Jüngst wurde Birgit Weyhe auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch für ihren 2025 erschienenen Comic „Schweigen“ ausgezeichnet. Im September ist bereits ihr nächster Comic erschienen. Im folgenden Presse-Interview spricht sie über „Gib nicht auf!“ und berichtet von ihrer Zusammenarbeit mit Leyla Ferman, um Jilans bewegende Geschichte zu erzählen, die 2014 im Irak als junges Mädchen nach Angriffen auf die Eziden vom IS verschleppt wurde. Im Rahmen des Projekts „Survivor-Centered Visual Narratives“ legt Weyhe den Fokus auf die ezidische Kultur und das Leid, das bis heute andauert.
Liebe Birgit, vielen Dank, dass du dir die Zeit für unser Gespräch nimmst. Ich würde eingangs gerne über deine Arbeit im Allgemeinen sprechen. Du hast mir mal verraten, dass du während der Entstehung deiner Comics nicht mit klassischem Seitenlayout arbeitest, sondern die Bilder eher wie eine Collage anordnest. Das hört sich für mich nach einem eher assoziativen und sehr spontanen Zugang zum Erzählen an. Könntest du uns ein bisschen über deinen Arbeitsprozess und die Abläufe erzählen? Wie entsteht bei dir eine Geschichte?
Das lässt sich nicht allgemein beantworten, weil ich bei jedem Buch ein wenig anders arbeite. Bei diesem Buch habe ich über mehrere Monate Gespräche mit Jilan geführt, einer Überlebenden des Genozids an den Eziden im August 2014. (Sie hat diesen Namen als Pseudonym gewählt, da sie aus Sicherheitsgründen anonym bleiben muss.) Da sie selbst traumatisiert ist und ihre Erfahrungen nicht aufgearbeitet hatte, waren viele Gesprächsrunden notwendig, um aus den Bruchstücken eine für mich nachvollziehbare Geschichte zu konstruieren. Erst dann habe ich angefangen, Bildmaterial zu recherchieren und mir eine Rahmenhandlung überlegt, um das Thema Erinnerung und die Erinnerungslücken thematisieren zu können. Ich habe mir dann ein Seitenraster überlegt und die Erzählung in diesem angeordnet. Da ich wenig Zugriff auf konkretes Bildmaterial hatte (unter anderem der Anonymität wegen), habe ich mich entschieden, das Setting auf das absolut Notwendige zu reduzieren und ganz stark an Jilans Emotionen zu bleiben.

Dein neues Buch „Gib nicht auf!“ ist Teil des Projekts „Survivor-Centred Visual Narratives“ der Universität Victoria in Kanada, aus dem unter anderem schon Comics wie „Emmie Arbel“ von Barbara Yelin und „Alfazia“ von Tobi Dahmen hervorgegangen sind. Wie kam es zu diesem Projekt, was hat dich an der Aufgabenstellung und dem Ansatz interessiert?
Als Charlotte Schallié mich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, Teil von SCVN zu werden, war ich sehr erfreut, denn ich finde, es ist ein außerordentlich wichtiges Projekt. Wir müssen viel mehr auch aus Sicht von Überlebenden erzählen. Ursprünglich ist Geschichte immer von Siegern geschrieben worden. Den Traumatisierten wird selten eine Stimme gegeben, und dennoch müssen ganze Gesellschaften mit diesem Erbe leben. Schweigen schadet in diesem Prozess allen, aber ganz besonders den Opfern von Unrecht und Willkür. Insofern war es eine Ehre für mich, Teil dieses Vorhabens zu sein. Ich wurde konkret für Jilan angefragt. Zunächst war ich etwas unentschieden, da ich von der ezidischen Kultur und vom Irak wenig wusste und auch nie vor Ort war. Es war eigentlich eine Reise geplant, aber durch die politische Situation wurde es immer wieder verschoben, bis es schließlich ganz gestrichen wurde. Aber da ich von Anfang an eine ezidische Wissenschaftlerin, Leyla Ferman, zur Seite hatte, habe ich mich schließlich doch getraut, die Aufgabe zu übernehmen.
Wie lief der Kontakt und die Zusammenarbeit mit deiner Protagonistin Jilan ab? Wie hat sich dieses Projekt von deinen früheren Comicreportagen und Sachcomics wie „Madgermanes“ unterschieden, für die du auch mit Zeitzeug*innen und Gesprächspartner*innen gearbeitet hast?
Leyla Ferman war bei allen Gesprächen dabei. Sie konnte mir bei kulturellen und kontextuellen Fragen weiterhelfen und hat bei emotionalen Passagen gedolmetscht, wenn Jilan automatisch ins Kurdische gefallen ist. Da ich aufgrund der politischen Situation nicht wie ursprünglich geplant selbst nach Shingal reisen konnte, war ich sehr auf ihre Hilfe, auch beim Einordnen von Bildmaterial, angewiesen. Daher habe ich entschieden, sie auch im Buch auftauchen zu lassen, da es tatsächlich ohne sie gar nicht möglich gewesen wäre, Jilans Geschichte zu rekonstruieren. Das war auf jeden Fall neu für mich, dass ich da eine zusätzliche Person mit im Entstehungsprozess hatte. Ein weiterer Punkt, der mich phasenweise an den Rand meiner Möglichkeiten gebracht hat, war die Tatsache, dass Jilan sich aufgrund des Traumas an viele Ereignisse nicht oder nur sehr bruchstückhaft erinnern konnte. Dass ich also permanent mit Leerstellen umgehen und gleichzeitig aufpassen musste, dass ich sie durch mein ständiges Nachfragen nicht retraumatisiere. Ich saß anschließend oft halbe Tage im Atelier, ohne etwas zu zeichnen, und habe stattdessen wieder ein neu gewonnenes Puzzlestück der Erinnerung in den Erinnerungs-Flickenteppich eingewebt oder musste zeitliche Abläufe neu angleichen.

Im Fokus des Projekts „Survivor-Centred Visual Narratives“ steht ja der Themenkomplex Erinnerungen/Gedenken. Bei Überlebenden von Gewaltverbrechen – egal, ob die Geschehnisse erst wenige Jahre wie bei Jilan oder mehrere Jahrzehnte wie bei Emmie Arbel zurückliegen – sind Erinnerungen oft durch Traumata verdeckt und nicht abrufbar. Wie geht man als Chronist*in mit dem „Nicht-Erinnern“ und den Lücken um?
Ich habe mich in diesem Fall aus der Not heraus für eine Rahmenhandlung entschieden. Ursprünglich hatte ich nicht vorgehabt, dass ich selbst als Person in der Geschichte auftauche. Als mir dann aber klar wurde, dass ich sehr wahrscheinlich keine chronologische Geschichte erzählen kann und die Erzählung an ganz wesentlichen Stellen Lücken hat, wurde deutlich, dass ich kontextualisieren muss. Es muss klar sein, wer erzählt und warum wir an bestimmten Stellen nicht mehr erfahren. Indem ich mich den Leser*innen mit meiner Unwissenheit präsentiere und auch meine Reflexionen zu Erinnerung teile, lässt sich damit gleichzeitig mehr über ezidische Kultur und das Nachwirken von Trauma und Gewalterfahrungen erzählen.
Nach den Massakern 2014 durch den IS hat Deutschland viele der geflüchteten Eziden wie Jilan aufgenommen. Du standest während der Arbeit an „Gib nicht auf!“ im Austausch mit der ezidischen Gemeinde in Hamburg. Wie steht es um die Eziden – die Diaspora in Deutschland und die Menschen im Nord-Irak – heute? Wie haben sich die Menschen in Deutschland eingelebt, vor welche Herausforderungen waren sie gestellt? Gibt es eine Perspektive für sie in ihrer Heimat?
Für diese Antwort habe ich Leyla Ferman um Hilfe gebeten – sie hat sie für mich formuliert:
„Die Situation der Eziden hier in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Ca. 100.000 Eziden sind aus dem Irak und zum kleinen Teil aus Syrien seit 2014 nach Deutschland gekommen. Fast alle wollen hierbleiben. Sie sehen keine Zukunft und keine Aussicht auf Verbesserung im Irak. In Shingal gibt es keinen sicheren Schutz, keinen Status der Eziden, und immer wieder gibt es Hetzkampagnen von benachbarten radikalen Muslimen. Es gibt keine Wiederaufbauprojekte, keine Aufarbeitung. Viele Nachbarn hatten sich dem IS angeschlossen. Das Völkerrecht wird vom Irak nicht anerkannt.
Shingal grenzt an Syrien. Die Kurden dort hatten zehntausende über einen Korridor aus dem Gebirge 2014 gerettet. Dass die Kurden in Syrien unter al-Scharaa geschwächt wurden, verschlimmert das Sicherheitsgefühl, zumal jeder weiß, wer al-Scharaa ist. Ca. 80.000 Menschen sind nach Shingal zurückgekehrt. Teils haben sie eigene Ländereien, die sie bewirtschaften, teils versuchen sie, Arbeit zu finden. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Teilweise gibt es Programme von UN‑Institutionen und NGOs vor Ort, aber sie decken bei weitem nicht alles ab. Seit ca. drei Jahren können Vereine und Journalisten aus dem Ausland nicht einfach nach Shingal. Sie benötigen neben einem Visum eine Sondererlaubnis, die oft nicht vergeben wird. Dies soll nun wieder aufgelockert werden. Seit einigen Jahren werden auch in Deutschland lebende Eziden in den Irak abgeschoben. Sie landen oft in der Region Kurdistan. Es wird nicht geschaut, ob und wie sie nach Shingal zurückkehren können. Der Irak sei inzwischen sicher.
Am 3. August gedenken Eziden weltweit des Völkermords. Sie machen darauf aufmerksam, dass der Großteil der über 70 Massengräber noch nicht identifiziert wurde und noch über 2600 Eziden vermisst werden.”

Auf der Bildebene arbeitest du viel mit Verweisen auf die ezidische Kultur und den Glauben – könntest du ein bisschen auf diesen Aspekt eingehen? Welche Elemente der ezidischen kulturellen Identität hast du in deine Zeichnungen eingeflochten?
Als ich die Gespräche mit Jilan begonnen habe, habe ich praktisch nichts über die ezidische Kultur gewusst und hatte auch den Eindruck, dass es den meisten anderen Nicht-Eziden so geht. Es ist eine relativ kleine Glaubensgemeinschaft, die selbst sehr friedlich und ohne missionarische Tendenzen lebt, aber starken Anfeindungen ausgesetzt ist. Es war Jilans Wunsch, dass auch etwas über ihre Kultur transportiert wird. Mir wiederum war es wichtig, Jilan nicht lediglich als Opfer zu zeigen, sondern als ganz normales Kind, mit Wünschen und Ideen, mit denen wir uns alle identifizieren können. Daher gibt es auch einen längeren Abschnitt zu ihrem Leben vor dem Überfall des IS, wo wir etwas über ihren ezidischen Alltag erfahren.
Du arbeitest schon an einem neuen Projekt, einem Sachcomic zum Thema „Long Covid“ und den Umgang mit der Krankheit in Deutschland. Was kannst du uns schon zu diesem Projekt verraten?
Eine meiner Töchter ist von ME/CFS (Long Covid) betroffen. Sie hat mich gebeten, ob ich nicht einen Comic dazu machen könnte, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Ich bin noch sehr am Anfang, habe erste Kontakte zu weiteren Betroffenen und werde demnächst mit Interviews beginnen. Um es für eine breitere Öffentlichkeit interessant zu machen, habe ich mich entschlossen, es zusätzlich mit dem generellen Thema Frauengesundheit und dem patriarchalen Blick darauf zu verknüpfen. Denn bei ME/CFS sind mehr Frauen betroffen, und gerade sie werden nicht ernst genommen in ihrem Leid.
Birgit Weyhe: Gib nicht auf! • Avant-Verlag, Berlin 2026 • 104 Seiten • Flexcover • 24,00 Euro

