Schneewittchen, die sieben Zwerge und andere Faschisten – Didier Savards Comicwelten

Vor zehn Jahren, am 4. Juli 2016, ist der französische Comiczeichner Didier Savard gestorben. Vor allem bekannt ist er für seine Detektiv-Serie „Dick Herrison“. Sie vermittelt eine Ahnung davon, wie die Ligne claire der Postmoderne auf die Sprünge helfen kann.

In Band 8 seiner Comic-Serie um den Detektiv Dick Herrison (im französischen Original: Dick Hérisson) erzählt Didier Savard eine besonders wilde Geschichte. Schneewittchen und die sieben Zwerge ein wenig anders: Ein größenwahnsinniger Filmregisseur filmt Mordszenen, die täuschend echt aussehen – ganz einfach, weil sie echt sind. Und mit diesen ungestellten echten Morden füttert er das Kinopublikum und im wahrsten Sinne des Wortes auch seine sieben kleinwüchsigen Söhne. Der Titel „Wo ist Schneewittchen?“ muss da nicht extra erklärt werden. Verschroben, skurril und blutrünstig, voller Intrigen und Lügen sind die Comicgeschichten der berühmtesten Serie von Didier Savard. Immer tritt die schlimmstmögliche Wendung ein. Detektiv Herrison und sein Freund, der Journalist Jérôme Doutendieu, kommen zwar stets mit dem Leben davon, aber oft nur knapp. Als Dick Herrison in Band 8 auf dem Teller der gefräßigen Zwerge zu landen droht, geht auf einmal das Licht in einem Kinosaal an. Alles war nur eine Geschichte in der Geschichte. Dick Herrison hat sich mit unseren Augen einen Film angeschaut, ein neues Abenteuer des Detektivs mit ihm selbst in der Hauptrolle. Also, Ende gut, alles gut? Von wegen! Auf der letzten Seite holt uns der Schrecken wieder ein. Herrison ist auf dem Nachhauseweg durch die dunklen regennassen Straßen von Paris. Auf einer der Seine-Brücken taucht ein Mann hinter ihm auf, in Trenchcoat und Schlapphut. Und so endet die Geschichte exakt mit demselben Bild wie an ihrem Anfang, wo ein Angriff von hinten alles ins Rollen brachte. Eben noch übersichtlich getrennt, überlagern sich die Schichten schon wieder: Der (fiktive) Film lässt die (fiktive) Wirklichkeit des Comic-Helden nicht los.

Fantastische Rätsel und übel zugerichtete Leichen, Schrecken und Fantastik – im Unterschied zur klassischen Detektiv-Story gibt es bei „Dick Herrison“ für den Horror oft keine vernünftige Erklärung. Anders als bei Edgar Allen Poe oder Arthur Conan Doyle, wo das schreckliche Ungeheuer am Ende eben nur der einem Seemann entlaufene Orang-Utan war oder eine mit Leuchtfarben bemalte Riesendogge. Dick Herrisons literarisches Vorbild ist auch weniger Sherlock Holmes als – der Name verrät es – Harry Dickson, ein Held des Groschenromans, der in den 1930er Jahren, als der Belgier Raymundus Joannes de Kremer unter dem Pseudonym Jean Ray die Serie schrieb, in Frankreich mindestens ebenso beliebt war wie Arsène Lupin oder das große Idol aus der Baker Street.

Bemerkenswert ist Didier Savards Hommage an die Gründungstexte der modernen Unterhaltungsliteratur schon deshalb, weil er Horror, Fantasy und Crime so geschickt miteinander kombiniert, dass die Genre-Gesetze sich sowohl wechselseitig bestätigen als auch wieder in Frage stellen. Man weiß nie genau, ob man eine Geschichte vor sich hat, die der klassischen detektivischen Auflösung harrt, oder ob nicht doch fantastische Mächte im Spiel sind. Mal entpuppen sich die todbringenden Gemälde eines alchimistischen Renaissance-Malers als gefälschte Artefakte einer Intrige um einen verborgenen Schatz (Band 7 „Das Grab des Absalom“), mal gibt es das menschenfressende Meeresungeheuer wirklich, das über Jahrhunderte in einem stählernen Sarkophag gefangen war (Band 5 „Die Verschwörung der Fischhändler“). Immer kann es auch anders kommen. Savard frustriert unsere Leser-Erwartungen ebenso gekonnt, wie er unsere fantastischen Bedürfnisse durch überraschende Einfälle in neue bedrohliche Tiefen zieht.

Didier Savard liebt die postmoderne Ironie. Er zitiert, relativiert und dekonstruiert, wiegt den Leser in Sicherheit, um ihn gleich darauf wieder zu verwirren. Dick Herrison trägt die Insignien des Detektivs, Pfeife und Mantel, aber er ist alles andere als ein klassischer Held. Ja, er hat ein Faible für düstere Geschichten und gewagte Theorien, aber die schlimmstmögliche Wendung ist immer schon eingetreten, wenn er schließlich herausfindet, was hinter all den Gräueln steckt, die um ihn herum passieren. Und in der Regel ist es auch der Journalist Jérôme, der ihn auf die richtige Spur bringt. Staunen, Erschrecken, Gruseln, das ist es, was Herrison bleibt und was er vor allem sucht – und wir mit ihm. Eine Wahrheit, die selbst zum Fürchten ist.

Doch diese Wahrheit erschöpft sich nicht im Eskapismus. Dick Herrisons Horror ist kein realitätsferner Fluchtpunkt. Die Schauplätze in der französischen Provinz, vor allem in der Provence und in der Bretagne, und die Zeit, das sozial und politisch zerrissene Frankreich der 1930er Jahre, sind präzise gekennzeichnet. Das verfallene Hotel am Meer, die verschneite Burgruine, das verlassene Dorf oder der dunkle Kanal sind so genretypisch, wie es sie dort tatsächlich gibt, wo Didier Savard sie „abgezeichnet“ hat. Das Klischee wird verortet, und so entsteht eine dialektische Form der Verunsicherung: Sicher, es erfüllt sich, was man fürchtet. Aber dadurch werden die Erwartungen der Fantasie dennoch keine sichere Angelegenheit. Der erwartete Schrecken wird zu einem wirklichen und unberechenbaren, weil Savard uns eine politisch-soziale Welt vor- und nachzeichnet, in der der Horror eine reale historische Möglichkeit war.

Die Realität, um die es dabei geht, ist die der 1930er Jahre. Und das Milieu, mit dem es Dick Herrison vor allem zu tun hat, ist das französische Großbürgertum in der Provinz. Hier schlummern die Ursachen des Grauens, und hier bricht es sich Bahn. Mörderische Gier und mörderischer Narzissmus, Rachsucht, Intrigen und Inzest – ganz wie in den Filmen von Claude Chabrol lauert all das in den alten Gemäuern ländlicher Herrensitze, in den Kreisen der Fabrikanten und Bauunternehmer, der Großgrundbesitzer und Kunsthändler. Diese soziologische Verortung des Horrors wird von Didier Savard noch zugespitzt. Denn die Bourgeoisie bringt sich nicht nur gegenseitig um die Ecke, sie ist gleichfalls ein Hort des Faschismus. Ideen und Praxis des Faschismus sind hier untrennbar verbunden mit einer bürgerlichen Ideologie von Ungleichwertigkeit und Unterwerfung. Ist es zunächst noch der italienische (Band 2 „Der geheimnisvolle Ohrendieb“) und der deutsche Faschismus (Band 4 „Das Gespenst von La Coste“), so sind es später französische Industrielle, die gegen die Volksfront-Regierung als faschistische Propagandisten agieren (Band 9 „Der 7. Schrei“). Didier Savard zeigt uns auf diese Weise ein europäisches Bürgertum, das sein kulturelles Selbstbild und seine ökonomischen Machtinteressen in permanenter Abgrenzung gegen andere definiert. Erschreckend aktuell ist das auch im Jahr 2026.

Dass die Verknüpfung von Bourgeoisie und Faschismus nicht nur illustrativ bleibt, verdanken Savards Geschichten vor allem dem atmosphärischen Realismus seiner Bilder. Fast alle Dick-Herrison-Storys spielen in der provenzalischen Stadt Arles und ihrer Umgebung, abgesehen von einigen Ausflügen des Detektivs in die Bretagne. Und in allen Geschichten sind Städte und Landschaften nicht nur Kulissen, sondern eigenständige Akteure. Architektur, Natur und Wetter halten die narrative, moralische und politische Dialektik in Bewegung. Es ist fast wie im Western bei John Ford und Anthony Mann, die Landschaft wird zum moral battleground.

Dabei ist es ganz der Zeichenstrich, der den politisch-sozialen Horror der Story tatsächlich zu einem „Realitäts-Schock“ macht. Didier Savard hat in den 1970er Jahren selbst in Arles gelebt, wo er als Englischlehrer tätig war. Und seine Zeichnungen atmen die Erfahrungen dieser Lebensphase. Die Häuser der Provence, die Sumpflandschaften der Camargue, Wind und Wetter, all das ist nicht nur naturalistisch imitiert, sondern so realistisch verdichtet, wie es die Ligne Claire vermag. Der freie Realismus dieser Zeichnungen verleiht Savards Geschichten vom politischen Grauen des bürgerlichen Narzissmus am Ende jene Schärfe, die den bürgerlichen Mythos demaskiert.

Didier Savards meisterhafter Strich macht ihn zu einem wichtigen Vertreter der Nouvelle Ligne Clair. Seine Comics sind nicht nur im Stil eine Hommage an den Altmeister Hergé. In jedem Dick-Herrison-Band findet sich eine Vielzahl von Anspielungen: Mal geht eine ganze Insel unter wie in „Der geheimnisvolle Stern“ oder ein Flugzeugabsturz spielt eine ähnlich wichtige Rolle wie bei „Tim in Tibet“. Der wahnsinnige Filmregisseur aus Band 8 heißt mit richtigem Namen Karaboudjan wie der berühmte Frachter aus „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ und Schläge an ein Heizungsrohr zeigen ebenso den Weg zum Versteck eines Gefangenen wie in „Der Fall Bienlein“. Wie Kapitän Haddock in „Die sieben Kristallkugeln“ stürzt auch Jérôme im Pyjama die Treppe hinunter, während der Schatten eines Einbrechers durch seinen Garten flieht. Und über dem Eingang eines Bordells prangt ein altes Schild mit der Aufschrift „Hotel du Lotus Bleu“.

Doch die Nouvelle Ligne Claire, mit der Didier Savard seine Geschichten zeichnet, erschöpft sich nicht in diesem ironischen Spiel. Seine Linien sind nicht nur so klar, wie Hergé es vorgemacht hat, sie sind auch tatsächlich neu. Neu deshalb, weil das klassisch-moderne Comiczeichnen von Savard transformiert wird. Und er dabei auf eine zentrale historische Frage der Moderne verweist.

Das Grundprinzip der Moderne, die emanzipatorische Vernunft, ist immer auch ein Herrschaftsprinzip. Wissenschaft, Technik und Kapitalismus sind Triebkräfte der Aufklärung und gleichzeitig von Unterverwerfung, Ausbeutung und Vernichtung. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz führt uns das gerade wieder plastisch vor Augen. Wie aber kann die Moderne wirklich selbstkritisch auf sich selbst schauen? Jean-François Lyotard hat in den 1980er Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass das die Aufgabe der Postmoderne sein könnte: nicht die Moderne überwinden, sondern sie in ihrem eigenen Sinn kritisieren und weiterdenken. Das Projekt der Moderne muss immer wieder in Frage gestellt werden, damit uns sein utopisches Potential erhalten bleibt.

Comics haben schon immer die reflexive, die progressive Kraft einer „postmodernen Moderne“ in sich getragen. Die Comickunst liebt Übergänge, Überschneidungen und das Flüchtige und entzieht sich stets der Herrschaftslogik der Vernunft. Didier Savard hat an dieser postmodernen Qualität des Comics gearbeitet. Im Jahr 1984 erstmals erschienen, ist Dick Herrison ein typischer postmoderner Held. Natürlich ist die Dekonstruktion von Hergé ein Spaß für Eingeweihte. Aber die postmoderne Dialektik von Zitat und Neuschöpfung, von Ironie und Ernst wird so weit getrieben, dass sie tatsächlich (selbst)reflexiv ist. Die postmoderne Ironie Savards erschöpft sich nicht in sich selbst, sondern macht bewusst, dass die ironische Brechung nur dann wirklich ironisch ist, wenn sie einen neuen Einfall ermöglicht. Und bei Didier Savard ist es der Zeichenstrich selbst, der die postmoderne Reflexion anstößt. Er ist wortwörtlich eine Nouvelle Ligne Claire.

Bei Hergé war die charakteristische Reduktion des Strichs noch nahe dran an der Realität. Tims Welt ist von einer Sachlichkeit und abstrakten Perfektion, die einen großen narrativen Raum erschafft. Man muss nur an die beeindruckenden Himalaya-Landschaften aus „Tim in Tibet“ denken, um sich die moderne Dialektik von Hergés Realismus zu vergegenwärtigen: Felsen, Schnee und Wetter führen ein grafisches Eigenleben und stehen für sich. In gleichem Maße zieht uns Hergés suggestiver Minimalismus hinein in die kalten, lebensfeindlichen Geröll- und Schneewüsten, in denen die Einsamkeit des Yetis (die Einsamkeit Hergés, die Einsamkeit an sich) unmittelbar spürbar wird.

Für Savard ist Hergés Kunst der Reduktion ein Vorbild, wie für viele europäische Comiczeichner seiner Generation. Aber eines ist nicht zu übersehen: Das feine Wechselspiel zwischen illustrativer Rekonstruktion und Fantasie, das Hergés klare Linie aufs Papier bringt, wird bei Savard deutlich freier – freier und zugleich realistischer. Schon bei Hergé kann man das beobachten. Die Spannung zwischen dem abstrakten Realismus seiner Welten und der geometrischen Harmonie seiner Figuren ist stark. Vielleicht deshalb zeichnet Hergé seine berühmte verrückte Linie, diesen spiralförmigen Kringel, der die geometrische Perfektion stört und der über verwirrten Köpfen ebenso erscheint wie hinter rennenden Beinen. Didier Savard hat sich die verrückte Linie natürlich bei Hergé abgeschaut. Aber eines ist anders: Im Gegensatz zu Hergé irritiert sie nicht bewusst das räumliche Verhältnis zwischen den Figuren. Bei Savard kommt die verrückte Linie in den Figuren selbst zurück, sie ist Bestandteil von Savards Linienführung. Sie macht den Strich freier, aber eben auch bedrohlicher, weil sie selbst die ganze Verwirrung, den ganzen Wahn der Menschen und ihrer Zeit ausdrückt, eine schockierende Deckung von Linie und Idee.

Aktion und Atmosphäre kommen in Savards Storys also nicht daher, dass geometrisch perfekte Figuren wie Tim sich grotesk bewegen. Nein, das Groteske selbst ist gewissermaßen in den Strich geflossen. Wenn dieser Strich dann erschreckende Fratzen zeichnet, sind diese doppelt schrecklich, weil es kaum noch einen Unterschied gibt zwischen dem staunenden Stirnrunzeln des Detektivs und dem verschlagenen Grinsen des blutrünstigen Bourgeois.

Als einer der wichtigsten Protagonisten der Nouvelle Ligne Claire hat Didier Savard nicht nur an der postmodernen Comic-Renaissance der 1980er Jahre mitgezeichnet. In seiner „Dick Herrison“-Serie schlummert ein wertvolles Geheimnis: das Geheimnis einer kritischen Postmoderne, die die Moderne über sich selbst aufklärt. Nebenbei hat er der Comicgeschichte ein großes Geschenk gemacht: eine Detektiv-Serie, die von 1984 bis 2004 in 11 Bänden ihre Leserinnen und Leser in Atem hielt. Bevor der 12. Band erscheinen konnte, ist Didier Savard am 4. Juli 2016 im Alter von 65 Jahren gestorben.

Der Philosoph Jacques Rancière hat geschrieben: „Die große Kunst ist nicht die der gebrochenen Linien und der Abschweifungen. Die große Kunst ist die, welche die geraden Linien in andere gerade Linien verwandelt.“ Bei Savard gibt es beides: die gebrochenen Linien und die neuen geraden. Aber das Besondere an Didier Savards Kunst ist, dass beide Linien verbunden sind: Sie entstehen aus demselben Strich.

Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.