Ein Blick auf den Fortgang der „Modesty Blaise“-Komplettausgabe.
Manche Projekte sind einfach zu schön, um jemals wirklich wahr zu werden. Deshalb ist es an der Zeit, soliden Fortschritt anzuzeigen: Die Monumentalausgabe „Modesty Blaise“ als Comicstrip hat Fahrt aufgenommen und erscheint Stück für Stück. Jetzt im Frühjahr sind die Bände 7 und 8 im Bocola Verlag erschienen. Dies in der nun schon gewohnten Qualität und im bewährten Hardcover-Querformat 30,5 x 28,0 cm. Modesty Blaise, monumental.
Sie war Peter O’Donnells Antwort auf James Bond: Eine Frau mit sehr bewegter Vergangenheit, die zielstrebig, äußerst mutig und mit unkonventionellen Methoden irgendwann schließlich als Chefin eines international agierenden Verbrecherkartells beträchtlichen Reichtum erlangt hat. Dennoch beginnt sie für den britischen Geheimdienst zu arbeiten, dabei fast immer unterstützt von ihrem treuen Gefährten Willie Garvin.
Ihren ersten Auftritt hatte sie 1963 als Comicfigur in Londoner „Evening Standard“. Mit in der Regel drei Bildstreifen pro Folge wurden es insgesamt unglaubliche 10.183 Zeitungs-Strips, 95 Geschichten, erzählt im Verlauf von 38 Jahren – vom 13. Mai 1963 bis zum 11. April 2001. Nicht viele Comicstrips brachten es auf ein längeres Leben: Charles Schultz’ „Peanuts“ (1950–2000) etwa oder „Bristow“ von Frank Dickens (1962–2003). Aber es gibt nur eine Modesty Blaise.

Sie war auch Peter O’Donnells Heldin in elf Romanen und zwei Kurzgeschichten-Bänden. Alle Versuche aber, sie zu verfilmen, sorry to say, taugten nichts. Die Comics jedoch gingen rund um die Welt. Der Strip wurde für eine große Anzahl von Zeitungen syndikalisiert, darunter der „Johannesburg Star“, die „Detroit Free Press“, der „Bombay Samachar“, „The Telegraph“ (Kalkutta), „The Star“ (Malaysia), „The West Australian“ (Perth), „The Evening Citizen“ (Glasgow) und die „Birmingham Evening Mail“ (England).
Fünf Zeichner illustrierten ihre Abenteuer: angefangen mit Jim Holdaway (1963–1970), gefolgt von Enrique Badía Romero (1970-1978), John M. Burns (1978–1979), Patrick Wright (1979–1980) und Neville Colvin (1980–1986). Danach kehrt Enrique Badía Romero als Zeichner zurück und begleitet die Serie bis zum letzten Strip im April 2001. Peter O’Donnell starb am 3. Mai 2010.
So glorios wie jetzt haben wir sie bislang noch nie sehen können wie in den bisher vorliegenden acht Bänden der geplanten gigantischen „Modesty Blaise“-Komplettausgabe in deutscher Sprache. Modesty begegnet uns sozusagen im festlichen Kleinen Schwarzen: im Hardcover-Querformat von 30,5 x 28,0 cm. Drei Geschichten pro Band, in aller Glorie mit drei Panels je Seite reproduziert. Jede Geschichte eingeleitet vom Meister persönlich, jeder Band von Vorworten und Interviews gerahmt. Am Buchende eine „Modesty-Blaise-Checklist“ mit Überblick aller 95 je publizierten Geschichten. So geht Editionsarbeit.
Die für diesen Text gesichteten Bände enthalten:
Band 6. Strips 1795 – 2043: „In der Hölle“ („The Hell-Makers“), „Übernahme“ („Take-Over“) und „Die Warlords des Phönix“ („The War-Lords of Phoenix“).
Band 8. Strips 2508 – 2846: „Der Steinzeitstreich“ („The Stone Age Caper“), „Der Marionettenspieler“ („The Puppet Master“), „Liebe Grüße von Rufus“ („With Love from Rufus“).

In den USA war die Publikationsgeschichte erratisch. Dies hauptsächlich wegen der gelegentlichen Nacktszenen – in den USA weniger akzeptiert und geduldet als in den meisten anderen Ländern. (Modesty Blaise verwendete gelegentlich eine Taktik, die sie „The Nailer“ nannte, den „Nagler“. Meist mit Willie abgesprochen, betrat sie „oben ohne“ einen Raum oder eine Situation, was ihr oder Willie Gelegenheit gab, die davon abgelenkten Bösewichte zu entwaffnen.) Ein Beispiel von Zensur war zum Beispiel die Veröffentlichung der Geschichte „The Junk Men“ 1977 in der „Detroit Free Press“. Modesty und Willie, beide nackt, wurden darin nachträglich vom Zeichner Enric Romero verhüllt. Peter O’Donnell war not amused.
Band 6 enthält die Story „Die Warlords des Phönix“, in der sich ein historischer Wechsel vollzog. Erst ganze 43 Jahre alt, verstarb hierbei mitten in der Arbeit Jim Holdaway, mit dem O’Donnell die „Modesty“-Reihe entwickelt und zum Welterfolg geführt hatte. Sie hatten sieben Jahre an den Strips zusammengearbeitet, davor bereits weitere sieben an „Romeo Brown“ für den „Daily Mirror“. Mitten im Fluss also wechselt hier der Graphic Artist. Enrique Badía Romero übernahm (für den internationalen Markt auf Enric Romero verkürzt.)
Mit ihm kam es dann 1971 im Strip „Der Steinzeitstreich“ („The Stone Age Caper“) zum historisch ersten Nacktauftritt von Modesty Blaise. Rob van der Nol erzählt davon in seinem Vorwort „Die geheimen Waffen einer Femme Fatale“. In seinen Romanen war Peter O’Donnell immer freizügiger, etwa in „The Silver Mistress“, wo Modesty völlig nackt und mit Fett eingeschmiert gegen den bösen Mr. Sexton kämpft. Ihr Geheimdienst-Chef Sir Tarrant ist dabei in der Höhle anwesend, bei ihrem Anblick sinniert er: „Sie schien ein fleischgewordener Mythos zu sein, eine Tochter des Mars, die höchste Meisterin der Kriegerkünste, mit einer Aura von Anspannung, Lust und Kraft.“
In den Comics ging es prüder zu – bis O’Donnell dachte, es könnte interessant werden, Modesty zu den Aborigines in Australien zu bringen. Daraus wurde dann „The Stone Age Caper“. (Der aus Großbritannien eingewanderte Brite Arthur W. Upfield (1890–1964) war mit seinem Detective Inspector Napoleon „Bony“ Bonaparte seit 1929 mit insgesamt 29 Romanen erfolgreich. Bonys Mutter war eine Aborigine, sein Vater weißer Brite. Einer der bekanntesten Romane, „The Bone Is Pointed“, stammt von 1938.)

Modesty muss sich bei den Aborigines verstecken. Sie kann nicht fliehen, also muss sie sich ihrem Umfeld anpassen, tönt sich die Haut mit einer Mischung aus Fett und Holzkohle. Aborigines-Frauen aber sind fast immer oben ohne, also muss sich auch Modesty (was auch anständig bedeutet) anpassen. Sieben Strips, sieben Tage lang tat Enric Romero als Zeichner sein Bestes, mit dieser Situation klarzukommen. Er wählte Panorama-Perspektiven, brachte einen verschränkten Arm ins Bild, zeigte Modestys Brüste nur in Andeutungen. Das Dilemma aber wurde Tag für Tag klarer. O’Donnell besprach die Angelegenheit mit dem Comic-Strip-Herausgeber des „Evening Standard“. Gemeinsam wurde beschlossen, fortschrittlich zu sein – hey, die Swinging Sixties! – und Romero das tun zu lassen, was er am besten konnte: schöne Frauen zeichnen. Das dritte Bild von Panel 2593 wurde dann historisch. Modesty steht da, nackte Brüste, Hände auf den Hüften, stolz und selbstbewusst und feminin. Eine halbnackte Frau in einer respektablen Zeitung.
Manche Leser beschwerten sich. Die „Sunday Times“ brachte sogar einen Artikel. O’Donnell erhielt eine Rüge von seiner Zeitung. Aber es war nichts Ernstes. Modesty behielt in den nächsten Jahren in solchen Szenen dann ihren BH an. Enrique Badía Romero begann 1978 seinen eigenen Comic-Strip zu zeichnen: die Science-Fiction-Saga „Axa“ mit einer mit einem Schwert bewaffneten und wenn überhaupt dann in einem knappen Fell-Bikini gekleideten Endzeit-Heldin. Zentraler Bestandteil darin war, wie Axa sich ihrer Oberbekleidung entledigen kann. In fast jeder Geschichte findet sie dafür einen Weg.
Peter O’Donnells Steinzeit-Geschichte von 1971 war im Juni 2020 immer noch für einen Skandal und eine Kontroverse gut. Der Strip Nr. 2548 irritierte Leser des „West Australian“ wegen seiner Dialoge. Ein Bösewicht macht in „The Stone Age Caper“ rassistische Kommentare. 2009 hatte dieselbe Veröffentlichung nur wegen Modestes Nacktheit irritiert. Am 30. Juni 2020 stellte die Zeitung nach 48 Jahren Veröffentlichungszeit für diesen Comic Strip endgültig die Publikation von „Modesty Blaise“ ein.
Diese Kritk erschien zuerst am 01.05.2026 in: CulturMag
Hier findet sich ein weiterer Beitrag zu „Modesty Blaise“.
Peter O’Donnell (Autor), Jim Holdaway, Enrique Badía Romero (Zeichner): Modesty Blaise. Die kompletten Comicstrips 1969 – 1970, Band 6 • Aus dem Englischen von Uwe Baumann und Claudia Wich-Reif • Bocola Verlag, Klotten 2025 • Hardcover • 144 Seiten • 29,00 Euro
Peter O’Donnell (Autor), Enrique Badía Romero (Zeichner): Modesty Blaise. Die kompletten Comicstrips 1971 – 1972, Band 8 • Aus dem Englischen von Uwe Baumann und Claudia Wich-Reif • Bocola Verlag, Klotten 2026 • Hardcover • 144 Seiten • 29,00 Euro
Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.


