Das Verletzende unter der Oberfläche – „Steinfrucht“

Lee Lais Debüt „Steinfrucht“ wurde als erster Comic überhaupt bei den National Book Awards für die Kategorie 5 Under 35 Honorees ausgewählt. In der feinfühligen Erzählung muss ein queeres Pärchen dem Druck der religiösen Familien standhalten.

Ein erster Konflikt in der neuen Beziehung – da Ray Nektarinen nicht kennt, kauft ihr Bron welche, vergisst jedoch, ihrer neuen Freundin zu sagen, dass es eine Steinfrucht ist, was Ray einen abgebrochenen Zahn beschert. Nicht zufällig beginnt Lee Lais Comic-Debüt mit diesem Vorfall zu Beginn der Beziehung zwischen Ray und der trans*Person Bron, der bereits alles weitere in sich trägt; die psychischen Blessuren, die sich die beiden gegenseitig zufügen, die Fragilität von Beziehungen, das Verletzende, das unter der Oberfläche lauert.

Bron leidet unter Depressionen, auch weil sie mit ihrer christlichen Familie gebrochen hat, die mit Brons sexueller Identität nicht zurechtkam: „Alle haben sich echt angestrengt, sie davon zu überzeugen, dass sie gar nicht trans* sei und nur Jesus um Vergebung bitten sollte.“ Im Laufe des Comics wird Bron Ray verlassen und zu ihrer Familie zurückkehren, um anzufangen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Ray dagegen leidet unter der Beziehung zu ihrer Schwester Amanda, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Ray ist sicher, dass sie sich daher zu Bron hingezogen fühlte: „Anfangs verband Bron und mich das Gefühl, einsam zu sein. Das Verhältnis zu meiner Mum war hinüber, mein Dad tot und Amanda lebte mit Nessie und dieser Flachzange Dave.“

Die „Flachzange Dave“ hat Amanda und die gemeinsame Tochter Nessie mittlerweile verlassen, Ray und Bron unterstützen die alleinerziehende Mutter nach der Trennung, indem sie ihr zwei Nachmittage pro Woche die sechsjährige Nichte abnehmen. In ihrem Umgang mit dem Kind, so zeigt der Comic, schaffen es die beiden, ihre Verletzungen, unter denen sie im Alltag leiden, zu vergessen und über sich selbst hinauszuwachsen: Alle verwandeln sich in verspielte Tiere, während sie im Park herumtoben, sie grinsen, lachen und spielen im Schlamm.

„Steinfrucht“ ist durchzogen von einer Traurigkeit, die sich sowohl in den Dialogen wiederfindet als auch in den schwarzweißen Zeichnungen, denen lediglich ein verwaschenes Blaugrau als Farbe zugefügt ist, das den Hintergründen zusätzlich eine melancholische Note gibt. Alle Figuren sehnen sich nach einer Klärung der Beziehungen untereinander, finden aber selten die richtigen Worte. In der süßen weichen Frucht liegt ein harter Kern verborgen, der verletzen kann.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #144

Lee Lai: Steinfrucht • Aus dem Englischen von Henrieke Markert • Avant-Verlag, Berlin 2021 • 232 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.