Die Figuren in Mia Oberländers zweiter Graphic Novel „Saloon“, die für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert war, müssen ein langweiliges Familientreffen überstehen. Aber hier läuft alles so herrlich aus dem Ruder, dass Luis Buñuel daran gefallen gefunden hätte.
Was ist das für ein Comic, dem die Autorin folgende Nachbemerkung hinzufügt: „Meine Mutter hat keinen roten Kopf. Mein Vater ist kein Hund.“ Sollte man annehmen, doch die Künstlerin Mia Oberländer porträtiert eine seltsame Familie – da liegen autobiografische Bezüge nahe. Die wir aber gleich vom Tisch wischen.
„Saloon“ entfaltet sich über 360 Seiten als Echtzeiterzählung eines Familientreffens: Eine alte Dame hat zu sich nach Hause eingeladen, und ab 14 Uhr reisen die Mitglieder der Familie an, um 23:55 Uhr geht man wieder auseinander. Doch schon das Setting, der Ort des Geschehens, ist eigenartig. Das Haus steht wie ein Westerngebäude einsam in einer menschenleeren Wüste, in der Ferne zeichnen sich Bergketten ab. Dorthin reist per Auto der erste Sohn mit seiner Frau sowie den beiden Kindern, ein Junge und ein Mädchen. Sie bewegen sich über verwaiste Highways, die von seltsamen Straßenschildern mit banalen Floskeln („Lieber arm dran als Arm ab“) gesäumt sind. Im Radio plärrt noch dazu ein penetranter DJ mit seiner Gute-Laune-Musik.

Auf der Bahn hingegen erleben wir die Anfahrt der Tochter, die im „Prosecco Express“ reist und eine skurrile Begegnung mit einem Mitreisenden hat. Erwähnen sollte ich, dass der Zug die Form einer riesenhaften Sektflasche hat und sich dank Rückstoß des entfernten Korkens bewegt.


Einfach hereingeschneit kommt der zweite Sohn, ein lautstarker Sprücheklopfer im Heino-Look, der seine Partnerin mitbringt – diese jedoch nur missachtend als Anhängsel vorstellt. Wir haben also die Dame, die Tochter, die beiden Söhne mit „Begleitungen“ und zwei Enkel. Jetzt sind wir eigentlich komplett, doch es ist noch ein Außenseiter eingeladen worden. Es handelt sich dabei um die Kassiererin aus dem „Ultraspar“-Supermarkt, in dem die Dame ihre Einkäufe erledigt. Wir dürfen vermuten, dass diese Einladung erfolgte, weil die Dame den kommunikativen Fähigkeiten der eigenen Familie nicht traut und sich aus einer Laune heraus eine Verstärkung von außen erlaubt, um die Runde in Schwung zu bringen. Dieses Kalkül wird nicht aufgehen, die Kassiererin fühlt sich eingeschüchtert. Kein Wunder, so wie die Dame sie behandelt: Fingerzeigend wird die Ärmste als „Frau Spar“ vorgestellt, was nicht ihr Name ist, und sogleich herumkommandiert.

In diesen schnellen, alltäglichen Szenen führt Oberländer ihr Personal ein und zurrt die Verhältnisse fest. Wirkt dieses Arrangement normal? Keinesfalls, der Comic sorgt für gezielte Irritationen. Denn die vierköpfige Familie aus dem Auto scheint nicht von dieser Welt: Mutter hat einen hochroten Ballonkopf und Vater die Gestalt eines Hundes! Und schauen Sie hier, wie die alte Dame verbal umspringt mit diesen vier Figuren:


Als Schwiegertochter wären Sie auch auf Antikurs zu dieser Schwiegermutter. Und als Sohn müssten Sie sich erst ein Rückgrat wachsen lassen. Der zweite Sohn hat sich die Rolle des Spaßvogels zu eigen gemacht. Er macht anzügliche Bemerkungen, erzählt dumme Witze, verbreitet schräge Theorien und tobt mit dem Neffen solange beim Fußball, bis der Junge verletzt am Boden liegt. „Saloon“ ist jedoch so klug, diesen Unsympathen nicht zu verurteilen, sondern ihm am Ende sogar eine einfühlsame Szene zu überlassen.
Die Tochter kommt früh an und bezieht ihr altes Kinderzimmer, in welchem sie sodann ratlos auf dem Boden hockt. So macht Autorin Oberländer stumm die Beziehung zur Mutter klar: Diese Frau ist immer Tochter geblieben und steht im Schatten der „erfolgreichen“ Söhne, die immerhin mit Partnerinnen erscheinen.
Oberländers Art zu zeichnen ist natürlich krude, verzichtet auf Hintergründe und Details allgemein, arbeitet wenig mit der Kamera und bildet meist statische Bildfolgen ab. Das finde ich nicht „schön“, aber Oberländer hat eine Stilisierung gefunden, die in sich konsistent ist und ihren Seiten einen ganz persönlichen Charme verleiht. Die Köpfe und Körper ihrer Figuren scheinen mit Lineal und Schablonen angelegt, ihre Kolorierung schert sich nicht darum, innerhalb der Flächen zu bleiben. Das verstärkt durchaus die komischen Effekte, hier etwa der Tobsuchtsanfall der Schwiegertochter:


Jawohl, Sie sehen recht: Diese Figur ist mit dem geschwollenen Kopf im Türrahmen hängengeblieben und muss nun abwarten, bis sich die Wut legt und sie „wieder runterkommt“. Immer wieder inszeniert die Künstlerin solche Sinnfälligkeiten, die zwar komplett surreal sind, aber doch erstaunlich akzeptabel wirken.
Frau Spar flüchtet in die Wüste, um hinter einem Kaktus ungestört pinkeln zu können. Dabei beobachtet sie der Hund, der jedoch im Anschluss nur Augen für das Büfett hat, das um 18 Uhr eröffnet wird. Die Dame serviert ausschließlich Meeresfrüchte (in der Wüste!) und ist empört, dass nicht alle zugreifen wollen. Der Tag zieht sich und die Gesellschaft zerfasert: Die Tochter schleicht sich in den Keller, um auf einem elektrischen Rodeoschaukelpferd zu reiten. Die Enkelin verfolgt Chats auf ihrem Smartphone, der Enkel spielt mit dem Essen und zerdrückt einen Fisch im Takt zu einem Partygedudel, das nur die Begleiterin des zweiten Sohnes anspricht. Die Festivität erstarrt in ritualisierten Verhaltensweisen und ratloser Langeweile. Wird noch etwas geschehen, das diesen Rahmen sprengt?!

Oberländer, gehypt für ihr Erstlingswerk „Anna“ (das mich 2021 nicht völlig überzeugen konnte) hat mit „Saloon“ zu erzählerischer Reife gefunden. „Anna“ präsentierte einige starke Impressionen, hatte aber keine runde Handlung zu bieten. Diesmal zeigt sich Oberländer als ausgebuffte Autorin, die zum Finale mit dramaturgischen Kniffen aufwartet.
Vermeintlich unbedeutende Anekdoten erlangen noch Relevanz, alles bisher Gezeigte war notwendig, um gewisse Marker zu setzen, mit denen dann gespielt wird. Denn nach genau 220 Seiten (von 360) geschieht eine Intervention, die dem Comic einen tollen Drall verleiht. Geradezu rasant kippen sämtliche Figuren aus ihren bislang etablierten Rollen und explodieren förmlich in komische Aktion. Das hat mich so umgehauen, dass ich nichts verraten möchte. Nur so viel: Unter anderem galoppiert ein Pferd durchs Haus, ein Wink des Schicksals, auf den die Tochter womöglich ihr Leben lang hintrainiert hat.
„Saloon“ beschenkt uns mit einem Showdown, der das Werk zwar nicht zum Western macht, aber das Genre des Familiendramas um eine prächtige Farbe bereichert. Aus der Ferne grüßt der Filmemacher Luis Buñuel, der 1972 mit „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ das Urwerk dysfunktionaler Familientreffen schuf. Ich wünsche Oberländer, dass ihr jetzt so viel Lob zukommt, wie sie es bei „Anna“ schon eingeheimst hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 16.05.2026 auf Tillmann Courths Website: tillmanncourth.de
Mia Oberländer: Saloon – Das ist Familiensache • Edition Moderne, Zürich 2025 • 368 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Tillmann Courth, geboren 1963, studierte Kommunikationsforschung und Germanistik in Bonn, gestaltete mit Freunden ein Desperado-Feuilleton („RheinArt“) und wechselte dann als Kabarettist auf die Bretter des Ersten Kölner Wohnzimmertheaters. Parallel flammte seine Jugendleidenschaft für Comics wieder auf, und er engagierte sich beim „Digital Comic Museum“, speziell in der Forschung zu Precode-Horrorcomics (wovon die Webseite fifties-horror.de kündet). In den Folgejahren war er auch beim Portal Comicoskop, beim Fachmagazin Comixene und als Teilnehmer beim ComicTalk mit Hella von Sinnen zu finden. Mit dem Rückzug von der Bühne transformierte er seine Webseite tillmanncourth.de zum Analyselabor für Comics aller Art.

