Zur Strafe in die Kuschelkammer – „Blankets“

Selten werden Comics so gefeiert. Als „Blankets“, diese knapp 600 Seiten starke Graphic Novel, im Jahr 2003 in den USA erschien, gerieten nicht nur Branchenberühmtheiten wie Frank Miller, Alan Moore oder Neil Gaiman aus dem Häuschen, auch die Rezensenten von Time und New York Times Book Review waren begeistert; einer fand sie „so schön, dass es wehtut“. Man muss bedenken, dass die erwähnten Publikationen sonst eher wenig für Comics übrig haben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die konsequent in Schwarzweiß getuschte Autobiografie des 1975 in Portland geborenen Craig Thompson auf Deutsch verlegt werden würde.

Craig Thompson (Autor und Zeichner): „Blankets“.
Carlsen Verlag, Hamburg 2009. 592 Seiten. 38 Euro

Die ersten Sätze der 2004 erstmals im Thomas-Tilsener-Verlag erschienenen Graphic Novel lauten: „Als wir klein waren, teilten mein Bruder Phil und ich dasselbe Bett. Teilten ist die zuckersüße Umschreibung der Tatsache, dass wir gefangen waren im selben Bett, da wir als Kinder zu dem Thema nichts zu sagen hatten.“ Selbstverständlich gehen sich die zwei hin und wieder auf den Keks: Sie zerren an der Bettdecke, schreien sich an und landen natürlich irgendwann auf dem Boden. Thompson wählt für den Kinderstreit, wie später für die meisten grellen, lustigen oder grotesken Szenen des Buches, überwiegend cartoonhafte Stilmittel; er überzeichnet: Starrende Augen fallen beinahe aus dem Kopf, und der Kopf wird zum Mund, wenn er schreit.

Als endlich der Vater das Kinderzimmer betritt, kippt Thompsons Malstil ins Bedrohliche, schattenhaft Expressionistische. Der Vater erscheint in diesen Bildern als überlebensgroße Bedrohung. Dunkel schraffiert und mit zu ­schmalen Schlitzen verengten Augen packt er den kleineren Phil am Kragen und sperrt ihn in die „Kuschelkammer“, den „vergessenen Winkel“ des Hauses – kein Licht, kaum Luft zum Atmen und eine Menge Ungeziefer. Es ist jetzt unverkennbar die kindlich-naive Angstperspektive, die Thompson einnimmt. Und was witzig begann, wirkt auf den erwachsenen Betrachter kaum weniger schrecklich als auf die Kinder.

Von Anfang an ist damit klar, dass sich Thompson für alles Mögliche interessiert, nur eben nicht für den „objektiven“, gefühlsbereinigten Blick auf die eigene Geschichte. Glücklicherweise. Wäre er nüchterner verfahren, hätte er weniger Interesse an der Kunst gezeigt, das heißt an der dramatischen Überhöhung des Lebens in Bildern und Sprache – „Blankets“ wäre nie die mitreißende Graphic Novel geworden, die sie ist.

Thompson erzählt zweierlei: die Geschichte einer eher beschissenen Kindheit und Jugend auf dem Land in Wisconsin; und die Geschichte der ersten großen Liebe, die natürlich scheitert, so wie alle großen Lieben. Die Liebesgeschichte steht im Zentrum des Buches; die Kindheitserinnerungen tauchen zumeist als narrativ-bildhafte Reflexionen und Traummotive im Erzählstrom der jüngeren Vergangenheit auf. Nichtsdestotrotz sind sie wichtig, denn sie erklären den Charakter dieser Liebe, die anfangs sehr ängstlich und schuldbeladen ist.

Seite aus „Blankets“ (Carlsen Verlag)

Craig ist ein verschüchterter Außenseiter – still, dürr, unstylisch: die „Schwuchtel“. Man darf ihn beschimpfen und verprügeln und tut das auch. Er ist einer, den man aus unzähligen US-amerikanischen Teenagerfilmen kennt, nur dass seine Rache ein Traum bleibt. Für seine Peiniger aus der Schulzeit hat Thompson offensichtlich bis heute nicht viel übrig. Ihre Gesichter könnten nicht fieser und fratzenhafter gemalt sein. Craigs Eltern sind streng gläubige, baptistische Christen, und wenn der kleine Craig, der das Zeichnen früh als Zuflucht begreift, mal eine nackte Frau aufs Blatt pinselt, wird dafür Buße vor dem Herrn verlangt. Er ist zwar keinem echten Psychoterror ausgesetzt, aber die hartnäckige Übertreibung des Religiösen verstärkt zweifellos seine Außenseiterqualitäten. Indes ist Gott dem christlich konditionierten Craig, wen wundert’s, die zweite Zuflucht vor dem gefürchteten Draußen. Geht es ihm schlecht, imaginiert er sich in den Himmel. Und er erwägt noch als Teenager, Priester zu werden.

Er lässt es bleiben, weil er zuvor die irdische Liebe entdeckt, das Heilige im Diesseits gewissermaßen. Das Mädchen heißt Raina. Und ausgerechnet in einem christlichen Feriencamp lernt er sie kennen. Es ist keine einfache Liebe. Beide fühlen sich als Außenseiter, was die Attraktion verstärkt, aber Raina ist beliebt und mit allen Wassern geltender Hipnesscodes der beginnenden Neunziger – Grunge hieß das damals – gewaschen. Craig hingegen schleppt die Bürde des gründlich eingeübten schlechten Gewissens. Es dauert eine Weile, bis er begreift, dass es keine Sünde ist, einander zu berühren. Dass es schon deshalb gut sein muss, weil es sich gut anfühlt.

Thompson findet für seine Liebesgeschichte die mit Abstand poetischsten Bilder und Worte des Buches. Im Kuss verschmelzen Craig und Raina miteinander, und in einer der bewegendsten Bildfolgen – die zwei liegen nahezu nackt und eng ineinander verschlungen auf Rainas Bett – heißt es: „Ihre Haut barg eine ganze Palette an Geschmacksrichtungen: milchig, salzig, süß (…) vermischt mit ihrem duftenden Haar, der brennenden Kerze und einem neuen, mir fremden Duft, (…) den ihr Körper ausstrahlte.“

Seite aus „Blankets“ (Carlsen Verlag)

Nachdem er sich die Jesus-Bilder aus dem Leib geschüttelt hat, die den vermeintlichen Sünder in seinen Träumen heimsuchen, wird Raina für Craig also das, was der Semiotiker Roland Barthes einmal „Atopos“ genannt hat: das nicht einzuordnende, faszinierende und ganz einzigartige Andere. Das Bild, das sich – wie Barthes es sagt – „auf wunderbare Weise herbeigelassen hat, auf die Besonderheit meines Verlangens zu reagieren“. Und es ist zweifellos Rainas atopische Einzigartigkeit in Craigs Blick von damals, mit der Thompson sie in „Blankets“ gemalt hat. Denn Raina ist fast schon unwirklich süß – man könnte sich sofort in sie verlieben.

Thompson hat Raina und sicherlich auch seiner eigenen Vergangenheit mit wunderbar ruhigen, melancholischen Sätzen und sanft schimmernden Bildern ein romantisches Denkmal gesetzt. Und das ist schön, zärtlich und überhaupt nicht kitschig. Schön ist auch der Titel des Buches: „Blankets“. Decken sind das subtextuelle Leitmotiv. Sie stehen für die Suche nach Schutz und Geborgenheit und für die Liebe. Sie liegen über dem Kinderbett, in dem natürlich nicht nur gestritten wird; und es gibt einen Quilt, den Raina für Craig genäht hat und unter dem sich die zwei häufig verkriechen, um die Welt draußen zu halten. Schließlich sind da noch die unzähligen Decken aus Schnee, in die sich die beiden ein ums andere Mal fallen lassen, um in den Nachthimmel zu schauen.

Jahre später stapft Craig wieder einmal über eine unberührte Schneedecke und erfreut sich an seinen Spuren: „Wie befriedigend es ist, ein Zeichen auf einer leeren Oberfläche zu hinterlassen. Eine Karte meiner Bewegung anzufertigen … egal, wie vergänglich.“ Von Vergänglichkeit kann natürlich keine Rede sein. 2009 ist im Carlsen-Verlag eine gebundene, redaktionell überarbeitete Neuausgabe von „Blankets“ erschienen. Der stattliche Ziegelstein verleiht der Geschichte das Gewicht und die opulente Anmutung, die sie verdient.

Michael Saager ist Feuilleton- und Sport-Redakteur der Jungen Welt und hat zahlreiche kulturjournalistische Texte u. a. in KONKRET, Jungle World, Taz, Neues Deutschland, Fluter, WOZ und Intro veröffentlicht.