Ein Blick ins Antiquariat: In der von Isabel Kreitz konzipierten Comic-Reihe „Die Unheimlichen“ erschienen zahlreiche Adaptionen von Klassikern der Schauerliteratur, darunter auch Birgit Weyhes visuelle Interpretation von Theodor Fontanes Novelle „Unterm Birnbaum“.
„Armut ist eine Bestie…“ Ursel, Ehefrau des überschuldeten Kneipenbesitzers Abel Hradscheck, kann ihr Unglück kaum fassen. Nicht nur sind vor einigen Jahren ihre zwei einzigen Kinder verstorben, ihr Mann verspielt auch noch die letzte Habe und kommt stets betrunken nach Hause. Ursel Hradscheck hatte sich ein großbürgerliches Leben erträumt, stattdessen ist sie in einer Kleinstadt an der Oder gelandet, als Zugezogene misstrauisch beäugt von den Einwohner*innen.
Birgit Weyhe rückt in ihrer Adaption von Theodor Fontanes „Unterm Birnbaum“ Ursel Hradscheck ins Zentrum der Handlung, sie ist es, die von den Bäumen schier erdrückt wird, wenn sie auf der Dorfstraße zum Grab ihrer Kinder läuft und von der düsteren Atmosphäre verschluckt zu werden droht. Die holzschnittartigen Charaktere aus Fontanes Novelle kommen Birgit Weyhe entgegen, sie spielt mit den Stereotypen der Personenkonstellation im Dorf – die verzweifelten Hradschecks, die nur noch ein Mord erretten kann, die mysteriöse Alte, die – hinter ihrem Vorhang verborgen – bestens über das Geschehen im Dorf informiert ist, der Polizist, der Pfarrer, die Wirtshausgäste… Aus dem literarischen Text entsteht in der Comic-Adaption gerade dank des Spiels mit den Klischees, die Fontanes Vorlage bietet, ein Höhepunkt der von Isabel Kreitz konzipierten Reihe „Die Unheimlichen“, in der Comic-Zeichner*innen klassische und moderne Schauergeschichten interpretieren.

Dem Motto der Reihe entsprechend, changiert die Handlung stets zwischen Krimi und Horror. Das Ehepaar ermordet einen Gläubiger und täuscht einen Unfall am Ufer der Oder vor, bei dem die Leiche vom Strom davongetragen wurde. Der Mord ist perfekt geplant, Abel Hradscheck wird zwar verdächtigt und verhaftet, kann jedoch seine Unschuld glaubhaft machen. Nach den Geschehnissen allerdings soll es auf dem Grundstück der Hradschecks zu spuken begonnen haben. Ursel stirbt nach einer langen Krankheit, und kurz darauf kommt ihr Mann unter mysteriösen Umständen ums Leben. Seine Leiche wird im Keller gefunden, neben ihm die Überreste des ermordeten Gläubigers, der Schreck steht dem toten Hradscheck im letzten Panel des Comics ins Gesicht geschrieben.
Weyhe gelingt es, durch den Kontrast zwischen klaren Formen und Strukturen, die sich immer wieder in Fratzen, Strudel oder in Wölfe und andere Bestien verwandeln, den Horror in Bilder zu fassen. Den Horror des Dorflebens, den Horror der Abhängigkeiten, den Horror des Alltags. „Armut ist eine Bestie…“
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #136
Birgit Weyhe: Unterm Birnbaum • Carlsen, Hamburg 2019 • 80 Seiten • Hardcover • 12,00 Euro (nur noch antiquarisch erhältlich)
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

