Machtspiele – „Bunny war böse“

Das Setting klingt verheißungsvoll: drei Freundinnen, ein Lottogewinn und die Hoffnung auf Freiheit. Doch die Berliner Comic-Künstlerin Lilli Loge macht daraus eine fein beobachtete Beziehungsstudie, die nicht nur ernüchternd endet, sondern auch noch voller Erotik steckt.

Es hat den Anschein, als wäre das Schicksal gnädig: Ausgerechnet Bea, die in einem abgehalfterten Einkaufscenter arbeitet, gewinnt im Lotto. Ihren Job in einem Kreativladen ist sie schon lange leid. Nicht nur wegen der beratungsresistenten Kund:innen, die sich immer viel mehr zutrauen, als ihre Erfahrung mit Malerei oder anderen Bastelsachen nahelegt und die ihre miserablen gestalterischen Ergebnisse als Produktversagen reklamieren.

Zum Glück gibt es die Freundinnen Chantal aus dem Waxing Studio und die Tätowiererin Zoe. Mit den beiden lästert Bea in der Mittagspause über Kundinnen. Und die beiden sind es auch, die als erstes von Beas Lottogewinn erfahren. Den Rat der Lottogesellschaft, niemand vom Gewinn zu erzählen, schlägt Bea in den Wind. Weil es so viel Vergnügen bereitet, sich auszutauschen und erste Wünsche bei einer Shoppingtour durchs Center zu erfüllen.

Lilli Loge zeichnet mit dem schlichten, schnellen Strich amerikanischer Independent-Comics, wie sich die Beziehung der drei Freundinnen durch das Wissen um den Lottogewinn verändert. Wie Bea, die in dem Trio eher die uncoole ist, großzügig sein kann und ihre Freundinnen einlädt. Wie die sich mit ihr freuen und dann doch kleine Spitzen verteilen. Wie die beiden „vergessen“, Bea zum Mittagessen mitzunehmen. Und das als Versehen weglachen. Wie alle zusammen weiter lachen und sich mehr und mehr Unbehagen in die Beziehung einschleicht. Lilli Loge lässt sich Zeit beim Erzählen und zeichnet den Figuren präzise Emotionen in deren Körper und Gesichter.

In einer Gesellschaft, deren Hierarchie wesentlich durch das finanzielle Vermögen bestimmt wird, wird Bea eine neue Rolle zuteil. Das Verhältnis der Freudinnen wird empfindlich gestört. So sehr, dass Chantal und Zoe ihre Freundin verraten und Chantal einen offenen Machtkampf mit Bea ausficht, bei dem das Shopping-Center, aber auch eine Selbsthilfegruppe für Lottogewinner zur Bühne wird. Bea scheint dem hilflos ausgeliefert, weil auch sie ihre neue Rolle noch nicht ausfüllen kann.

Lilli Loge ist als Zeichnerin von Tijuana Bibles bekannt. Das sind kurze, sexpositive Comics, die bekannte Figuren und Persönlichkeiten aus der Popkultur zu Protagonisten machen. Eine Form, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den prüden USA populär war. Loge fasziniert, dass darin vor allem weibliche Fantasien gezeichnet werden.

In „Bunny war böse“ entlädt sich das Machtspiel von Chantal und Bea in einer Bondage-Session, die aus dem Ruder läuft. Damit wird die Erotik von Machtspielen deutlich – und wie schnell Erotik in Demütigung kippt, wenn der Respekt verloren geht und aus dem Spiel Ernst wird. Der Comic zeigt, wie schwer es ist, sich aus toxischen Beziehungen zu befreien. Weil Unterwerfung oft manipulativ daherkommt, als Scherz oder Versehen. Und weil die Demütigungen so eingeübt werden, dass irgendwann auch offensichtliche Übergriffe geduldet und sogar entschuldigt werden. Mit „Bunny war böse“ hat Lilli Loge ein fein austariertes Beziehungsdrama inszeniert, das in ein blankes Machtspiel kippt. Das zu lesen, bereitet Unbehagen und Erkenntnisgewinn zugleich. Noch nie wurde die Ambivalenz von Lottogewinnen stärker erzählt.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.05.2026 auf: radio3 rbb

Lilli Loge: Bunny war böse • Avant-Verlag, Berlin 2026 • Hardcover • 288 Seiten • 29,00 Euro

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.