Im All ist alles möglich

„Ich weiß weder etwas über das Genre Science Fiction noch über irgendwelche Lebensbedingungen im Weltall“, erklärt die Comiczeichnerin Tillie Walden auf ihrer Webseite, „und trotzdem habe ich ein Science-Fiction-Buch geschrieben. Alles ist möglich, Kinder.“ „Auf einem Sonnenstrahl“, das zuerst von 2016 bis 2017 als Webcomic erschien und nun als gedruckte Graphic Novel auch auf Deutsch vorliegt, ist schon die siebte Buchveröffentlichung der 1996 geborenen Zeichnerin, die bereits mit allen wichtigen Comic-Preisen ausgezeichnet worden ist.

Tillie Walden: „Auf einem Sonnenstrahl“.
Aus dem Englischen von Barbara König. Reprodukt, Berlin 2021. 544 Seiten. 29 Euro

Dass sie sich nicht für das Science-Fiction-Genre interessiert, merkt man „Auf einem Sonnenstrahl“ an. Und das ist gut: Walden erspart den Leser*innen jegliche für Science Fiction typische, langatmige Erklärung der entworfenen Zukunft — „Alles ist möglich, Kinder.“ Warum dies alles möglich ist, spielt dagegen für die Story überhaupt keine Rolle. Weder erfährt man, warum das Raumschiff, mit dem eine Crew durchs Weltall fliegt, um alte Bauwerke zu restaurieren, wie ein Fisch aussieht, noch wird erklärt, warum die Menschheit sich im Weltall angesiedelt hat oder warum die entworfene Zukunft ausschließlich von Frauen bevölkert ist. Der queere Zukunftsentwurf ist dabei weder utopisch noch dystopisch, er ist vielmehr weitgehend sehr alltäglich. Es geht um Einsamkeit, mobbende Jugendliche, die Frage nach der eigenen Zukunft und die Suche nach einer familiären Struktur, wenn die eigene Herkunft diese Sicherheit nicht hergibt.

Mia kommt neu an Bord des Restaurations-Raumschiffs und findet in der vierköpfigen Crew eine neue Familie. Nach und nach bedrängen sie Erinnerungen an ihre Zeit im Internat fünf Jahre zuvor, wo sie ihre erste große Liebe Grace kennengelernt und wieder verloren hat. Grace stammt aus einer Familie von der „Großen Treppe“, einer Raumkolonie am Rande des Universums, wohin sie von ihrer Familie zurückgeholt wurde, ohne dass Mia sich verabschieden konnte. Die Crew beschließt, mit Mia an den gefährlichen Rande des Universums zu reisen, um ihr ein Wiedersehen mit Grace zu ermöglichen. Die Story ist recht schnell zusammengefasst, spektakulär ist vor allem ihre Umsetzung, die sich über mehrere hundert Seiten Zeit nimmt, die Charaktere vorzustellen, zwei Zeit­ebenen ineinander zu verschachteln und mit einer reduzierten Farbpalette einen düsteren und gleichzeitig hoffnungsvoll leuchtenden Weltraum zu zeichnen. Und eine Geschichte über Solidarität zu erzählen, angesiedelt in einer Zukunft, in der Männer schlicht keine Rolle mehr spielen. Also doch eine Utopie.

Dieser Text erschien zuerst in: Stadtrevue 04/2021

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins.

Seite aus „Auf einem Sonnenstrahl“ (Reprodukt)