken, wie der Verfasser dieses Artikels feststellen musste. Der Fairness halber fühlt er sich aber auch verpflichtet auf seine eingeschränkten motorischen Fähigkeiten hinzuweisen, was seinen haptischen Erfahungsbericht nur bedingt als exemplarisches Beispiel gelten lässt. Anders als bei einer klassischen Schriftrolle verfügt „Shipwreck“ über keine fixierten, runden Hölzer, auf die sich das stolze 15 Meter lange Werk aufwickeln ließe. Zwar ist das „Cover“ eine Art Kapsel aus verstärkter Pappe, hält die Rolle jedoch nur aufgewickelterweise dezent in Form und ließ das Rezensionsmuster sich schon nach einer ersten, vorsichtigen Sichtung nicht mehr so fest aufwickeln, wie es ausgeliefert wurde.

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Dieses eindrucksvolle, kleine Comic-Kunstwerk ist etwas für Genießer, die auch die Aufmerksamkeit und Gelassenheit für ein kleines Leseritual mit sich bringen, nicht unähnlich dem Phänomen, bei dem junge Menschen mit besonderen Geschmacksansprüchen sich auf besonders komplexe, aber wohl auch zufriedenstellendeweise exotische Kaffeesorten aufbrühen. Wer, wie der zuvor erwähnte Autor dieser Rezension, versucht, „Shipwreck“ wie ein Comicbuch auf dem Sofa zu lesen, sollte zuvor sicherstellen, dass kleine Kinder und Katzen tief schlafen und sich nicht in der Nähe des Leseortes aufhalten. Sonst wird der angedachte, gemütliche Leseabend schnell zum psychologischem Harakiri und laufen grobschlächtige Menschen leicht Gefahr, sich in eine bunt bedruckte Mumie zu verwandeln.

Trotz dieser logistischen Herausforderungen ist Paul Rietzls Comic auf der Rolle nicht nur durch die aufwändige Endlosleinwand ein aufwändig inszeniertes Lesevergnügen, sondern auch ein echter Blickfang im Sammlerregal und eine tolle Geschenkidee für Comic-Enthusiasten. Für zukünftige Veröffentlichungen bei „Round Not Square“ würde ich persönlich mir mit dem Erwerb der Rolle trotzdem eine im Preis enthaltene Digitalversion wünschen, mit der man ohne das Material zu belasten den Inhalt optional auch etwas unkomplizierter auf dem PC oder Tablet anschauen kann. Auch wenn das selbstverständlich längst nicht so cool ist, wie der angedachte Weg.

Paul Rietzl: Shipwreck. Round-Not-Square, Berlin 2016. 15 Meter, 28 Euro