„Man liest Bilder genauso wie Text“

Der Zürcher Comickünstler Martin Panchaud ist eine außergewöhnliche Erscheinung in der Comicbranche. Aufgrund seiner Dyslexie hat er sich in seiner Kunst schon früh mit der symbiotischen Beziehung von Text, Bild und Symbolen auseinandergesetzt. In seinen Comics verbindet er die unmittelbare Zugänglichkeit und universelle Abstrakheit von Infografiken und klassischen fiktionalen Erzählungen. Sprich, seine Comics sind literarische Infografiken. Seinen internationalen Durchbruch hatte Martin mit einem Online-Comic, in dem er den kompletten Kultstreifen „Star Wars – A New Hope“ in Infografik-Form nacherzählte. Der Comic wurde zu einer viralen Sensation und sogar von Luke Skywalker hilmself, Mark Hamill, empfohlen. Jetzt ist sein Buch-Debüt „Die Farbe der Dinge“ erschienen. Wir präsentieren das Presse-Interview mit Panchaud mit freundlicher Genehmigung der Edition Moderne.

Danke, Martin, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen. Kannst du uns ein wenig über dich und dein Verhältnis zu Comics und Illustration erzählen? Was hat dich als Kind beeinflusst? Was hat dich am Medium Comic und seinen Möglichkeiten des Erzählens fasziniert?
Als Kind war ich nicht wirklich an Comics interessiert; ich hatte zwar Bücher wie „Tim und Struppi“, aber ich habe die Texte kaum gelesen, sondern mir stattdessen die Bilder angeschaut. Mein Interesse galt Computern, nicht der Welt der Comics. Trotzdem begann ich mit 17 Jahren ein Multimedia-Studium an der EPAC, der einzigen Schule in der Schweiz, an der man das Comiczeichnen lernen kann. Es ist den comicbegeisterten Menschen um mich herum zu verdanken, dass ich mich zu dieser Kunst „bekehrt“ habe. Und in jenem Alter begann ich mit dem Zeichnen, etwas, das ich vorher noch nicht getan hatte.

Kannst du uns etwas über deinen Zeichenstil – oder sollte ich sagen Infografikstil? – erzählen? In deinem Lebenslauf steht, dass deine Legasthenie als Kind eine Rolle bei der Entwicklung deiner speziellen Erzähl-/Grafiktechnik gespielt hat. Kannst du das näher erläutern?
Zuerst zeichnete ich klassische Comics, dann begann ich 2007 mit meinem Freund Michaël Terraz das Projekt L‘Octopode, um einen neuen Weg, einen neuen Stil zu finden. Damals hatte ich gerade mein zweites Studium mit einem Fähigkeitszeugnis in Grafikdesign erfolgreich abgeschlossen, und ich versuchte, die Präzision des Grafikdesigns mit dem erzählerischen Aspekt des Comics zu verbinden. Diese neue Art von Sprache hat mich sofort fasziniert. Mir gefiel es, aus Worten Bilder zu machen. Meine Figuren sind Symbole, aber sie sind auch Bilder. Dieser Stil ist eine andere Art, Bilder zu lesen, man liest Bilder genauso wie Text. Ich versuche immer, neue Dinge auszuprobieren, mich von bereits erforschten Stilen zu distanzieren. Wenn ich ein Wort sehe, sehe ich es im Grunde genommen in seiner Gesamtheit, und in meinem Kopf werden die Worte zu Bildern, die eine Bedeutung, eine Kodifizierung haben.

Martin Panchaud (Autor und Zeichner): „Die Farbe der Dinge“.
Edition Moderne, Zürich 2020. 224 Seiten. 35 Euro

Dein erstes großes Projekt war eine Infografik-Nacherzählung von „Star Wars – A New Hope“ auf einer digitalen „Endlos-Leinwand“. Was war die Idee dahinter? Wie lange hat es gedauert, den Film auf diese Art zu erzählen, und was war dein Hauptaugenmerk dabei? Und welche Art von Feedback hast du von der Star-Wars-Community erhalten?
Die Idee für das Drehbuch kam mir 2011 in London, als ich mir überlegte, ein Projekt zu entwickeln, das nicht nur Comic-Interessierte anspricht. Ich entwickelte zwei Dinge, einerseits „Das Pferderennen“, ein großes Poster von 4×1 m, das in Museen und an Ausstellungen gezeigt werden kann, und andererseits etwas Online-taugliches. Der Held meines Buches „Die Farbe der Dinge“ sieht einen Teil des Star-Wars-Films, und ich dachte, es wäre interessant, den Film in diese neue Sprache zu übertragen. Am Anfang dachte ich, dass es schnell und einfach gehen würde, da die Texte und Dialoge bereits existierten und ich nur die Bilder erstellen musste. Ich hatte zwei bis drei Monate Arbeit für dieses Projekt eingeplant, aber am Ende benötigte ich dafür etwa anderthalb Jahre. Und aus den acht Metern Länge, die ich zu Beginn geplant hatte, wurden 123 Meter. Als ich damit fertig war, war es vor allem Mundpropaganda, die meine Arbeit bekanntmachte. Mein Star-Wars-Projekt erhielt viele positive Kritiken, Lucasfilm machte ein Interview mit mir, das auf der offiziellen Star-Wars-Website veröffentlicht wurde. Der Schauspieler Mark Hamill, der Luke Skywalker im Star-Wars-Film darstellte, war begeistert und verbreitete meine Arbeit auf Twitter und Facebook, und in den letzten vier Jahren bekomme ich immer wieder sehr positive Kommentare und Nachrichten von Leuten, die meine Arbeit entdecken.

Seite aus „Die Farbe der Dinge“ (Edition Moderne)

Ich denke, die größte Herausforderung, die sich beim Erzählen einer gezeichneten Geschichte stellt, in der die Personen nur durch abstrakte Symbole dargestellt werden, ist, dass man keine Möglichkeit hat, Gefühle durch Mimik auszudrücken. In deinem Star-Wars-Projekt konntest du darauf vertrauen, dass die meisten deiner Leser die Filmschauspieler vor ihrem geistigen Auge sehen, aber in „Die Farbe der Dinge“ erzählst du eine eigene Geschichte, in der jeder Charakter einfach ein Punkt ist. Wie bist du an diese Herausforderung herangegangen?
Das Einfühlungsvermögen des Menschen ist sehr stark. Zeigt man einem Kind einen Würfel auf dem Fußboden und sagt ihm, dass dies eine Ziege und der Teppich eine Wiese sei, wird das Kind dies akzeptieren. Diese Vorstellungsfähigkeit ist uns allen angeboren. In Texten gibt es das bereits, dass ein Element durch ein anderes ersetzt wird. Ich habe schon einige Kurzgeschichten gezeichnet, und niemand hat mir je gesagt, dass die Handlung unverständlich sei. Es ist wie bei einem Videospiel, man muss die einzelnen Elemente durch ein Tutorial vorher kurz erklären. Sobald man die Codes verstanden hat, kapiert man, worum es in der Geschichte geht. Ich denke, die größte Kraft dieser Art von Sprache besteht darin, dass sie die Vorstellungskraft in uns anregt, eine Vorstellungskraft, die dem nahekommt, was wir als Individuen erleben. Ich bin überzeugt, dass die Leser meines Star-Wars-Projekts oder meines Buches „Die Farbe der Dinge“ sich die Geschichte zu eigen machen und sie durchaus verstehen werden, und zwar genauso selbstverständlich, wie wenn ich bestimmte Charaktere im herkömmlichen Sinn gezeichnet hätte.

„Star Wars“ ist Science Fiction mit vielen technischen Details und Modellen, die zum „Infografik-Ansatz“ passen. In „Die Farbe der Dinge“ wird diese Erzähltechnik auf die „reale Welt“ angewendet. War es schwierig, Aspekte unseres täglichen Lebens zu finden, die sich über Infografiken darstellen lassen?
Computergrafik ist ein Medium, das sich mehr und mehr entwickelt, es gibt inzwischen Computergrafik-Festivals und Ausstellungen. Computergrafik macht uns bewusst, dass wir von Daten umgeben sind, dass alle Objekte, die wir kennen, erst gezeichnet werden mussten, bevor sie gebaut werden konnten. Wir leben in einer Welt, in der alles, von der Architektur bis zu Flugzeugen, mithilfe des technischen Zeichnens, das eine Sprache für sich ist, entworfen wurde. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Wenn wir neue Ikea-Möbel zusammenbauen, sehen wir in der Gebrauchsanweisung, dass alles auf Computergrafik basiert. Ein weiteres Beispiel: Die Einführung von Google Earth ermöglicht es mir, Gebiete und Städte aus der Vogelperspektive zu erkunden. Man sieht beinahe abstrakte Bilder und doch zeigen sie eine funktionierende Stadt.

Seite aus „Die Farbe der Dinge“ (Edition Moderne)

Kannst du uns ein wenig über deinen Schreibprozess erzählen? Schreibst du eine Geschichte wie „Die Farbe der Dinge“ als typisches Dialogskript und denkst dabei über die mögliche Darstellung in der Optik des Computerdesigns nach? Oder hast du deinen Computerdesign-Ansatz im Hinterkopf, wenn du über die Handlung nachdenkst, und schreibst du die Geschichte in der Richtung, die deinen visuellen Stil am meisten unterstützt?
Ich bin von der Handlung ausgegangen und habe die Geschichte zuerst aufgeschrieben, bevor ich mit Zeichnen begonnen habe. Ich wollte unbedingt eine spannende Handlung, es ging mir nicht darum, nur eine Ausrede zu finden, um Computergrafik zu verwenden. Natürlich musste ich Wege finden, die Szenen so zu erzählen, dass sie in Computergrafik dargestellt werden können.

Der französische Regisseur Henri-Georges Clouzot sagte einmal: „Bei einem guten Film geht es um drei Dinge – eine gute Handlung, eine gute Handlung und eine gute Handlung“. Ich wollte wirklich etwas schaffen, das mich selbst auch anspricht, anschließend habe ich die Geschichte mit Computergrafik und kleinen Grafikspielen umgesetzt, aber das Herzstück sind die Dialoge. Manchmal taucht auch die Stimme des Erzählers auf, aber die Erzählung lebt hauptsächlich durch Dialoge und Bilder. Die größte Arbeit bestand darin, sich die Szenen vorzustellen, die dann die Bilder erzeugen. Ich hatte viele Szenen im Kopf, die es am Ende nicht in das Buch geschafft haben. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, an dem erzählerischen Material auf eine rohe, spontane Art und Weise zu arbeiten. Ich konnte hier und da Details nach Belieben ändern, was auch gefährlich sein kann, da man damit viel Zeit verschwenden kann. Alles ist möglich, und man sucht immer nach der besten Lösung.

Seite aus „Die Farbe der Dinge“ (Edition Moderne)

„Die Farbe der Dinge“ ist die Geschichte von Simon, einem 14-jährigen Kind in Großbritannien, das vom Leben gebeutelt und von anderen Kindern verprügelt wird. Simon gewinnt viel Geld bei einer Pferdewette, was eine Reihe tragischer Ereignisse auslöst. Was kannst du uns über Simon erzählen? Wer ist er? Und warum hast du ihm das Leben so schwer gemacht?
Für die Entstehung der Hauptfigur des Buches, Simon Hope, habe ich ein wenig auf meine eigenen Erfahrungen zurückgegriffen. Ich hatte eine schwierige Schulzeit, wir zogen oft von einem Ort zum anderen, und ich musste früh lernen, wie ich meine Chancen nutzen kann. Ich wollte diese Figur des Simon schaffen, der ein Opfer all dessen ist, was das Leben ihm zumutet, der alle Schläge einsteckt, bis er beschließt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich machte ihm vielleicht darum das Leben schwer, weil das Leben nicht immer einfach ist, zumindest empfand ich es so, unbewusst vielleicht, zu jener Zeit.

Als ich jung war, habe ich selbst viel Zeit mit Freunden verbracht und dumme Dinge getan, wir haben auch eher illegale Möglichkeiten des Geldverdienens erwogen. Solche Erfahrungen haben mich zu diesen Charakteren und zu dieser Atmosphäre inspiriert.

Woran arbeitest du gerade? Wirst du in das Star-Wars-Universum zurückkehren?
Ich habe einige Pläne für die Zukunft, aber im Moment möchte ich mich auf ein Projekt namens CreativeQuest.co konzentrieren, bei dem es um Künstler geht und darum, wie sie mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen können. Ich möchte ihnen erklären, wie sie Gelder sammeln und damit ihre Projekte finanzieren können. Für Künstler ist dies lebensnotwendig, und es gibt nur wenige kostenlose Anleitungen, wie man das macht.

Was meine künstlerischen Projekte betrifft, so haben sie nicht unbedingt etwas mit gedruckten Büchern zu tun, eher mit anderen Erzählformen, sei es für eine Ausstellung oder für das Internet. Bezüglich „Star Wars“ werde ich immer wieder gebeten, eine Fortsetzung zu machen, aber es würde eine beträchtliche Menge an Arbeit erfordern. Ich behalte die Idee jedenfalls im Hinterkopf, machbar wäre es jedoch nur mit einem Team von Mitarbeitern. Es gibt auch einen weiteren Film, „2001: A Space Odyssey“, den ich gerne auf meine Art erzählen würde, aber das ist im Moment nur eine Idee.