Comics als kreatives Tool für Empowerment und Teilhabe

Supercomic und Respekt, Alter – Comics for Future. Das Workshöpfe-Projekt stellt sich vor.

Zwei Workshopformate von Workshöpfe

Im Frühling 2025 haben wir, ein Team von Kulturarbeiter*innen mit langjähriger Erfahrung in der Leitung von Workshops, uns zu Workshöpfe zusammengeschlossen. Wir gehen von Comic aus, arbeiten in unseren Workshops und Projekten aber oft transdisziplinär. Comic bringen wir mit Theater/Performance, mit Stempelproduktion, mit analoger Spieleentwicklung und anderen künstlerischen Formaten zusammen. Mit der Plattform Workshöpfe geben wir dieser Art der Kooperation einen Rahmen. Hier experimentieren wir weiter daran, was sich zusammen mit Menschen und mit den künstlerischen Mitteln des Comics bewegen lässt.

Unsere Erfahrung ist, dass Teilnehmende in den Workshops oft denken, dass sie nicht zeichnen könnten oder nichts zu erzählen haben oder dass ihnen die Idee für einen Comic fehlt. Im Laufe der Jahre haben wir Methoden entwickelt, die einen schnellen Einstieg ins Comiczeichen ermöglichen. Dabei helfen kleine Zeichenhacks, vor allem aber Formate, an denen kollaborativ an Comics gearbeitet wird.

Supercomic im Montagscafé, Bürgerbühne Dresden

Seit 2017 sind einige von uns mit dem Comic-Kollektiv 123comics regelmäßig im Montagscafé Dresden aktiv. Das Montagscafé ist ein offener Raum für Begegnungen und kulturellen Austausch. Die Besucher*innen werden mit Getränk, Suppe, Asylberatung und einem kulturellen Austauschformat erwartet. Es richtet sich auch besonders an Geflüchtete und ist eine solidarische Antwort auf den zunehmenden Rechtsruck in der Gesellschaft.

Für uns stellten sich zwei zentrale Herausforderungen: Wie gelingt es, gemeinsam Comics zu entwickeln, wenn sich nur ein Teil der Beteiligten auf Deutsch verständigen kann? Und: Wie können wir das Format so gestalten, dass ein echtes Gemeinschaftserlebnis im Großformat ermöglicht wird? Wir entwickelten das Format Supercomic, ein partizipatives Konzept, bei dem mehrere Panels an der Wand befestigt sind und kollaborativ weiterentwickelt werden. Wer mitmachen möchte, reserviert sich ein bis drei Panels, skizziert eine Idee oder greift zu vorbereiteten Mini-Panels, um den Erzählfluss fortzusetzen. Ob mit einer schnellen Skizze, einem Gedanken oder einer fertigen Zeichnung – jede Form des Beitrags ist willkommen. Die Geschichte wächst in alle Richtungen, verzweigt sich, kommt wieder zusammen. Wir begleiten das Geschehen aktiv, erklären das Format neu hinzukommenden Besucher*innen und laden sie ein, weiter zu erzählen und zu gestalten. Ein Supercomic kommt manchmal ganz ohne Worte aus. Gelegentlich übersetzen die Teilnehmenden selbst – ins Deutsche oder in andere Sprachen. Oft stehen mehrere Sprachen nebeneinander an der Wand und zeigen, wie vielfältig gemeinsames Erzählen sein kann.

Respekt, Alter – Comics for Future – Mehrsprachigkeit und Diskriminierung im Comic

Im Rahmen der Projekttage „Schule ohne Rassismus“ führten wir im November 2024 einen zweitägigen Workshop mit Neuntklässler*innen am Hermann-Hesse-Gymnasium in Berlin Kreuzberg durch. An zwei Projekttagen experimentierten wir damit, wie sich Diskriminierungsformen und Mehrsprachigkeit im Rahmen eines Comicworkshops reflektieren lassen.

Comics als Gesprächsanlass und Ausdrucksform

Zu Beginn stand ein gemeinsames Nachdenken über Diskriminierung im Mittelpunkt. Wir thematisierten unterschiedliche Diskriminierungsformen auf der Basis ausgewählter Comic-Szenen bekannter Autor*innen. Sie dienten als Einstieg für den Austausch. Dabei zeigte sich, wie zugänglich Comics als Medium funktionieren: Sie nehmen uns mit in andere Welten und ermöglichen Analyse und Reflexion in Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit. Die Jugendlichen berichteten von eigenen Erfahrungen oder Beobachtungen und entwickelten erste Ideen, wie diskriminierende Situationen verändert oder aufgelöst werden könnten. Diese Ideen bildeten die Grundlage für ihre eigenen Comicentwürfe.

Mehrsprachigkeit sichtbar machen

Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops war die Auseinandersetzung mit sprachlicher Vielfalt. Die Schüler*innen konnten ihre Mehrsprachigkeit einbringen und erzählten aus ihrem Alltag. So wurde deutlich, wie sehr sprachliche Diversität ihre Lebenswelt prägt – und wie wichtig es ist, diesen Raum auch im schulischen Kontext zu öffnen. Comics boten hier, insbesondere durch den Einsatz kurzer Texte und Lautmalerei, eine inklusive Ausdrucksmöglichkeit.

Kreatives Erzählen in Comicform

Um den Einstieg ins Zeichnen zu erleichtern, arbeiteten wir mit einem eigens entwickelten „Visual Reader“, einer Art Comicschule, die mit einfachen Formen, Körpermodellen und Ausdrucksformen arbeitet. Im Vordergrund stand dabei nicht das perfekte Zeichnen, sondern die Befähigung zur schnellen und intuitiven Visualisierung eigener Ideen. In kleinen Übungen und Beispielen thematisierten wir auch das Thema Vielfalt in der Darstellung von Figuren. Zur Förderung von Körperbewusstsein und Ausdrucksstärke nutzten wir theaterpädagogische Übungen. Dies unterstützte die Jugendlichen dabei, ihre Figuren lebendiger zu gestalten.

Kollaboratives Arbeiten durch Mitmachcomics

Ein besonderes Format war der Mitmachcomic. Jede*r Schüler*in begann mit einem Einzelpanel, das anschließend weitergegeben wurde. Durch diese Methode entstand ein kollaborativer Erzählfluss. Vorgaben wie die Einführung einer Hauptfigur, eines Gegenspielers sowie eines Konflikts strukturierten die Geschichten, ließen dabei aber viel kreativen Spielraum.

Empowerment durch gemeinsames künstlerisches Arbeiten

Ob einzeln oder gemeinsam – in der Arbeit mit Comics erfuhren die Jugendlichen Selbstwirksamkeit. Sie nutzten eine kreative, leicht zugängliche Sprache, um gesellschaftliche Themen zu verarbeiten und eigene Narrative zu entwickeln.

Comic als Werkzeug pädagogischer Praxis

Comics eignen sich hervorragend, um komplexe Inhalte zugänglich zu machen – besonders in pädagogischen Kontexten. Sie ermöglichen Teilhabe, regen zur Reflexion an und bieten Raum für Selbstpositionierung. Die Formate, mit denen wir arbeiten, sind bewusst so konzipiert, dass jede*r mitmachen kann. Sie lassen sich flexibel in schulische oder außerschulische Bildungsarbeit sowie in die Schulung von Multiplikator*innen integrieren.

Die Plattform Workshöpfe ist ein Ort zum Ausprobieren, Weiterentwickeln und Teilen kreativer Bildungsformate, bei denen der Schwerpunkt auf Comics liegt.

Ellen Backes (123comics), Julia Both (bilderbotin), Matteo Cossu, Jonas Möhring (123comics), Udo Schmitz, Dagmar Wunderlich