„Comiczeichner:innen haben keinen hohen Stellenwert in Österreich“

Der Wiener Franz Suess widmet sich in seinen Graphic Novels den Underdogs und Abgehängten der Großstadt. Kürzlich wurde er als bester deutschsprachiger Künstler mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. Ein Gespräch über Ausdauer und Sehnsüchte – samt Buchtipps.

Als Comiczeichner ist es sicher nicht falsch, sich in Bescheidenheit zu üben. Zumal in Österreich, das trotz des zaghaften Aufwinds, der Graphic Novels und Comics auch in den Buchhandel gefegt hat, noch immer ein vergleichsweise hartes Pflaster für Comickünstler:innen ist. „Comiczeichner:innen haben keinen hohen Stellenwert in Österreich. Es ist eine minoritäre Kunstform, die kaum Aufmerksamkeit bekommt“, sagt Franz Suess.

Anerkennung wurde Suess nun in Deutschland zuteil: Anfang Juni wurde er mit dem Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Künstler ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Stadt Erlangen im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Comic-Salons vergeben. „Ich hatte Glück. Es hätte genauso gut jemand anderen treffen können“, stapelt Suess tief. Es passiert nicht das erste Mal, dass ein Künstler in Deutschland oder auch im Comicland Frankreich reüssieren muss, um in Österreich wahrgenommen zu werden – siehe Nicolas Mahler, der lange in Frankreich bekannter war als in Österreich.

2011 begann Suess mit 50 Jahren, Comic-Erzählungen zu veröffentlichen, wie so viele andere auch im Eigenverlag. Das erste Buch „1160, Ottakring“ ist ein Porträt der vielen Facetten seines Heimatbezirks. „Ich habe lange Jahre für die Schublade gearbeitet, weil ich keinen Verlag gefunden habe“, sagt der Wahlwiener, der 1961 in Linz geboren ist. 2017 sprang als Erstes ein französischer Verlag auf, 2019 erschien dann „Paul Zwei“ im Wiener Luftschacht-Verlag. Mit der Aufnahme in den deutschen Comicverlag Avant 2022, wo bisher „Diebe und Laien“ und „Drei oder vier Bagatellen“ sowie zuletzt „Jakob Neyder“ veröffentlicht wurden, hatte sich die Ausdauer schließlich ausgezahlt.

Liebe zum Underdog

In allen seinen Büchern sticht nicht nur der unverwechselbare Stil mit immer leicht zerkratzt wirkenden Bleistiftzeichnungen hervor, sondern auch Suess‘ Liebe zum Underdog, zu jenen, die normalerweise unter dem Radar bleiben. Seine Geschichten handeln von den unerfüllten Sehnsüchten und der beklemmenden Einsamkeit im Großstadtdschungel Wiens, sie wühlen in den Wunden, die man allzu gern versteckt, auch vor sich selbst. Vielleicht gehen seine Erzählungen genau deshalb so unter die Haut, weil die meisten Menschen solche Gefühle kennen – und Suess auch die Abgehängten mit einer Feinfühligkeit porträtiert, die sie nie vorführt.

„Dass die Protagonist:innen immer wieder scheitern, liegt auch daran, dass es zu viele Herausforderungen gibt: Geldnot gehört genauso dazu wie selbstsüchtige Mütter, gleichgültige Mitmenschen oder sexuelle Identitäten, die nicht Mainstream sind“, formulierte es Max-und-Moritz-Jurymitglied Andrea Heinze in ihrer Laudatio.

Im Zentrum stehen Beziehungen aller Art – und die Suche danach: „Jeder möchte letztlich gefunden werden, eine Form von Eingebundensein erleben, um die Verlorenheit aufzuheben und Fuß zu fassen im eigenen Leben.“ Immer wieder kippt die Welt seiner Antiheldinnen und -helden, kollabieren die großen Fragen in den Niederungen des Alltags, der eben auch Pech und falsche Entscheidungen mit sich bringt.

Nachzieherland Österreich

Ausgangspunkt für „Jakob Neyder“ war etwa letztlich die Klimakrise, genauer gesagt ein Konflikt des titelgebenden Jugendlichen mit einem Autofahrer. Die Wut, die Jakob zu einer unüberlegten Handlung treibt, und das folgende schlechte Gewissen sind der Hintergrund einer vielschichtigen Story in der flirrenden Hitze des Sommers. „Jede Radfahrerin, jeder Radfahrer in Wien kennt die Konflikte mit Autofahrern“, sagt Suess. „Das ist schon etwas speziell Österreichisches: Man hat immer das Gefühl, man muss sich rechtfertigen, wenn man gegen die Einbahn fährt, obwohl es erlaubt ist. Vom gesellschaftlichen Stellenwert kann man Radfahrer:innen wohl mit Comiczeichner:innen vergleichen.“

In den letzten 15 Jahren habe sich aber auch in Österreich vieles verändert, nicht nur Radwege werden ausgebaut, auch die Comic-Szene ist deutlich gewachsen und gut vernetzt. Die 2019 gegründete Österreichische Gesellschaft für Comics (OeGeC) bemüht sich um Sichtbarkeit, unter anderem mit dem Wiener Comicpreis, der erste ausschließlich für Comics reservierte Preis in Österreich. An Verlagen, Förderungen und Stipendien mangelt es nach wie vor. „Die finnische Comicgesellschaft gibt es seit 1971“, gibt Suess zu bedenken.

Suess selbst hat bereits einige Preise für sich verbuchen können, unter anderem den Comicbuchpreis der deutschen Berthold Leibinger Stiftung, den österreichischen Outstanding Artist Award und für „Diebe und Laien“ den deutschen ICOM Preis für den Besten Independent Comic.

„Wenn Erfolg darin besteht, dass man viele Bücher verkauft hat, dann haben die meisten Comicschaffenden keine Erfolge“, ist Suess ernüchtert. „Für mich ist es ein Erfolg, eine bestimmte Stimmung im Gesicht einer Person, die ich zeichne, darzustellen. Den Rest kann ich nicht beeinflussen.“

Franz Suess: Drei Lektüretipps

„Jakob Neyder“: Gewissensbisse in der Sommerhitze

Sommerferien. Es ist heiß, schwere Luft scheint durch die Straßen zu wabern. Die alleinerziehende Mutter eröffnet ihrem Teenager-Sohn Jakob, dass er nicht mit in den Urlaub nach Griechenland kommen kann, er soll sich um den kranken Hund kümmern. „Du musst endlich lernen, Verantwortung zu übernehmen“, „Dir ist wohl alles egal“ – das typische Hickhack.

Doch es gibt noch etwas anderes, das Jakob beschäftigt: Was er verbrochen hat, löst sich erst im Lauf der Geschichte auf. Das schlechte Gewissen nimmt er mit in das abgehalfterte Sommerhaus am Land. Mit dabei: Der Hund Bruno, Kumpel Marc, mit dem er genauso sexuelle Erfahrungen gemacht hat wie mit Susi, die später nachkommt. Es entwickelt sich ein Kammerspiel in der flirrenden Sommerhitze, zwischen Langeweile, trügerischer Idylle und seltsamen Ereignissen in der Einöde dehnen sich die Tage, bis Jakob immer weiter in einen Strudel gezogen wird.

Franz Suess: Jakob Neyder • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Hardcover • 184 Seiten • 29,00 Euro

„Drei oder vier Bagatellen“: Missglückte Begegnungen

„Für Sex und Liebe war ich ein ausgesprochener Fachmann“, steht über dem Bild eines verunsicherten jungen Mannes, der auf seinen Nägeln kaut. „Theoretisch“, fügt Michael, der Protagonist der ersten Episode von „Drei oder vier Bagatellen“ hinzu. Und: „Das praktische Tun war bei mir ein großes, schwarzes Loch.“ Das ist nur eine Andeutung der Tragik, die sich in der Folge für Michael aufrollt. Von Sebastian, den er über eine Dating-App kennenlernt, wird er bestohlen und gedemütigt.

Nicht besser ergeht es der Wurstverkäuferin Brigitte, die sich auf ein zweifelhaftes Blind-Date einlässt, und Tobias, der von seinen Eltern zum dementen Großvater aufs Land geschickt wird, wo ihm ein folgenreiches Missgeschick passiert. Das verbindende Element ist bezeichnenderweise die Toilette, als Sinnbild für die verschwiegenen Abgründe und Peinlichkeiten, die auch aus einer vermeintlichen Bagatelle erwachsen können.

Franz Suess: Drei oder vier Bagatellen • Avant-Verlag, Berlin 2024 • Softcover • 208 Seiten • 25,00 Euro

„Paul Zwei“: Mysteriöse Metamorphose

„Es war die heißeste Woche dieses Sommers und nur Sex war in meinem Kopf, als der Fund vieler toter Flüchtlinge in einem Kühl-LKW die Welt erschütterte und ich an diesem sonnigen, glänzend blauen Morgen nicht verstehen konnte, was mit mir geschehen war.“ Paul ist gerade seiner erzkatholischen Großmutter auf dem Land entflohen und in eine WG in Wien gezogen. Statt der sexuellen Abenteuer erwartet ihn fast beiläufig eine Art Geschlechtstransformation: Sein Penis schrumpft weg, er ist nun „wie eine Frau“, Paul Zwei.

In der kafkaeske Metamorphose spiegelt sich das Gefühl des Fremdseins im eigenen Körper, genauso wie das Bild der Flucht, des Übergangs und der Grenzüberschreitung – auf ganz körperliche Art und Weise.

Franz Suess: Paul Zwei • Luftschacht, Wien 2019 • Hardcover • 144 Seiten • 18,00 Euro

Dieses Interview erschien zuerst am 05.07.2026 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.