Serienstars, Serienfamilien und Serienkiller

Héctor Germán Osterhelds und Alberto Breccias Meisterwerk „Mort Cinder“ erscheint als Gesamtausgabe, „Thorgal“, „Valerian & Veronique“, das Marsupilami, die Turtles und die Schlümpfe werden mal mehr, mal weniger modernisiert, und in Kohlhoffs Garten würde auch Jodorowsky lustwandeln. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Héctor Germán Oesterheld, Alberto Breccia: Mort Cinder. Gesamtausgabe

Die Science-Fiction-Comic-Figur „Eternauta“ wurde in Argentinien, wo „El Eternauta“ zwischen 1957 und 1959 im Magazin „Hora Cero“ als Serie erschien, in den 70er Jahren zum Sinnbild des Aufbegehrens gegen die Militärjunta. Das hat auch mit der Biografie ihres Autors Héctor Oesterheld zu tun. Dieser schloss sich der linksperonistischen Stadtguerilla Montoneros an, ebenso seine vier Töchter. Sie alle wurden gefoltert und ermordet, man ließ sie 1977 „verschwinden“, ein Jahr nach dem stillen Militärputsch, dem bis 1983 über 30.000 Menschen zum Opfer fielen. So verschmolzen Leben und Werk des ungemein produktiven Oesterheld in der kollektiven Erinnerung zu einer Einheit, seine Dystopie „Eternauta“ wurde zur Gesellschaftsparabel. Dieses Werk hatte der Avant-Verlag 2016 in einer vorbildlichen Gesamtausgabe bereits gehoben.

Zwischen 1962 und 1964 arbeitete Oesterheld mit Alberto Breccia an „Mort Cinder“ zusammen, der hiermit den ersten Höhepunkt seiner experimentellen Schwarzweiß-Zeichenkunst vorlegte (1969 folgte das „Eternauta“-Remake „Eternauta 1969“). Die Serie erschien ursprünglich in dem Magazin „Misterix“ im Hoch-, zweitweise auch im Querformat, das Avant für diese Gesamtausgabe beibehalten hat. Sowohl Oesterheld als auch Breccia befanden sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung an einem Tiefpunkt: Oesterheld hatte seinen Verlag schließen müssen, Breccias Frau war schwer erkrankt. Das Geschichtsbild in „Mort Cinder“ ist materialistisch, das Weltbild verzweifelt, aber von humanistischer Hoffnung geprägt: Die titelgebende Hauptfigur stirbt, nur um stets wiedergeboren zu werden und hat schon zahlreiche, qualvolle Tode erlitten, angefangen bei ihrer Hinrichtung wegen Mordes. Das bietet Breccia und Oesterheld die Möglichkeit, „Mort Cinder“ zentralen Ereignissen der Historie auszusetzen: Wir sehen ihn als Soldaten im Ersten Weltkrieg, als Sklaven beim Turmbau zu Babel, als Legionär in der Schlacht bei den Thermopylen. Als Gesamtwerk ist „Mort Cinder“ eine Betrachtung des beschädigten menschlichen Lebens, der menschlichen Destruktivität und Solidarität. Komplex, modern und weiterhin eine seltene Ausnahme des Mediums. Und sowieso: ein später Höhepunkt des vergangenen Comicjahres.

Héctor Germán Oesterheld, Alberto Breccia: Mort Cinder. Gesamtausgabe • Avant-Verlag, Berlin 2023 • 260 Seiten • Hardcover • € 40,00

Kevin Eastman, Tom Waltz u. a.: Teenage Mutant Ninja Turtles Splitter Collection Band 1

Das düstere Spin-off „The Last Ronin“ (das im Januar mit „The Last Ronin: Lost Years“ fortgesetzt wird) bot das Vorspiel, nun startet mit der „Teenage Mutant Ninja Turtles Splitter Collection“ die Kernreihe um die vier mutierten Schildkröten mit Kampfkunst-Background, Pizza-Appetit und Popkultur-Kompetenzen. Bis heute erscheint in den USA bei IDW die 2011 neu gestartete Heftserie, (bislang) 15 über 400-seitige Backsteine der Gesamtausgabe stehen fortan alle drei Monate bei Splitter an. Dabei folgt man der Aufteilung der US-amerikanischen Vorlage und ordnet sämtliche Oneshots, Crossover-Reihen und Special Events chronologisch in die main story ein, um einen möglichst niedrigschwelligen Einstieg für Neulinge zu gewährleisten. Dies ist nicht nur wegen des erheblichen Preises (der sich aus dem großen Umfang erklärt) eine mutige Edition: Vorherigen deutschen Ausgabe bewiesen keinen langen Atem, Splitter hingegen garantiert seit jeher die Komplettierung jeder Serie. Den Abschluss einer derart voluminösen Edition trotz gescheiterter Vorläufer und sinkender Kaufkraft inmitten einer kriegsbedingten Energiekrise zu versprechen, ist aus verlegerischer Sicht allemal kühn und engagierter Fan-Service.

Kevin Eastman, Tom Waltz u. a.: Teenage Mutant Ninja Turtles Splitter Collection Band 1 • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 424 Seiten • Hardcover • € 49,80

Robin Recht: Thorgal Saga – Adieu, Aaricia

1977 debütierte „Thorgal“ im „Tintin“-Magazin, 1980 erfolgte die erste Albumveröffentlichung. Damit zählt das über Jahrzehnte von Autor Jean van Hamme und Zeichner Grzegorz Rosinski inszenierte Epos zu den langlebigsten frankobelgischen Fantasy-Comicserien, erscheinen doch bis heute neue Alben, nebst zweier Spin-offs („Die Welten von Thorgal: Lupine“ (sieben Bände) und „Die Welten von Thorgal: Kris de Valnor“ (acht Bände)) und einem lockeren Prequel („Die Jugend von Thorgal“ (demnächst elf Bände)). Die Hauptserie, die bis Band 36 vom polnischen Veteran Rosinski gezeichnet wurde, vermeldete 2023 mit Band 40 ein Jubiläum.

„Thorgal“ ist zugleich auch eine SF-Serie, denn die Titelfigur erweist sich im späteren Verlauf als von einem Sternenvolk ausgesetztes Waisenkind, das mehr oder minder zufällig bei den Wikingern gestrandet ist. Ab hier wird die Erzählung in den Folgebänden deutlich differenzierter, der Umgang mit mythischen Sagen und Dichtungen verspielter. Selbst psychedelische Abschweifungen werden nicht verschmäht, und Thorgal erlebt überdies, was den meisten Comichelden verwehrt bleibt: er altert.

Nun beginnt mit „Thorgal Saga“ eine weitere Nebenreihe, in der abgeschlossene Storys von wechselnden Künstler*innen aus arrivierten frankobelgischen Kreisen erscheinen. In Robin Rechts „Adieu, Aaricia“ ist Thorgal ein vollends ergrauter Mann, der über den Tod seiner Frau Aaricia verzweifelt. Darum lässt er sich auf das Angebot der Schlange Nidhoggr ein und reist mithilfe eines Rings zurück in die Vergangenheit, begegnet seinem jugendlichen Ich und versucht, die Ursachen für Aaricias Tod zu verändern. In den besten Momenten führt das zu einer traurigen Reflexion über Tod, Verlust und die höllische Bürde des Alterns.

Robin Recht: Thorgal Saga – Adieu, Aaricia • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 120 Seiten • Hardcover • € 27,00

Hommage an Valerian und Veronique

Pierre Christins und Jean-Claude Mézierès‘ „Valerian und Veronique“, das ist nahezu monolithische frankobelgische SF-Klassik, erst recht wenn man die Erscheinungszeit in den 70er Jahren bzw. den Start im „Pilote“-Magazin 1967 bedenkt. Die „Inspirationshilfe“ für heutige Franchises war nicht abzusehen, die Innovation aber schon damals augenscheinlich: Christin und Mézières setzten nicht auf eine pure Space Opera, sondern übertrugen auf zeichnerisch höchstem Niveau gesellschaftliche Debatten in unterhaltsame Abenteuer für jugendliche Leser*innen, denen man verklausuliert die Konfrontation bspw. mit der Angst vor der Atombombe oder vorm ökologischen Kollaps zutraute. Selbstredend ist das einen Hommage-Band wert, und man verbeugt sich hier auch tief und variantenreich. Dass indes fast nur männliche Künstler zur Party eingeladen wurden, steht im blamablen Missverhältnis zur einst progressiven Vorlage.

Hommage an Valerian und Veronique • Carlsen, Hamburg 2023 • 96 Seiten • Hardcover • € 24,00

Carbone, Julien Monier: Sam und die Geister. Band 1

Ein neuer Zweiteiler der Kindercomic-Autorin Carbone, die sich auch in diesem Fall wie schon in „Die magische Spieluhr“ einiger Motive der Phantastik bedient: Das junge Mädchen Sam kann – im Gegensatz zu ihrem großen Bruder Tim, bei dem sie seit dem Tod ihres Vaters lebt – Verstorbene sehen. Das findet sie auf dem Friedhof heraus, wo sie den Geist der herzlichen, aber etwas verwirrten alten Dame Luise kennenlernt, die schon lange nach ihrem Ehemann sucht und in Sam eine Unterstützerin gefunden hat. Zum Leidwesen von Tim, der für eine angemessene Außenwirkung des Geschwisterpaars Sorge tragen muss, weil ihn, offenkundig aus bloßer Antipathie, das Jugendamt im Visier hat. Auch Luises Vergesslichkeit erlangt bald bittere Züge. So wird das Übernatürliche mit den Auswüchsen menschlicher Fehlbarkeit – sei sie medizinischer oder institutioneller Art – in der Erzählung kontrastiert, ein subkutaner Ernst, den die luftig-modernen, sich auch Mitteln des Cartoons bedienenden Zeichnungen nicht unbedingt erwarten lassen. Am hingeklatschten Cliffhanger werden sich aber – Kalauer oder Spoiler? – die Geister scheiden.

Carbone, Julien Monier: Sam und die Geister. Band 1 • Toonfish, Bielefeld 2023 • 56 Seiten • Hardcover • € 14,95

Olrik Kohlhoff: Kohlhoffs Garten

Kohlhoffs Garten, das ist eine Welt voller Erinnerungsfotos, Postkarten, Filmstills und Werbetafeln aus schwarzweißen Kohle- und Kreidezeichnungen, ein Bildband über den titelgebenden bizarren Freizeitpark, der aus Nostalgie, Traumbildern, Groteskem und Absurdem ein einzigartiges Geschäftsmodell entwickelt hat. Der Kieler Künstler Olrik Kohlhoff zelebriert hier seine ganz eigene Weird-Picture-Ästhetik, dass es nur so eine Art hat. Kinder reiten auf mannshohen Hängebauchschweinen, die Karussells bestehen aus riesigen Skorpionen und Spinnen, auf einer idyllischen Wiese wird King Kong dem Publikum präsentiert, aus den Volieren starren Vögel mit Menschenköpfen, und beim „battle of the architectures“ sind die Ringer als Kirchengebäude verkleidet. Wo geht’s zum Eingang?

Olrik Kohlhoff: Kohlhoffs Garten • Avant-Verlag, Berlin 2023 • 80 Seiten • Hardcover • € 24,00

Guido Crepax: Dracula

Avantgardistische Seitenlayouts waren Guido Crepax‘ Markenzeichen. Bildrahmengrenzen spielten bei ihm keine Rolle. Seine filmisch inszenierte Sequenzen, schnellen Perspektivwechsel zu Detail- und Nahaufnahmen, Zeitlupensimulationen und Zersplitterungen der Bilder in einzelne Panelelemente waren so revolutionär, dass sie die spätere Ästhetik der Musikvideos vorwegnahmen. Darum erscheinen Crepax‘ Werke in Italien und Frankreich mit Vorworten von Umberto Eco, Roland Barthes und Alain Robbe-Grillet. In Deutschland hingegen erscheint vieles davon gar nicht, weil sich im Jahr 2023 einige seiner erotischen Spielereien aus den 70ern – „Geschichte der O“, „Venus im Pelz“, „Emmanuelle“ – nach 40 Jahren immer noch auf dem Index befinden. Aber der Splitter Verlag arbeitet akut daran, dass dem anachronistischen Zensur-Spuk ein Ende bereitet wird und eröffnet seine (ergänzend zur Editon des Avant-Verlags, wo die „Valentina“- und „Bianca“-Storys veröffentlicht werden) biblophile Crepax-Werkausgabe mit den juristisch unverfänglichen Literaturadaptionen des italienischen Klassikers, von denen „Dracula“ den Auftakt bildet. Im Februar folgt ein Sammelband mit Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, Shelleys „Frankenstein“, Kafkas „Der Prozess“ und James‘ „Die Drehung der Schraube“. Hier wird Comicgeschichte endlich geradegerückt.

Guido Crepax: Dracula • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 144 Seiten • Hardcover • € 35,00

Marjorie Liu, Sana Takeda: The Night Eaters. Band 1

Szenaristin Marjorie Liu und Zeichnerin Sana Takeda mussten für die Preise, die ihre „Monstress“-Fantasy-Serie einheimste, vermutlich anbauen. Unter dem Titel „The Night Eaters“ startet nun ihre neueste Zusammenarbeit, eine Haunted-House-Urban-Horror-Trilogie um eine amerikanisch-chinesische Familie, die ihre intergenerationellen Reibereien in einer heruntergekommenen Villa austrägt. Die sollen das Zwillingspaar Milly und Billy auf Geheiß ihrer mürrischen Mutter nämlich renovieren, obwohl sich die beiden wegen ihres schlecht laufenden Restaurants mit Stress bereits ganz gut auskennen. Und dass vor einigen Jahren in dem Gebäude ein Mord stattgefunden hat, wird nicht das einzige Geheimnis bleiben, das das Leben von Millys und Billys Eltern spannender macht. Das mag nicht nach einer kreativen Ausgangslage klingen, aber Liu und Takeda leiten den Plot mithilfe feiner, auch humorvoller Psychologisierungsstrategien, die mal vom culture clash, mal von den Emanzipationsversuchen, dem strengen Elternblick zu entkommen, erzählen. Und so wird ein Schuh draus.

Marjorie Liu, Sana Takeda: The Night Eaters. Band 1 • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 208 Seiten • Hardcover • € 29,80

Tebo: Die Schlümpfe Spezial: Der Schlumpf, der vom Himmel fiel

Spirou und Fantasio ist es schon lange vergönnt, Valerian und Veronique tut es auch gut, Lucky Luke sowieso, warum also nicht auch den Schlümpfen? Frankobelgische Comicstars erleben seit einigen Jahren einen zweiten Frühling, indem sie in Nebenreihen von Gast-Künstler*innen mit mehr Gestaltungsfreiheit neu interpretiert werden. Bei diesem ersten Schlümpfe-Spezial-Band namens „Der Schlumpf, der vom Himmel fiel“ obliegt es dem Franzosen Tebo („Raowl“), seinen modernen Funny-Stil in den Dienst eines putzig-ungezogenen Schlümpfe-Abenteuers zu stellen. Er setzt einen an Amnesie leidenden Schlumpf ins Dorf, der die dortigen Gebräuche recht merkwürdig findet und dem die Gruppe helfen will, seine Erinnerung wiederzufinden. Erster Dialog mit Papa Schlumpf: „Ist euer Dorf nicht dafür bekannt, dass ihr Zaubertränke braut?“ „Zauberschlümpfe zuzubereiten ist eine meiner Stärken, das stimmt.“ „Und dank eures Zaubertranks können also die Römer euer Dorf niemals erobern?“ „Nein, das ist ein anderes Dorf.“ Und da sind wir erst auf Seite 6.

Tebo: Die Schlümpfe Spezial. Der Schlumpf, der vom Himmel fiel • Toonfish, Bielefeld 2023 • 56 Seiten • Hardcover • € 15,95

Frank Pé, Zidrou: Die Bestie. Band 2

In der zweibändigen Prequel-Serie „Die Bestie“ von Frank Pé und Zidrou wird erzählt, wie das Maruspilami 1955 ins Nachkriegs-Brüssel verschleppt wird, in die Obhut des jungen Schülers Frank gerät – einem Naturconnaisseur und Tiermessie mit großem Herzen – und sich in einer langen, den zweiten Band dominierenden Verfolgungsjagd durch die belgische Hauptstadt zahlreicher Häscher erwehren muss: ruhmsüchtige Wissenschaftler, stoische Polizisten, diverse Amtsträger. Das Maruspilami ist indes nicht als Knuddelwesen charakterisiert, sondern von bedrohlicher Anmut, undomestizierte Natur, bemitleidenswert und gefährlich; mehrmals wird eine King-Kong-Hommage bemüht.

Das Problem: Zidrou ist zwar gut darin, seine Zentralkonflikte in der üblichen Dreiakt-Struktur aufzulösen, aber im Laufe des Prozesses geht ständig sein Interesse am Eigenleben seiner Figuren flöten. Sie treten mit großer Geste an und werden zum Schluss nur wieder auf den Topf gesetzt. Frank bleibt der Maruspilami-Beschützer, nun haben sich in einer Hauruck-Entscheidung, die als Selbstzweifel verkauft werden soll, auch die ihn zuvor mobbenden Mitschüler auf dessen Seite geschlagen. Und Franks Mutter, die im ersten Band nicht nur wegen einer kurzen Liaison mit einem deutschen Soldaten isoliert leben muss, sondern auch als Alleinerziehende unter der Moral jener Zeit zu leiden hat, tritt in der zweiten Hälfte des Abschlussalbums nur noch als einen Polizeibeamten mit Lucky-Luke-Kinn anschmachtender Hormonwirbel in Erscheinung. Einmal Uniform, immer Uniform, so einfach ist das. Komplementär dazu stellt Franks Lehrer sein Liebeswerben um dessen Mutter niedergeschlagen ein und lässt sich, Plan B, wieder von seiner Vermieterin und Haushälterin bekochen, die, obgleich im Vorgängerband durchweg von ihm ignoriert und ausgenutzt, hiermit abermals ihre Chance aufs Glück gekommen sieht. Nein, seinen Frauenfiguren will Zidrou auf halber Strecke dann doch nichts zutrauen.

Aber Zeit für ein paar Schwanzwitze – denn der vom Marsu misst ja 8,5 Meter, also 8,5 Meter Schwanz, kennste, kennste? – nimmt er sich, ist schließlich eine Pennäler-Story; man wünscht sich, dass wenigstens Adriano Celentano um die Ecke geknautscht käme. Was bleibt, ist die betörende Zeichenkunst von Frank Pé, dem größten Tierfreund unter der Zeichner*innengilde (wovon man sich allerdings nachhaltiger im ausladenden Bonusapparat der zweiteiligen „Jonas Valentin“-Gesamtausgabe überzeugen kann, seiner melancholischen 80er-Ode an Flora und Fauna, für deren Zukunft er schon damals den Pinsel einsetzte).

Frank Pé, Zidrou: Die Bestie. Band 2 • Carlsen, Hamburg 2023 • 208 Seiten • Hardcover • € 30,00

Junji Ito: Fragments of Horror

Wo Junji Ito draufsteht, ist auch Junji Ito drin, das muss man ihm lassen. In der Carlsen Bibliothek ist ein weiterer Band mit acht Kurzgeschichten erschienen, „Fragments of Horror“, usrprünglich 2014 veröffentlicht. Itos Nachwort kann man entnehmen, dass er anscheinend mit den Ergebnissen nicht sonderlich zufrieden ist. Das hat zum Glück nicht er allein zu entscheiden. Denn abgesehen von der neunseitigen Auftakt-Story „Futon“ herrscht hier wieder der aus japanischer Folklore und westlichen Trauma-Horror zusammengesetzte beklemende Ito-Ton, der von tragikomischen body horror bis hin zu traurigen Familiendramen immer nahezu perfekt das Unvorhersehbare ins Spiel bringt, so gut, dass selbst in konventionellen Lösungen wieder etwas Überraschendes steckt. Und das ist es doch, was uns einst in die Fänge der Geister und Dämonen getrieben hat.

Junji Ito: Fragments of Horror • Carlsen, Hamburg 2023 • 224 Seiten • Hardcover • € 18,00

Stefan Mesch, Lino Wirag: Unnützes Wissen für Marvel-Nerds

Die beiden Comicexperten Stefan Mesch und Lino Wirag servieren uns ein wohlgeratenes Kuckucksei. Denn anders als der lange Titel ihres Buchs – „Unnützes Wissen für Marvel-Nerds. Spannende Fun Facts zu den legendären Comics, Filmen und deinen Lieblingsfiguren“ – vermuten ließe, haben sie sich nicht stauenenden Auges noch einmal ins MCU und ihre Comicsammlung versenkt, um für einen weiteren Ratgeber zu notieren, in welchem Heft Captain America zum ersten Mal mit Thor einen Salat gegessen hat. Nichtsdestotrotz ist das Buch einsteigerfreundlich geschrieben, spottbillig und gänzlich von Fan-Service beseelt. Nur geht Meschs und Wirags Verständnis davon weit über die gängigen unkritischen Produktberatungsgeldschleudern der Zunft hinaus. Ihre Recherchen beziehen sich vornehmlich auf politische und ökonomische Entscheidungen, man findet also viel zu Unterstützungszahlungen an Donald Trump oder Werbedeals mit dem US-amerikanischen Militär. Es ist, wie Mesch in einem Interview sagt, „ein Buch voller Skandale, Kritikpunkte, redaktioneller Tiefpunkte, Machtkritik“ und in diesem Sinne als Unternehmenschronik zukünftig unverzichtbar.

Stefan Mesch, Lino Wirag: Unnützes Wissen für Marvel-Nerds • Riva Verlag, München 2023 • 192 Seiten • Softcover • € 10,00

Harold Schechter, Eric Powell: Schon gehört, was Ed Gein getan hat?

Die Taten des Plainfield Ghoul Ed Gein sind Teil des kollektiven Gedächtnisses der US-amerikanischen Kultur. Hitchcocks und Robert Blochs „Psycho“, Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ und Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ sind die populärsten Beispiele, in denen die Handlungen des unscheinbaren Farmers besonders manifest nachhallen. Praktisch das halbe Backwood-Genre lässt sich auf Bezüge zu Gein durchleuchten. Und so ist auch der Comic des „Goon“-Zeichners Eric Powell und Gein-Experten Harold Schechter weder Biografie noch exploitativer True-Crime-Schocker, sondern vielmehr eine Spurensuche mit dokumentarischem Appeal, die die Morde, psychologischen Erklärungsversuche und kulturellen Folgen analytisch aufrollt, sachlich und distanziert, stets bedacht, die Fakten von Gerüchten und urbanen Legenden zu trennen (was sich in manchen Passagen als pointierte Beschreibung der Vorstufe der heutigen Fake News ausnimmt). Intellektueller True Crime ist rar, und hier ist das unangenehme, niemals schrille Meisterwerk dieser Sektion.

Harold Schechter, Eric Powell: Schon gehört, was Ed Gein getan hat? • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 224 Seiten • Hardcover • € 35,00

Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi: Dantes Inferno

Die italienischstämmigen, in Paris arbeitenden Gebrüder Brizzi kommen eigentlich vom Film, haben 1985 an Gaumonts „Asterix – Sieg gegen Cäsar“ mitgewirkt, kurz darauf ihr eigenes Animationstudio gegründet, es 1990 an Disney verkauft und seitdem an vielen Disney-Filmen und -Serien gearbeitet: „Duck Tales: Jäger der verlorenen Lampe“, „Goofy – Der Film“, „Der Glöckner von Notre Dame“, „Tarzan“. Dieser Hintergrund macht sich in ihrer Comic-Umsetzung der „Göttlichen Komödie“ durchaus bemerkbar: expressive Gesichter, eine stets schwungvolle Suggestion von Bewegungen. Weitaus dominanter ist in den Zeichnungen allerdings der Stil von Gustave Doré, mittlerweile ein Markenzeichen der beiden. Überhaupt ist ihr Umgang mit der Vorlage von durchaus flapsiger Natur, Straffungen sind an vielen Stellen unumgänglich, und es ist ebendiese Leichtigkeit in Verbindung mit den keineswegs harmlosen, ziemlich schwelgerischen Höllenbildern, die ihre Adaption vom protokollarischen Ehrgeiz vieler Literaturklassikerübertragungen in den Comic erfreulich unterscheidet. So zugänglich kann Hochkultur sein.

Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi: Dantes Inferno • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 152 Seiten • Hardcover • € 39,80

The Simpsons. Treehouse of Horror: Necronomnibus Band 1

Die Simpsons waren mal das Subversivste, was die Kulturindustrie hervorgebracht hat, bevor sich die Serie im Sog der Meta-Referenzen mit vierfachem Boden selbst den Zahn zog. Der stürmische Geist ließ sich aber eine Zeit lang auch bestens in Comics übertragen, von denen einerseits eine 72-bändige Hardcover-Kollektion bei Panini und nun eine dreibändige Gesamtausgabe aller „Treehouse of Horror“-Geschichten in Form 400-seitiger Wälzer mit Lochstanze beim Splitter-Imprint Toonfish erscheint. Zweifellos ein Tempel der Liebe für Horrorfans, an dem auch zahlreiche prominente Gastautoren beteiligt sind, darunter Alice Cooper, Patton Oswalt, Pat Boone, Lemmy Kilmister, Mark Hamill, die mithilfe berühmter Zeichner – u. a. Jeff Smith, Stan Sakai, Al Williamson, Eric Powell, Geoff Darrow, Sergio Aragonés – durchs vermoderte Springfield geistern.

The Simpsons. Treehouse of Horror: Necronomnibus Band 1 • Toonfish, Bielefeld 2023 • 416 Seiten • Hardcover • € 59,80

Hayao Miyazaki: Shunas Reise

Anders als man erwarten mag, ist dieses Frühwerk des Studio-Ghibli-Mitgründers Hayao Miyazaki kein Manga, sondern gleicht mit seinen oft ganz- und doppelseitigen Bildern ohne Sprechblasen eher einem Bilderbuch. Den epischen Atem seines späteren Manga- und Animationsfilm-Klassikers „Nausicaä“ sollte man hier nicht erwarten. Als Blaupause zu selbigen, in der sich bereits Figuren, Motive und Settings andeuten, ist „Shunas Reise“ aber allemal interessant. In einer aus Fantasy- und Postapokalypse-Elementen zusammengezimmerten Welt begibt sich Titelfigur Prinz Shuna auf die Suche nach der Quelle eines geheimnisvollen Korns, um sein Volk vor dem Hungertod zu retten. Bald findet er eine Gefährtin in Gestalt der stolzen Thea, die er aus der Gefangenschaft von Sklavenhändlern befreit. Ob seine Quest erfolgreich sein wird, die Frage stellt sich eigentlich nicht, aber diese Veröffentlichung des Reprodukt-Verlags erschließt eine weitere Facette im Lebenswerk eines einzigartigen Phantastik-Comic- und Animationsfilmkünstlers unserer Zeit.

Hayao Miyazaki: Shunas Reise • Reprodukt, Berlin 2023 • 160 Seiten • Hardcover • € 20,00

Daria Schmitt: Das Traumbestiarium des Mr. Providence

Der Titel lässt auf eine Lovecraft-Hommage schließen, tatsächlich zentriert ihn die französische Comiczeichnerin Daria Schmitt in eine visuell opulente Verbeugung vor der gesamten weird fiction. Arthur Machen, Algernon Blackwood, Clark Ashton Smith, hier kann, hier soll man das Referenzen-Repertoire erforschen. Dabei gehen wir mit H. P. als Wächter eines Stadtparks auf die Jagd nach merkwürdigen Wesen, die die Besucher*innen bedrohen, ohne dass die sich der Gefahren bewusst wären, denen sie sich beim kontemplativen Spaziergang aussetzen. Dass verbindet sie mit Mr. Providences Vorgesetzten, einer tatkräftigen Managerin, die den Park mit frischen Marketing-Methoden wieder zum Ereignisort machen will und weder für Providences Neigungen zum Okkulten noch für seine Warnungen irgendeinen Sinn hat. Es steckt viel Humor in diesen Seiten, der sich gar nicht so leicht bestimmen lässt. Eigentlich wandelt Providence wie ein Nostalgiker durch diesen merkwürdig zeitlosen Park (es sind Dialoge und Jargon, die die Gegenwart verraten), Lovecraft nicht unähnlich, der dem 19. Jahrhundert nachtrauerte. Als Bedrohung nimmt er letztlich alles wahr: seien es die Monster, die nur er sieht, oder nervende Kinder, die ihn als Autoritätsfigur nicht im Geringsten ernst nehmen. Im weiteren Verlauf wird immer deutlicher, dass man die Metaphern in Daria Schmitts erstem auf Deutsch verlegten Werk beim Wort nehmen kann. Dieser Humor voller Rätsel ist nahezu originär und die Gestaltungstechnik die pure Wucht.

Daria Schmitt: Das Traumbestiarium des Mr. Providence • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 120 Seiten • Hardcover • € 29,80

Jeff Lemire, Andrea Sorrentino: Zehntausend schwarze Federn

Der Bone-Orchard-Mythos wird von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino zügig ausgebaut. Nach „Die Passage“ im Juli folgt nun die nächste Geschichte im Erzählkomplex, die ebenfalls als in sich geschlossene Story goutiert werden kann. Statt der Folk-Horror-Anleihen und Lovecraft-Komponenten des ersten Bandes konzentrieren sich Lemire und Sorrentino diesmal auf urban horror in selbstreflexiver Verpackung. Es ist eine Variation des Geschichtenerzählers, dem seine Schöpfung zum Verhängnis wird, hier in Gestalt der Fantasy-Nerds Trish und Jackie, beide begeistert von Ursula K. Le Guin und Stephen King, die im Kampf gegen den bösartigen Rabenkönig ihres eigenen Rollenspiels zunächst ahnungslos ihr Leben aufs Spiel setzen. Bis Jackie auf unerklärliche Weise verschwindet und Trish sich im Erwachsenenalter nochmals auf Spurensuche begibt. Souverän erzählt, aber auch dies ist noch nicht der große Wurf im Bone-Orchard-Geäst.

Jeff Lemire, Andrea Sorrentino: Zehntausend schwarze Federn • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 168 Seiten • Hardcover • € 29,80

Joris Mertens: Beatrice

Joris Mertens‘ lakonisches Noir-Crime-Drama „Das große Los“ erschien erst im Mai und war das beeindruckende deutschsprachige Debüt des belgischen Künstlers. Beim Splitter Verlag setzt man große Stücke auf ihn, denn wenige Monate später erschien bereits sein Nachfolger „Beatrice“, der eigentlich sein tatsächliches Debüt war. In sehr filmischen Kompositionen und Sequenzen folgen wir der jungen Beatrice, die im Jahr 1972 ihrem Arbeitstrott in einer Großstadt nachgeht, in Tagträumen aber lieber in die Roaring Twenties flieht. Das wird im Comic stumm nur mit Bildern erzählt, und die Rolle eines Stummfilmstars ist es auch, was Beatrices Imaginationskraft beflügelt. Die wird noch mal besonders gekitzelt, als sie im Bahnhofsgetümmel eine rote Tasche entdeckt – spätestens hier schält sich Rot als Leitmotiv heraus –, die jeden Tag aufs Neue am selben Platz steht. Eines Tages überwindet sie sich, nimmt die Tasche an sich und entdeckt darin ein Fotoalbum mit Aufnahmen aus den 20er-Jahren und einer Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Ab hier verschwimmen die Grenzen der Realität, und die Illusion reißt Beatrice und uns in eine Bilderflut, die einerseits das Kino feiert, andererseits den Traum vom ungelebten Leben und von vergangenen Zeiten als schmerzhaften Fluchtversuch vor der Gegenwart illustriert. Das ist traurig, durch und durch poetisch und von einer seltenen bildsprachlichen Eleganz.

Joris Mertens: Beatrice • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 112 Seiten • Hardcover • € 25,00

Charles Addams: The Addams Family – Das Familienalbum

Die Addams Family ist eine wunschlos unglückliche Familie und hierzulande hauptsächlich durch die beiden Kinofilme von Barry Sonnenfeld bekannt. Die 64 Folgen der von 1964 bis 1966 ausgestrahlten TV-Serie liefen hierzulande nur selten, und dass Charles Addams‘ sie zunächst als Cartoons im „New Yorker“ von der Leine ließ, droht selbst in den USA in Vergessenheit zu geraten. Dabei starteten sie gar nicht in der Konstellation des klassischen Familienverbunds, sondern fanden erst im Laufe der Zeit zueinander. Im kürzlich beim Verlag Antje Kunstmann erschienenen Sammelband „The Addams Family – Das Familienalbum“ wurden über 200 Cartoons zusammengetragen, anhand derer sich die Genese der Addams – nicht chronologisch, sondern nach Figuren arrangiert – nachverfolgen lässt. Man hat es sicher dem Erfolg der „Wednesday“-Netflixserie zu verdanken, dass man nun sogar mit solcherlei Cartoon-Klassik versorgt wird, und dass ist doch die wunderbarste Begleiterscheinung dieses ansonsten so mediokren Streaming-Contents.

Charles Addams: The Addams Family – Das Familienalbum • Verlag Antje Kunstmann, München 2023 • 224 Seiten • Hardcover • € 30,00

Diese Beiträge erschienen zuerst in der monatlichen Comic-Kolumne auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film, Literatur mit den Schwerpunkten Politik und Phantastik, ist Herausgeber der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 journalistische Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, Potsdamer Neueste Nachrichten, ND, Taz, Titanic, DieZukunft.de, Das Viertel, Testcard, Der Schnitt, Pony Magazin, kino-zeit.de, F.LM. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.