„Liebe auf Iranisch“ – Jugend im Zeichen der Unterdrückung

liebe_auf_iranisch_coverLeicht ist es nicht, das Leben im Reiche der Mullahs. Vor allem dann nicht, wenn man jung ist und auch noch auf die absurde Idee verfällt, sich seinen Lebenspartner aussuchen zu wollen. Davon kann zum Beispiel die 26jährige Gila ein Liedchen singen, die mitten in Teheran wohnt. Eigentlich hätte sie keine Chance, ihren Freund Mila in der Öffentlichkeit zu treffen, geschweige denn ihm näher zu kommen. Schließlich gilt jedweder Kontakt (geschweige denn Sex) vor der Ehe als verpönt, künftige Ehepartner werden von den Eltern des Mannes in einem formellen Bewerbungsprozess (Jungfräulichkeitsattest gerne inklusive) ausgewählt, in dem es nicht etwa um Zuneigung, sondern um rein wirtschaftliche Interessen geht. Nur dank ihres weltoffenen Vaters hat Gila die Chance, Mila unter dem Deckmäntelchen eines solchen „Vorstellungsgesprächs“ zu treffen und sich heimlich mit ihm zu verloben – wobei die Argusaugen von Nachbarn und selbsternannten Sittenpolizisten nie fern ist.

Ähnlich hart trifft es Saviosh, einen 20jährigen Kellner, der im Norden von Teheran in einem Szenecafé arbeitet. Eigentlich wäre er gerne Rock-Musiker, was für die Machthaber selbstredend Teufelszeug gleichkommt. Im Café hängen Bilder des Revolutionsführers Chomeini, jederzeit leben die Gäste in Angst vor Razzien und Kontrollen gegen Alkoholkonsum und Rauchen. Mit seiner Freundin will Saviosh in den Norden fliehen, um der Enge zu entgehen: alles sei 1979 erstarrt, Hotels stehen leer, Proteste wie die grüne Bewegung aus dem Jahr 2009 werden brutal niedergeschlagen. Vahid trauert um seine Freundin Neda bei einer Protestaktion zu Tode kam – aber es gibt auch andere Seiten: Kimia und Zeinab gewinnen der Situation durchaus positive Seiten ab. Ihre Eltern setzen ja immerhin alles daran, einen gut verdienenden Mann für sie zu finden, den sie dann nach ihrem Willen „erziehen“ können, ohne jemals selbst für ihren Unterhalt sorgen zu müssen. Auch eine Haltung… liebe_auf_iranisch-int

„Ist das Glück im Iran verboten? Ja, vor allem für die Jugend.“ Dieses Motto durchzieht „Liebe auf Iranisch“, eine Sammlung von Erzählungen, die Jane Deuxard insgeheim vor Ort in persönlichen Gesprächen und Zusammentreffen zusammengetragen hat. Sie bietet denen eine Stimme, die im Iran ohne freie Presse oder soziale Medien offiziell keine Stimme haben. Dabei entsteht eindrucksvoll und beklemmend das Bild einer zutiefst repressiven Gesellschaft, die unter dem Deckmantel der Revolution von 1979 radikal in das Leben jedes Einzelnen eingreift: arrangierte Ehen, permanente Überwachung, Repressalien und Niederschlagung jedes Protestes sind an der Tagesordnung, während sich die patriarchalische Machtstruktur im weiter festigt.

Die Mullahs, die schon Marjane Satrapi aus ihrer Heimat verdrängten, was wir in der gefeierten graphic novel „Persepolis“ (deutsch erschienen in der Edition Moderne) miterleben konnten, sind nach dem Regime von Mahmud Ahmadinedschad auch unter Hassan Rohani, der seit 2013 an der Macht ist und zunächst als Reformer gefeiert wurde, nach wie vor am Ruder und regieren mit eiserner Hand das Land, das nach dem kräftezehrenden Krieg mit dem Nachbar Irak auch durch diese selbst gewählte Isolation international nicht auf die Füße kommt (gespenstisch nahezu wirken die Szenen, in der Saviosh die beiden ausländischen Besucher durch ein verlassenes Hotel führt, das früher von Geschäftsreisenden bevölkert war).

Die authentischen Zeugnisse zeigen eine resignierte, verbitterte oder nur noch zynische Jugend, die den Hoffnungsschimmer der gewaltsamen Proteste 2009 nach Ahmadinedschads Wiederwahl oder auch des arabischen Frühlings längst aufgegeben hat. Als einziger Rückzugsort bleibt die Privatsphäre in Form der Liebe, die allerdings stets eine tödliche Gefahr birgt: wer beim Kontakt mit dem anderen Geschlecht ertappt wird, dem drohen Zwangsheirat oder Schlimmeres. Von Deloupy reduziert, oft symbolhaft, mit atmosphärischer Farbgebung inszeniert, entsteht ein einfühlsames und erschütterndes Bild eines Landes, in dem sich eine ganze Generation verloren fühlt.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Jane Deuxard, Deloupy: Liebe auf Iranisch. Splitter, Bielefeld 2017. 144 Seiten, € 19,80