Bond zerlegt – „James Bond: The Body“

Agenten sterben einsam. Das gute alte Motto, das uns schon aus diversen Actionreißern der 60er bestens vertraut ist, gilt auch für den bekanntesten Geheimdienstler ihrer Majestät. Und das in zahlreichen Facetten, die sich in dieser eher lose zusammenhängenden, episodischen Storykette zeigen. Bonds Wirken wird dabei buchstäblich in verschiedene Körperteile zerlegt: Da bringt er in „The Body“ einen angehenden Attentäter zur Strecke, nur um feststellen zu müssen, dass das arme Schwein durch Erpressung zu seinen Taten gezwungen wurde; in „The Brain“ schreckt er auch vor Folter nicht zurück, um einer Bioaktivistin den Verbleib eines hochtödlichen Virus zu entlocken – und muss erkennen, dass er auch hier wieder nicht unbedingt auf der Seite der Gerechtigkeit stand.

Aleš Kot (Autor), Luca Casalanguida, Antonio Fuso u. a. (ZeichnerIn): „James Bond: The Body“.
Aus dem Englischen von Bernd Kronsbein. Splitter Verlag, Bielefeld 2019. 136 Seiten. 22,80 Euro

In „The Gut“ holzt er sich brachial durch eine Bande von waffenschiebenden Neonazis und schießt (sic) dabei weit übers Ziel hinaus, als er die ganze Sauna, in der die Bande hockt, in ein Schlachthaus verwandelt; in „The Heart“ kommt ihm unerwartet Hilfe und zugleich Ablehnung von einer gesellschaftlichen Außenseiterin entgegen; und als das Virus dann doch noch auftaucht, stürzt er sich in „The Lungs“ mitsamt der wertvollen Fracht geradewegs in die Themse. Was ihn allerdings nicht davon abhält, zu überleben und mit dem körperlich versehrten Felix Leiter wunderbar über alles Erlebte zu sinnieren.

Aleš Kot schafft in „The Body“ (keine Hommage an Elle Macpherson, obwohl die erst jüngst auf dem Wiener Opernball gesichtet wurde) eine fulminante Aneinanderreihung unterschiedlichster Facetten, die die ganze antisoziale, misanthropische, verbissene und auch selbsthassende Qualität des Ur-Bonds, den uns diese Comic-Reihe seit ihrem Start immer wieder serviert, aus allerlei Blickwinkeln beleuchtet. Da verliert er aufgrund der Provokationen der Neonazis derart die Contenance, dass er ein gewaltiges Blutbad anrichtet, die gesellschaftliche Außenseiterin erkennt, dass er am Ende doch nur mit ihr ins Bett steigen möchte und lehnt dankend ab (so was kennt Bond natürlich gar nicht), und gleich in der ersten Episode muss unser Antiheld erkennen, dass sein rabiates Vorgehen weit weg von der für das Opfer durchaus grausamen Realität ist.

Dabei denkt Bond nicht daran, sich länger zu hinterfragen – ein echter Agent leidet still, redet nicht drüber und macht einfach weiter. Somit weniger storytechnisch als vielmehr von der Charakterisierung her ein Glanzstück, das eine ganze Armada von Zeichnern jeweils durchaus unterschiedlich in Szene setzt – allen Episoden gemein ist allerdings die höchst dynamische, schnelle und teilweise stilisierte Inszenierung, die durch eine schöne Covergalerie von Luca Casalanguida abgerundet wird. Somit wieder ein fulminanter Beitrag aus der Bond-Reihe des Dynamite-Verlags, der von Splitter gewohnt aufwendig präsentiert wird und abermals in einer auf 555 Exemplare limitierten Sonderausgabe erhältlich ist.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben dem Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.