Voyeuristische Geister – „Spectators“

In Brian K. Vaughans neuem Comic „Spectators“ sind Tote dazu verdammt, die Welt der Lebenden zu beobachten, ohne darin eingreifen zu können. An Drastik mangelt es dabei nicht.

Nur gucken, nicht anfassen – kann das ein „Lebens“-Inhalt für die Ewigkeit sein? Für Val schon, notgedrungen. Denn Val stirbt bei einem Amoklauf in einem New Yorker Kino im Jahr 2022. Nach ihrem „Tod“ findet sie sich wieder als eine Art Schwebegeist über den Straßen der Stadt. Wobei sie nicht die Einzige ist. Manche Tote verbleiben in dieser Zwischenwelt, auch beliebig lange und auf eigenen Wunsch. Die reale Welt erschließt sich hier nur durch Beobachten. Die Schwebeleute bleiben unbemerkt und ungesehen von den Menschen, und können sich in keiner Weise irgendwie bemerkbar machen. Sie haben damit keinen Einfluss auf den Lauf der Zeit. Sie können eben nur „gucken“, sind für immer zum Zuschauen verdammt.

200 Jahre nach ihrem Tod macht Val genau das. Sie wurde längst zur professionellen, ja süchtigen Voyeurin, schaut den Menschen in der Zukunft beim Sex zu oder bei Kämpfen – das Leben anderer zu verfolgen nennt Val Storylines. Dabei trifft sie unvermittelt auf Sam, der viel früher als Val starb und nun in Cowboykluft samt Revolver durch die Welt schwebt. Während Val Manhattan treu blieb, erklärt Sam vollmundig, bis zum Pluto gereist zu sein – neun Jahre hin 16 wieder zurück. Ein Klacks in Anbetracht der Ewigkeit. Man findet sich gleich sympathisch, doch während man über das Beobachten intimer Momente nicht nur sinniert, geschieht eine Katastrophe, die sogar das Ende der Welt einläuten könnte.

„Spectators“ etabliert eine starke Prämisse, die Star-Autor Brian K. Vaughan („Paper Girls“, „Saga“, „Y – The last Man“) konsequent verfolgt: Geister in einer Art Zwischendimension verfolgen das Weltgeschehen, ohne eingreifen zu können. Das mag unzählige Geschichten bieten, wir bleiben aber konsequent bei Val und Sam und ihrer ausgedehnten Konversation, durchaus auch mit Längen und ab und an unterbrochen von weiteren Schwebegeistern (inklusive einer kuriosen Begegnung mit Teddy Roosevelt). Val macht sich über Sams antiquierte Ausdrücke lustig (Flugmaschine, Lichtspielhaus, Damen der Nacht), man diskutiert über die möglicherweise drohende Apokalypse und über prägende Filme der Jugend.

Ein Sub-Plot erklärt später die drohende Gefahr und schlägt gleichzeitig eine Brücke zum Anfang der Geschichte. Angesichts der allumfassenden Bedrohung für die Welt (die den Schwebegeistern freilich nichts anhaben kann) beobachten nun Val und Sam, wie die Lebenden angesichts des Endes noch einmal die Sau rauslassen (und nicht nur die). Und hier werden die Zeichnungen derart explizit, dass der Band nur für Erwachsene geeignet ist.

Zeichner Nico Henrichon, der neben diversen Superhelden-Titeln auch die Graphic Novel „Die Löwen von Bagdad“ (ebenfalls bei Panini) und zwei „Meta-Baron“ Bände (im Splitter Verlag erschienen) inszeniert hat, greift hier zu einem optischen Kniff, indem er die reale Welt schwarz-Weiß darstellt und im Kontrast dazu die Schwebegeister in kräftigen Farben. Dazu entwirft er eine opulente Zukunftswelt, in der die Lebenden in fliegenden, durchsichtigen Waben reisen, die Geister über futuristische Hochhaus-Schluchten schweben und riesige Roboter und Kriegsmaschinen im Einsatz sind. Kein einfacher, aber ein hochgradig faszinierender Band.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Brian K. Vaughan (Autor), Niko Henrichon (Zeichner): Spectators • Aus dem Englischen von Marc-Oliver Frisch • Panini, Stuttgart 2026 • 344 Seiten • Hardcover • 49,00 Euro

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.