Natur nüchtern betrachtet – „Das Lied der Arktis“

Jean-Paul Krassinsky hat Bérengère Cournuts Roman „Das Lied der Arktis“ als Comic adaptiert und zeigt das Leben der Inuit ohne romantischen Firlefanz.

In der Arktis kommt niemand allein durch. Das ist Uqsuralik klar. Ein Unglück hat die junge Inuit von ihrer Familie getrennt. Zum Glück findet sie schnell einen Clan, der sie aufnimmt. Doch der alte, gehässige Anführer Utuqaq schikaniert sie von Anfang an. Ihre neue „Familie“ bringt weit mehr Leid als Freude über Uqsuralik. „Ich bin in der Mitte auseinandergebrochen“, beschreibt sie ihren Zustand, „ich laufe zurück zum Winterhaus und hoffe, dass der Alte tot ist.“

Ist er nicht. Als das Schicksal ihr einen weiteren Schlag versetzt, weiß Uqsuralik, es ist Zeit zu gehen: „Ich mache mich wieder auf den Weg.“ Es wird ein faszinierender Weg, auf dem Hunger und andere Entbehrungen warten, aber auch Liebe, Freude und Erfüllung. Davon erzählt der grandiose Comic „Das Lied der Arktis“. Er folgt Uqsuralik von dem Punkt an, wo sie ihre erste Familie verliert, bis zu ihrem Tod viele Jahre später.

Die Story vermeidet es, das naturverbundene Dasein der Inuit zu romantisieren. Sie bleibt nüchtern – mit beiden Beinen auf eisigem Boden. Für reichlich Spannung, Dramen und Staunen sorgt das Leben der Inuit von und mit einer Natur, die nicht lebensfreundlich ist für Menschen. Allein das reicht für eine Leseempfehlung.

Fast beiläufig fließen zudem sehr geschickt viele Traditionen, Bräuche und das soziale Gefüge der Inuit ein. Als Uqsuralik schwanger ist, dürfen die Kinder im Clan beispielsweise nicht mehr das „Schnurspiel“ spielen: Sonst, so heißt es, komme das Ungeborene womöglich auf die Idee, sich in ihrem Bauch die Nabelschnur um seine Glieder oder den Hals zu wickeln. Später, bei der Geburt, hilft Sauniq, eine Clanälteste. „Es ist ein Mädchen“, erklärt der Kastentext und weiter, „die Alte legt rasch die Hand über das Geschlecht, damit es sich nicht wandelt.“ Manche Bräuche wirken wunderlich.

Darüber hinaus wirft „Das Lied der Arktis“ einen Blick auf das Weltbild der Inuit – auf ihre Mythen, Geister und Gesänge. Das ist so fremd- wie großartig und wunderbar umgesetzt von Jean-Paul Krassinsky. Wie schon in „Affendämmerung“ (Schreiber & Leser, 2017) zaubert er mit Aquarell und Tusche stimmungsvolle, naturalistische Schneelandschaften aufs Papier. Für die mythischen Passagen verwendet er kräftigere Farben. Seine Naturgötter wirken naiv, fast witzig, ihre Diskussionen teils ebenfalls. „Sie riecht stark“, meint einer über die schlafende Uqsuralik, „für mich stinkt sie. Wollen wir sie wegschicken?“ „Uns ist langweilig“, entgegnet der nächste, „wir behalten sie.“ Der dritte schlägt schließlich vor: „Wir könnten ihren Hund töten.“

Alles zusammen unterhält und bereichert „Das Liede der Arktis“ im besten Sinn. Wem die wohldosierte Spiritualität zu viel wird, kann sie überblättern. Der Comic bliebe trotzdem ein Erlebnis. Krassinsky, im oberbayrischen Tegernsee geboren, aber in Paris lebend, hat den Roman von Bérengère Cournuts hervorragend umgesetzt. Dramatisch-undramatisch bleibt selbst Uqsuraliks. Der Tod ist immer für die Inuit ein Teil des Lebens – sein natürlicher Schluss. „Ich wurde alt und Schwach“, erzählt die greise Uqsuralik, „als wir eines Tages das Lager abbrachen, habe ich darum gebeten, mich an einem Felsen liegen zu lassen.“

Jean-Paul Krassinsky: Das Lied der Arktis • Aus dem Französischen von Resel Rebiersch • Schreiber & Leser Verlag, Hamburg 2026 • Hardcover • 208 Seiten • 32,80 Euro

Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.