Romain Renard reaktiviert in seiner Graphic Novel „Wiedersehen mit Comanche“ Hermanns alten Westernelden Red Dust und schickt ihn durch ein apokalyptisches Amerika der 1930er-Jahre.
Ein Empfang mit Axt in der Hand ist kein Willkommen. Trotz ihrer Schwangerschaft hat die junge Vivienne Bosch eine anstrengende Reise auf sich genommen. Nun, eines Tages in den 1930ern, vor einem abgelegenen Holzhaus tief im kalifornischen Wald glaubt sie sich am Ziel. Hier lebt Cole Hupp. Ihn hat Vivienne gesucht. Jetzt steht er vor ihr – ein grimmiger Greis mit Axt und finsterem Blick. „Ich bin Historikerin“, stellt sich Vivienne vor. „Ich sammle die Berichte der letzten lebenden Personen, die das Goldene Zeitalter des Wilden Westens erlebt haben.“ Ein Lüftchen dieser Epoche weht noch durch den packenden, grafisch imposanten Sehr-Spät-Western „Wiedersehen mit Comanche“. Am Ende verdichtet sich der Western-Hauch genregerecht zu einer geballten Ladung Blei.
Zunächst nimmt die Handlung gemächlich an Fahrt auf und schraubt Spannung, Dramatik und Action wohldosiert hoch. Coles Axt verheißt nichts Gutes. Sie signalisiert deutlich, dass ihm Besuche zuwider sind. Noch weniger übrig hat er für Viviennes Vorstoß nach alten Geschichten. Der Alte will sie loswerden. Sie lässt nicht locker, hält sogar ihm vor, jemand anderes zu sein – nämlich Red Dust. Der Cowboy hat vor langer Zeit mit flinkem Colt die Triple Six Ranch und ihre Besitzerin, die schöne Comanche, gegen Feinde verteidigt. „Sie haben den falschen Mann“, grantelt Cole. Doch die forsche Vivienne bohrt weiter. So lange, bis Cole seine Axt hochhebt und sie verscheucht: „Verschwinden Sie von hier!!!“

Klar, schon der Titel „Wiedersehen mit Comanche“ deutet es an: Cole ist der Red Dust aus dem Western-Klassiker „Comanche“, den Szenarist Greg (Michel Louis Albert Régnier) und Zeichner Hermann (Huppen) 1969 ins Leben riefen. Um viel Lesespaß an „Wiedersehen…“ zu haben, muss aber niemand die alte Comicreihe kennen. Soweit Bezüge wichtig sind, liefert Zeichner und Multitalent Romain Renard ausreichend Infos. Sein „Wiedersehen…“ setzt einerseits zwar einen unumstößlichen Schlusspunkt unter den Klassiker, aber steht genauso für sich allein prima da als packendes Roadmovie, grafisch beeindruckender Comic und nostalgisches Nach-Wild-West-Drama.
Der gealterte Red und Vivienne finden trotz ihrer holprigen ersten Begegnung schnell zusammen: Sie hat erwähnt, dass in Wyoming, auf der Triple Six Ranch, schon länger niemand erreichbar ist. Das lässt Red keine Ruhe. Er will hin, nachschauen. Aber in vier Bundesstaaten, die zwischen Kalifornien und Wyoming liegen, wird er wegen Mordes noch immer polizeilich gesucht. Mit der eng überwachten Eisenbahn müsste Red enorme Umwege machen. Vivienne schlägt ihm einen Deal vor, denn sie hat ein Auto…
Bevor ihre gemeinsame Fahrt im deftigen Showdown oder Shootdown endet, gerät die Schicksalsgemeinschaft aus Red und Vivienne in Schlägereien, besucht einen alten Gefährten Reds im „Indianer“-Reservat, bleibt mit Motorproblemen liegen und begegnet Flüchtlingsströmen vor gewaltiger Kulisse: brennende Wälder, kilometerhohe Rauchsäulen, horizontfüllende Staubwalzen und endlose Flüchtlingsströme. Während der 1930er herrschten in weiten Teilen der USA extreme Hitze und große Trockenheit. Die „Dust Bowl“ genannte Wetterlage führte zu gigantischen „Black Blizzard“ Staubstürmen und trieb speziell viele Bauern in den Ruin. Massenweise ließen sie ihre ausgelaugten Äcker zurück.

Renards monströse Staubwalzen besitzen eine wuchtige Gegenständlichkeit. Sie scheinen spürbar, fast greifbar zu sein. Streckenweise baut sich eine bedrückende Weltuntergangs-Atmosphäre auf, die an Manu Larcenets Adaption von Cormac McCarthys „Die Straße“ erinnert. Angeblich verwendet Renard eine Mischtechnik aus Bleistiftzeichnungen mit digitaler Nachbearbeitung für seine grandiosen Hintergründe. Kanten und Konturen wirken leicht verschwommen, als ob Dunst in der Luft läge. Das Grau der Flächen grieselt zart, als wäre es fein aufgesprüht. Landschaften – obwohl nur schwarzweiß – sehen aus wie auf alten Fotografien in bräunlichem Sepia, und Renard feiert geradezu ihre Weite und Tiefe. Die Hintergründe locken Blicke hinein in seine Panoramen, egal ob sie düster oder friedlich sind: Vivienne und Red passieren auch endlose Steppen, bewaldete Täler, hügelige Ebenen mit Seen. In diesen Abschnitten nimmt sich die Story Zeit für nachdenkliche, romantische und viele nostalgische Momente, bevor das Tempo wieder anzieht.
Der Vordergrund, in dem das Ensemble die Handlung vorantreibt, setzt sich grafisch deutlich ab. Comicgemäß stellt Renard seine Figuren vereinfacht und stilisiert dar. Flächen habe scharfe Umrisse und kaum Verläufe im Grau. Tiefe findet sich bei Renards Handelnden eher innerlich: Alle schleppen Altlasten mit sich. Eine davon tritt sogar als böser Geist aus der Vergangenheit auf, aus der Zeit des Wilden Westens. Da regierte vielerorts das Recht des Stärken oder Schnelleren am Abzug. „Rothäute“ waren häufig Freiwild. Dennoch verklären Red Dust und sein alter Kumpel Mondflecken die guten alten Zeiten… Dazu neigen bekanntlich viele ältere Menschen. So hat Red Dust eigentlich nur einen glücklichen Moment – als er im Kino Raoul Walshs Western „The Big Trail“ (1930, dt. „Der große Treck“) anschaut. Zu diesem Genre bekennt sich „Wiedersehen…“ spätestens mit seinem ruppigen Schluss: Es ist kein Ratgeber zur gewaltfreien Lösung von Konflikten! Undurchsichtig agiert einzig Vivienne. Anfangs taff auftretend wird sie hinten zum „willenlosen Püppchen“ erklärt. Ihre Motive bleiben nebulös.
Vielleicht hätte Red Dust ihr gegenüber misstrauischer sein sollen? Die Geschichte mit der Historikerin klang vorn Vorneherein wenig überzeugend. Doch jeder Verdacht steigert die Spannung. Wobei „Wiedersehen…“ vor dem pulverschwangeren Finale eh schwer wegzulegen ist. In Frankreich wurde parallel zu „Revoir Comanche“ eine auf 300 Stück limitierte Vinylsingle mit schönem Cover und drei Songs veröffentlicht – vielleicht als Nervenbalsam? Ein Lied, der alte Folksong „Wayfaring Stranger“, lässt sich zum Beispiel von Johnny Cash im Netz anhören. Die anderen zwei hat der umtriebige Renard selbst geschrieben und gesungen. Er ist ja nicht nur Zeichner und Comicautor, sondern auch Designer von TV-Shows, Bühnenautor, Komponist, Musiker und Songwriter. Leider gibt es sein „See Comanche again“ und „Dust Bowl“ (noch) nicht online. Wäre nett gewesen zu erfahren, was Romain Renard über seinen schönen Comic hinaus zu dem US-Katastrophenklima der 1930er und zum ersehnten „Wiedersehen mit Comanche“ zu sagen hat. Oder zu singen.
Romain Renard: Wiedersehen mit Comanche • Aus dem Französischen von Anne Bergen • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 152 Seiten • Hardcover • 35 Euro
Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.

