Die autobiografische Graphic-Novel „Fun Home“ hat die US-amerikanische Comic-Künstlerin Alison Bechdel weltberühmt gemacht. Berühmt ist auch ihr Bechdel-Test, mit dem man mit drei einfachen Fragen stereotype Frauendarstellungen in Filmen ausfindig machen kann. Diesen Test hatte Bechdel in ihrer Serie „Dykes to watch out for“ als Witz erfunden. Jetzt hat sie einen autofiktionalen Comic herausgebracht, in dem sie Elemente aus ihren früheren Comics vermischt. „Kaputt“ heißt das Buch, das in einem Provinznest vor der Wahl von Donald Trump angesiedelt ist.
Auf den ersten Blick ist es eine beschauliche Welt in Vermont, die Alison Bechdel zeichnet: Ihr Alter Ego betreibt mit ihrer Frau einen Gnadenhof für Ziegen. Und trifft sich mit ihren Freunden, um die neueste Folge ihrer Comic-Verfilmung von „Tod und Taxidermie“ zu gucken, die dem Comic „Fun Home“ verdächtig ähnlich ist.
Der Erfolg bringt allerdings neue Probleme: Denn nun muss sich Alison mit der überkandidelten Produzentin rumschlagen, die versucht, ihren Comic massentauglich zu verfremden – und dann sind da auch noch die vielen Trump-Anhänger mit ihren MAGA-Käppis – zu der auch Alisons Schwester gehört, die in den Sozialen Medien fordert, die Comics ihrer Schwester aus der Öffentlichkeit zu verbannen, weil darin Homosexualität thematisiert wird.
Es ist eine wilde Mischung aus echten Menschen – die bereits in den autobiografischen Büchern von Alison Bechdel auftauchen und die nun fiktionale Konflikte erleben – sowie dem Personal von „Dykes to watch out for“, die in „Kaputt“ zusammen in einer WG wohnen. Mit diesem Setting zeigt Alison Bechdel, wie sehr die Welt vom Kapitalismus durchzogen ist. Wie sie Szenen aus ihrem Leben in den Sozialen Medien posten muss, weil das im Vertrag für die Fernsehserie steht. Und wie sie dabei so erfolglos ist, dass ihre Frau ihr dabei hilft. Als Ziegenhofbetreiberin und bildende Künstlerin geht die ganz spielerisch mit den Herausforderungen des Internets um. Solche Szenen sind komisch und ernst zugleich. Besonders komisch aber wird es, als das heterosexuelle Paar aus der WG sich in dieselbe Frau verliebt und eine Dreierbeziehung eingeht.

Denn Sparrow und Stuart wirbeln mit ihrer Beziehung zu Naomi auch alle anderen Beziehungen durcheinander. Weil das anfängliche Lästern der anderen über die eingefahrene Beziehung von Sparrow und Stuart umschlägt in die Erkenntnis, dass die eigenen Beziehungen auch ziemlich routiniert ablaufen. Und weil der inzwischen erwachsene Sohn zwar selbst polyamor lebt, das den Eltern aber nicht zutraut.
„Kaputt“ sind die Beziehungen der WG-Freunde kein bisschen, sondern höchst vital. Der Titel spielt vielmehr darauf an, dass die Menschen von ihrer ständigen Selbstvermarktung kaputt im Sinne von „völlig übermüdet“ sind. Und darauf, dass das Land und die zwischenmenschlichen Beziehungen unter dem Einfluss von Donald Trump kaputtgehen. Alison Bechdel zeigt, wie die Held:innen in ihrem Comic zusammenhalten, wie sie Projekte für Demokratie und freie Meinungsäußerung planen und daraus Kraft schöpfen. Wie sie nach einer Überflutung in einer Stadt aufräumen helfen und auch Trump-Fans unterstützen. Es ist das einzige, was man in dieser Situation tun kann, meint Alison Bechdel: Im Gespräch bleiben, auch mit denen, die die Demokratie abwählen wollen. Manchmal zeigt das im Comic sogar Wirkung. Die Schwester, die im Comic gegen Alisons Arbeit wettert und gegen ihre Identität, wird sich versöhnlich zeigen.
Mit dem Comic „Kaputt“ führt Alison Bechdel sämtliche Fäden ihrer Arbeit zusammen. Greift mit herrlichem Humor die Figuren ihrer frühen Serie „Dykes to watch out for“ auf und diskutiert mit viel Ernst die Folgen von Kapitalismus und Demokratie-Verdrossenheit. Das macht sie so umfassend, dass es schwerfällt, sich einen Comic von Alison Bechdel nach „Kaputt“ vorzustellen. Doch die Comic-Ikone hat schon ein neues Projekt. Sie wird das Setting von „Kaputt“ weiterführen und über die Angriffe der US-Regierung auf die Universitäten schreiben. Denn Bechdel ist seit kurzem Uniprofessorin und kann davon ganz autofiktional aus der Innensicht erzählen.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 03.06.2026 auf: radio3 rbb
Alison Bechdel: Kaputt • Aus dem Englischen von Katharina Erben • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 272 Seiten • 24,00 Euro
Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

