Reise in eine fremde Realität – „Papiervögel“

Mana Neyestanis „Papiervögel“ ist ein intelligenter Survival-Thriller über den lebensgefährlichen Alltag der Kolbar, der kurdischen Lastenträger im iranisch-irakischen Grenzgebiet.

Mana Neyestani, 1973 in Teheran geboren, ist ein Comiczeichner, Illustrator und Designer. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr es auf jedes Wort, auf jeden Strich, auf jeden Ausdruck ankommt. In seinem Debüt „Ein iranischer Albtraum“ (Edition Moderne, 2013) hat er das aufgezeichnet.

Mana Neyestani hatte eines Tages für eine Kinderseite eine Kakerlake gezeichnet, die ein Wort sagt, das aus einem regionalen Dialekt in die Alltagssprache gewandert ist. Das Regime fand das anstößig, gar aufwieglerisch und steckte ihn ins Gefängnis. Die Flucht war abenteuerlich. Über Realität und kafkaeske Albträume braucht diesem Comic-Künstler niemand etwas zu erzählen. Sein Zeichenstil erinnert an George Grosz und Otto Dix. „Grosz bewundere ich“, sagt der Zeichner selbst und nennt als weitere Vorbilder Brad Holland und den argentinischen Cartoonisten Quino.

Aus seinem französischen Exil recherchierte er nun die Lebensbedingungen im iranischen Kurdistan. Die arme Bergregion gilt als Hochburg für den Schmuggel von Zigaretten, Alkohol, Luxusgütern oder Kleidung. Die Dorfbewohner werden von Mafiabanden ausgenutzt, unter Lebensgefahr Waren über die bis zu 3000 Meter hohen Pässe des Zagros-Gebirges zu transportieren. „Kolbar“ nennt man diese Lastenträger (von Persisch kol/ Rücken und bar/ Last). Ihre Zahl wird auf etwa 40.000 geschätzt. Auch immer mehr Frauen sind darunter. Pro über Tage transportiertem Kilo gibt es 25 bis 90 Cent Lohn, jedes Jahr kommen mehrere Dutzend Kolbar zu Tode: durch Landminen, Lawinen, eisige Kälte, Unfälle, Erschöpfung oder als Opfer iranischer Grenzbeamter. Eine heftige Welt. Die Geschichte ist von Fotos, Videos, Dokumentationen und Zeitungsartikeln inspiriert. „Die in diesem Buch beschriebenen Ereignisse haben ihren Ursprung in der Realität“, schreibt der Autor in seinem Vorwort.

Neyestani zeichnet mit filmischen Mitteln, fein schraffiert, präzise. Schwarz-Weiß. „Papiervögel“ ist eine auf mehreren Ebenen entfaltete Erzählung über Unterdrückung und Klassengesellschaft, Widerstand und Mut – und Liebe. Und kurdische Kultur (sehr schön, der wachsende Teppich). Dieser Band lässt teilhaben an Lebensrealitäten, über die wir – durchaus mit Absicht – wenig wissen und erfahren. Der Autor weiß auch um den subversiven Humor der Habenichtse. Ein wirklich intelligenter Survival-Thriller.

Diese Kritk erschien zuerst am 01.04.2026 in: CulturMag

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Papiervögel“.

Mana Neyestani: Papiervögel • Aus dem Französischen von Christoph Schuler • Edition Moderne, Zürich 2025 • Hardcover • 200 Seiten • 28,00 Euro

Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.