Die Rechte versucht zunehmend, die Kultur unter ihre Kontrolle zu bringen – mit Erfolg. Doch wir müssen das nicht einfach hinnehmen.
Drei Uhr nachts ist bekanntlich die Unzeit schlechthin. F. Scott Fitzgerald behauptete gar, in der dunklen Seite der menschlichen Seele sei immer drei Uhr nachts. Alles hat geendet und noch nichts Neues kann schon beginnen. Außerdem scheinen es etliche Körperteile als den angemessenen Termin anzusehen, sich mit Schmerzen zu melden, alte Narben, neue organische Überforderungen. Ich behaupte: Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in einem Drei-Uhr-nachts-Zustand. Und einer der Teile, die ihr in diesem Dämmerlicht besonders wehtun, ist die Kultur.
Was da zwickt und brennt ist ein sogenannter Kulturkampf, den die antidemokratische Rechte (das archetypische Drei-Uhr-nachts-Symptom einer bürgerlichen Gesellschaft) ausgerufen und konsequent durchgeführt hat. Große Teile der liberalen Zivilgesellschaft glauben immer noch, es handele sich dabei um eine Art schlechten Traum, aus dem man rasch erwachen kann, um dann wieder die Decke übers Kinn zu ziehen.
Tatsächlich aber sind diese Drei-Uhr-nachts-Schmerzen an Haupt und Gliedern der Gesellschaft zu spüren und weisen auf eine schwerere Krankheit hin: Was mit der Kultur geschieht, droht bald der ganzen Gesellschaft. Um es mit den Worten des italienischen Senators Francesco Verducci zu sagen: „Kulturpolitik ist für die Rechten ein Eroberungskampf, und alles, was sie nicht besetzen und kontrollieren können, wird diskriminiert und bekämpft.“
Die vereinigte Rechte dieser Tage hat in ihrem Bestreben, die Kultur unter ihre Kontrolle zu bringen, ein Repertoire von taktischen Verletzungen und Vergiftungen geschaffen: Delegitimation, Denunziation und Verunsicherung linker, liberaler und demokratischer Medien und Kulturinstitutionen im Schulterschluss von konservativer Kulturpolitik und rechten Sprachrohren. Verschärfung der finanziellen Krisen durch gezielte Umleitung von Fördergeldern und anderen Unterstützungen von demokratischen zu rechten Elementen. Druckaufbau durch allgemeine Sparmaßnahmen im Krisenmodus.
Empörung statt Kritik und Debatte
Besetzung von Schlüsselrollen in der Kultur durch Ideologie- und Regimetreue (was die Melonis und Trumps dieser Welt anbelangt, gern auch Mitglieder der erweiterten Familien-Clans), unabhängig von künstlerischer und sozialer Kompetenz. In Krisen geratene Medien und Institutionen werden an in- oder ausländische Oligarchen oder Zwischenhändler verkauft, die sich die lukrativen Teile aneignen und den Rest in Propagandainstrumente umwandeln, um sich das Wohlwollen der rechten Regierung sowie die eigene mediale Präsenz zu sichern.
Begleitet ist das alles von einer ständigen Polemik gegen zu viel linke Einflussnahme oder eine kulturelle Produktion, die am „Volk“ vorbeigeht. Breite Aktivierung aller Vorbehalte gegen das Moderne in Kunst, Literatur und Theater. Flächendeckende Normalisierung rechter und ultrarechter Medien und Stimmungen. Mainstream-Medien ebenso wie öffentlich-rechtliche Sender versuchen, sich durch den Einsatz rechter Stimmen gegen den Vorwurf der Einseitigkeit zu wehren. Rechte und rechtspopulistische wie rechtsextreme Medien und Institute werden von den Regierungen geduldet, beliefert und zunehmend bevorzugt.
Jede linke und demokratische Kultur wird mit einer Hetz- und Hass-Kampagne bedroht, bei der die Rechten nach Zustimmung im konservativen Milieu fischen. An die Stelle von Kritik und Debatte tritt das Empörungsspektakel. Personen linker und demokratischer Medien werden mit Gewalt bedroht und eingeschüchtert. Der Staat kann und will sie nicht schützen.
Kultur als kreativwirtschaftliche Ware
Gremien, Ausschüsse, Jurys und andere Instanzen werden von rechten Mitgliedern in ihre Richtung gedrängt. Wo dies nicht gelingt, werden ihre Entscheidungen infrage gestellt und autoritär ausgehebelt. Das Internet wird, frei nach den Direktiven der US-amerikanischen Rechten, weiter mit brauner Soße geflutet.
Der Staat selbst verlagert seine Förderpflichten von einer Kulturförderung in der Fläche und für die Bevölkerung auf nationale Leuchtturmprojekte. Antimigrantische („Stadtbild“) und antiqueere (Klöckners Regenbogen-Erlass) Impulse werden in Mitte-rechts-Regierungen zum Standard.
Der Schulterschluss zwischen Industrie und Rechten, der sich lange im Hintergrund vorbereitete, erscheint nun als offene Allianz zum Wohl der Unterhaltungsbedürfnisse und zum Wehe kritischer Berichterstattung. Die Berufsaussichten von Kulturschaffenden außerhalb der neuen Allianzen von Kapital und Rechten werden denkbar schlecht. Von einem verfassungsgemäßen Gemeingut soll Kultur zur kreativwirtschaftlichen Ware werden. Einige kulturelle Instanzen (in Deutschland zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Kulturprogramme) begehen inhaltlich kollektiven Selbstmord aus Furcht vor der kulturpolitischen Reaktion.
All das findet in den Staaten des einstigen demokratischen Westens zwar in verschiedener Intensität und Geschwindigkeit statt, ohne einen Kulturkampf von rechts aber ist keiner geblieben. Wer in Deutschland im Bereich von Kunst, Kultur und Kritik tätig ist und sich nicht direkt oder indirekt betroffen spürt, muss über eine ausgeprägte Kraft des Augenschließens verfügen.
Nicht aussitzen, sondern gegenhalten
Wir anderen, die wir ganz deutlich um den Schlaf gebracht sind, könnten um drei Uhr nachts immerhin ein paar Vorsätze für den nächsten Tag fassen: Keine Fraternisierung! Keine diplomatischen Kompromisse! Kein Aussitzen in der Hoffnung, den rechten Spuk zu überleben! Keine innere Emigration! Kein Sprung über jeden Stock, den die Rechte hinhält! Stattdessen solidarisches Zusammenwirken! Jeden antidemokratischen Kulturkampfvorstoß öffentlich machen! Thematisierung der Strategien und Taktiken des rechten Kulturkampfs! Schaffung neuer kultureller Öffentlichkeiten! Kritik von Opportunismus und Feigheit in den Mainstream-Medien!
Drei Uhr nachts ist ein qualvoller Zeitpunkt des Erschreckens und der Angst. Aber auch der Zeitpunkt, sich auf einen nächsten Morgen vorzubereiten.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 12.05.2026 in der Taz. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Georg Seeßlen, geboren 1948, Publizist. Texte über Film, Kultur und Politik für Die Zeit, Der Freitag, Der Spiegel, taz, konkret, Jungle World, epd Film u.v.a. Zahlreiche Bücher zum Film und zur populären Kultur, u. a.: Martin Scorsese; Quentin Tarantino gegen die Nazis. Alles über INGLOURIOUS BASTERDS; Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität (zusammen mit Markus Metz); Tintin, und wie er die Welt sah. Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums; Sex-Fantasien in der Hightech-Welt (3 Bände), Das zweite Leben des ›Dritten Reichs‹. (Post)nazismus und populäre Kultur (3 Bände), Liebe und Sex im 21. Jahrhundert. Streifzüge durch die populäre Kultur. Zuletzt erschien von ihm „Trump & Co“.
Abb. oben aus Sébastien Goethals‘ Graphic Novel „Die Zeit der Wilden“ (Splitter Verlag)
