Der US-Autor Brian Azzarello und der Argentinier Eduardo Risso haben von „Batman“ bis „100 Bullets“ schon viele Genres beackert. Ein Western war noch nicht darunter.
Der Titel ergibt so recht keinen Sinn: „Blood Brothers Mother“, also die Mutter der Blood-Brüder, ist Anna, die kalte Frau mit der pragmatischen Sicht aufs Leben. Hier sehen wir sie im Gespräch mit ihrem Mann Carter. Carter hat ihren zweiten Mann Jon in der Nacht zuvor exekutiert und sich „seine“ Frau zurückgeholt. Dabei wurden eiskalt ihre drei Kinder zurückgelassen, die nun allein klarkommen müssen! Anna ist alles irgendwie gleich recht – Hauptsache, sie kann einen heißen Kaffee schlürfen.

Anna ist wohlgemerkt nicht die Hauptfigur, daher ist die Titelgebung irreführend. Besonders an diesem Comic scheint mir, dass wir nie wirklich wissen, wer hier von Bedeutung ist. Charaktere erscheinen auf der Bildfläche und werden lebendig – nur um wenige Seiten später kläglich wieder abzutreten. Das ist ein Muster von brutalen, schmutzigen Westernerzählungen, natürlich, dennoch staune ich, wie elegant die Handlung durch ihre Figuren hindurchgeht. „Hindurchmäht“ auf einer nicht enden wollenden Kamerafahrt, möchte ich es beschreiben.
„Blood Brothers Mother“ verstehe ich daher weniger als Titel, sondern mehr als laut ausgestoßenen Fluch. Erst die Alliteration, dann der Reim: „BbbladbbbrrossersMOTHER!“ Dabei gibt es einen kindlichen Erzähler, der uns von Anfang bis Ende begleitet: Simon Blood, den mittleren der drei Brüder zwischen Daniel und Jack. Doch Brian Azzarellos kunstvolles Skript lässt ihn nur zu Wort kommen, um uns Gefühle mitzuteilen und einen Kontrast zum gewalttätigen Geschehen zu setzen. Denn „Blood Brothers Mother“ beginnt grausam und endet ebenso.
Ich möchte zum Inhalt am liebsten gar nichts verraten, dieser Comic ist ein Leckerli für Westernfans. Ich habe diese 190 Seiten in stummer Ehrfurcht in mich aufgenommen Dieses Werk bedient viele Westernklischees, setzt sie jedoch in ein frisches Licht. Die funktionieren alle, obwohl sie nicht immer glaubwürdig sind: Die Gangster, die Siedler, die Kopfgeldjäger, der Reverend, die indianische Kriegerin Mad Owl sind ziemliche Schablonen – doch Rissos farbenfrohe Illustrationen laden sie mit mythischer Überhöhung auf. (Aber was heißt schon glaubwürdig? Im „Wilden“ Westen kann alles passieren!)
Eine Zeit lang ziehen die Jungs mit einer Gruppe skandinavischer Einwanderer in ihrem Planwagen und zwei Trekführern durch die Prärie.

Dann trennen sich gewisse Wege und die Handlung schwenkt auf andere Aspekte. Zentral sind die drei Jungs, die Blood-Brüder Jack, Simon und Daniel. Als Halbwaisen irren sie auf der Suche nach ihrer Mutter Anna durch die Landschaft und schwören sich Zusammenhalt. Es ist rührend und herzzerreißend, wie diese Kinder durch den Westen streunen.
Ich zeige die volle Sequenz von drei Seiten, weil sie so schön fließt (und in einem atemberaubend atmosphärischen Großpanel ausklingt)!



„Blood Brothers Mother“ führt uns an klassische Spielorte: einen mexikanischen Knast, eine überfallene Postkutsche, ein kleines Kirchlein, ein knisterndes Lagerfeuer, einen wartenden Galgen, eine belagerte Hütte, ein überfallenes Indianerdorf, einen schaurigen Friedhof, ein typisches Westernstädtchen und immer wieder dazwischen das weite Land, in dem man verloren gehen kann.
Doch überall geschehen Dinge, die nicht unbedingt zu erwarten sind. In der massakrierten Siedlung helfen die Kinder, die Leichen wegzuschaffen. Am Galgen baumelt jemand, den wir kennen. In der Hütte kommt es zu neuen Allianzen. Die Beziehung von Carter und Anna muss Blei und Feuer überstehen. Am Lagerfeuer bietet der jugendliche Draufgänger Emil den Jungs seinen Schutz an – und füllt sie dann mit Schnaps ab.

Wie gesagt möchte ich nicht viel preisgeben, daher zeige ich lieber noch eine coole Szene: Carter dringt nachts ins Haus des Predigers Jon ein, um Anna zu entführen. Sein Kumpel Levi bewacht die Kinder, sein Kumpel Billy Roy hält Jon in Schach. Anna weiß, was die Stunde geschlagen hat und wirft ihrem Teilzeitgatten den Ehering vor die Nase.

Nun tritt Carter neben Anna ins Bild, beide erscheinen erst als Schattenpaar: Der abgelegte Ring symbolisiert das Ende der Partnerschaft mit Jon und zugleich den Neubeginn der Beziehung zu Carter. Dann muss sich Carter, der Anna bereits am Arm gepackt hat, noch das Flehen des Priesters anhören, der sich an sein Bein klammert. Im letzten Panel verdichtet sich die Konfrontation der Männer zu einem Kragenpacken, Starren und Drohen – das ist zwar konventionell, aber visuell eindringlich (und macht alles klar).

Autor Azzarello kloppt seit 25 Jahren Bestseller raus, von „100 Bullets“ über „Batman“-Stoffe und „Wonder Woman“ bis zu „Hellblazer“ und dem Horrorkrimi „Moonshine“ – den gestaltet er übrigens mit unserem Zeichner Eduardo Risso! Der wiederum schon bei 100 BULLETS dabei war, allerdings hat der argentinische Künstler seinen Strich vom damaligen Chiaroscuro in eine völlig anders anmutende Aquarellkunst überführt.
Als großer Fan von Rissos krasser Schwarzweißmalerei (s. auch „Borderline“ und seine Horrorshorts für „Heavy Metal“, „Batman Noir“, „Fulu“ und „Vampire Boy“) war ich komplett von den Socken, dass der Mann inzwischen auch eine umwerfend schöne Farbgestaltung aufs Blatt bringt. Jede Seite von „Blood Brothers Mother“ ist anders komponiert und wartet mit erfrischendem und überraschendem Farbenspiel auf. Dabei nutzt Risso seine Kolorierung auch für plakative Vordergrund-Hintergrund-Effekte.

„Blood Brothers Mother“ beweist mir, dass es nach wie vor noch berauschende, originelle und ergreifende Westerncomics gibt (ich nominiere wie immer „Marshal Bass“, aber auch „Wiedersehen mit Comanche“, „Regenwolf“, „Hoka Hey!“, „Pretty Deadly“, „Mondo Reverso“, „Undertaker“ oder auch unseren deutschen Funny „Murr“).
Dieser Beitrag erschien zuerst am 03.10.2026 auf Tillmann Courths Website: tillmanncourth.de
Brian Azzarello (Autor), Eduardo Risso (Zeichner): Blood Brothers Mother • Aus dem Französischen von Resel Rebiersch • Schreiber & Leser, Hamburg 2026 • 224 Seiten • Hardcover • 34,80 Euro
Tillmann Courth, geboren 1963, studierte Kommunikationsforschung und Germanistik in Bonn, gestaltete mit Freunden ein Desperado-Feuilleton („RheinArt“) und wechselte dann als Kabarettist auf die Bretter des Ersten Kölner Wohnzimmertheaters. Parallel flammte seine Jugendleidenschaft für Comics wieder auf, und er engagierte sich beim „Digital Comic Museum“, speziell in der Forschung zu Precode-Horrorcomics (wovon die Webseite fifties-horror.de kündet). In den Folgejahren war er auch beim Portal Comicoskop, beim Fachmagazin Comixene und als Teilnehmer beim ComicTalk mit Hella von Sinnen zu finden. Mit dem Rückzug von der Bühne transformierte er seine Webseite tillmanncourth.de zum Analyselabor für Comics aller Art.

