GRANDVILLE – „Der Wind in den Weiden“ trifft Steampunk-Noir

In einer alternativen, von menschenähnlichen, intelligenten Tieren dominierten Welt hat Napoleon die Schlacht um Waterloo gewonnen. Das daraus entstandene französische Imperium hat sich den Rest der Welt einverleibt. Nur mit Großbritannien ist dieses Vorhaben nicht gänzlich gelungen. Nirgendwo sonst formierte sich ein derart entschlossener und effektiver Widerstand. Das führte zum einen dazu, dass die Briten sich eine verhältnismäßig große Eigenständigkeit bewahren konnten, zum anderen aber auch, dass sie im Rest des Imperiums gesellschaftlich nicht sehr hoch angesehen oder integriert sind.

Detective Inspector Archibald LeBrock ist ein solch sturköpfiger Brite und war seinerzeit aktiv im Widerstand. Heute verdient er sich seinen Lebensunterhalt als Polizist. Gemeinsam mit seinem treuen Assistenten Roderick Ratzi ist der musukulöse, riesige Dachs die effektivste Waffe Britanniens gegen das allgegenwärtige Verbrechen. Allerdings ist LeBrock seinen Vorgesetzten etwas zu effektiv – Leichen pflastern den Weg des Detective Inspector. Bei Verbrechen kennt der Bulle aus Leidenschaft kein Pardon. Das macht den scharfsinnigen Ermittler aber auch sehr einsam. Denn nicht nur er selbst, sondern auch diejenigen, die ihm am nächsten stehen, werden wiederholt zu Zielscheiben für erbitterte Racheakte. Trost findet er im Alkohol, in käuflichen Dachsdamen und in den Dingen, die der scharfsinnige Schnüffler am besten kann – kombinieren, finden und bestrafen.

Das Besondere an der bei Schreiber & Leser erscheinenden Reihe „Grandville“ sind vor allem die vielfältigen Intensitätsstufen, mit denen man die Noir-Saga verfolgen kann. Es ist völlig problemlos möglich, sich ganz oberflächlich an den spannenden Kriminalfällen zu erfreuen. Die intelligent strukturierten Stories zeichnen sich durch überraschende Wendungen, augenzwinkernden Humor und überzogene, aberwitzige Gewalt aus. Hauptprotagonist Archibald LeBrock ist als Personalunion des britischen Gentleman-Detectives und muskelstrotzender Action-Helden der Videotheken-Ära der perfekte, traumatisierte Held, der sich perfekt in das bizarre, französische Steampunk-Imperium fügt.

Aber weit über toll gemachte Unterhaltung für Erwachsene hinaus ist „Grandville“ auch Kunst im ganz klassischen Sinne. Der Titel und Name der fiktiven Hauptstadt des französischen Imperiums ist dem französischen Karikaturisten Jean Ignace Isidore (Grandville) Gérard gewidmet, der Talbots ursprüngliche Inspiration für das innovative Steampunk-Szenario war. Zahlreiche weitere Städte, Bauwerke und Charaktere sind nach Künstlern oder Kunstformen benannt und an allen Ecken und Enden von „Grandville“ begegnen einem alte Bekannte aus vom Künstler geschätzten Comicreihen oder Romanen.

Wer auf der Suche nach einem ganz speziellem Lesevergnügen ist, der ist nun mit „Grandville“ fündig geworden.

Bryan Talbot: Grandville Bd. 1-3. Schreiber & Leser, Hamburg 2012-2014. Je 104 Seiten. Je 24,80 Euro