Herbert Feuerstein (1937-2020)

Herbert Feuerstein in "Schmidteinander" (Bild: WDR/Hajo Hohl)

Es tut immer noch weh. Vor zwei Tagen gab WDR-Intendant Tom Buhrow bekannt, dass der große Humorist, Autor, Musiker, Moderator, Entertainer, Redakteur und Journalist Herbert Feuerstein am 6. Oktober 2020 im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Mit „Schmidteinander“ schrieb er Fernsehgeschichte. Viele ältere Zuschauer wollten die Verantwortlichen des Landes verweisen, jüngere haben von dieser Sendung überhaupt erst gelernt, dass Humor auch lustig sein kann (für das Übermedien-Magazin blickt Godehard Wolpers auf jene Tage zurück). Zuvor schrieb Feuerstein als Chefredakteur des deutschen MAD Magazins aber erst einmal Comicgeschichte. Warum das so wichtig war, hat Linus Volkmann vor drei Jahren für Spiegel Online zusammengefasst. Ebenfalls vor drei Jahren wurde Feuerstein auf dem Comicfestival München mit dem PENG!-Preis für sein Lebenswerk geehrt (den er aus gesundheitlichen Gründen zu Hause entgegennahm; Sie finden das Video am Schluss dieses Beitrags).

Für den WDR hat Feuerstein bereits vor fünf Jahren einen Nachruf auf sich selbst produziert, der vorgestern ausgestrahlt wurde. Auch wir möchten ihn lieber selbst zu Wort kommen lassen. Im September 1995 erschien im TITANIC Magazin ein Interview, geführt von den damaligen Redakteuren Christian Y. Schmidt, Oliver Maria Schmitt und Robert Gernhardt, in dem Feuerstein auf seine zwei Jahrzehnte umfassende Arbeit als MAD-Chefredakteur zurückblickt, das wir mit freundlicher Genehmigung der Autoren als Zweitveröffentlichung präsentieren.

TITANIC: Schießen Sie los.

Feuerstein: Meine erste Ausgabe war die Nummer 33. Und dann habe ich MAD nahtlos zwanzig Jahre lang als Chefredakteur gemacht. Als ich anfing, hatte das Blatt eine Auflage von ungefähr 15.000 Exemplaren. Vorher war ich Verlagsleiter beim Bärmeier & Nikel Verlag.

Wie sah die MAD-Redaktion aus?

Die gab es nicht. Ich habe alles allein zu Hause gemacht. Zusätzlich hatte ich noch freie Mitarbeiter. Aber ich habe MAD so sehr geliebt, dass ich es mir nie leicht gemacht habe. Von Anfang an hatte ich Lust, das zu machen. Etwa zwei Jahre lief MAD nebenbei, dann wurde es mein Hauptberuf.

Erste MAD-Ausgabe von Herbert Feuerstein

Was war der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem frühen deutschen MAD?

Die Deutschen nahmen zunächst nur das, was leicht transferierbar war, Don Martin oder Spion & Spion zum Beispiel. Alles, was sprachlich komplizierter war, wurde weggelassen. Als das erste deutsche MAD erschien, gab es ja bereits rund 150 [1] amerikanische Ausgaben, aus denen konnte man sich bedienen. Damals konnte man in ein oder zwei Tagen ein ganzes MAD-Heft zusammenstellen.

Und als Sie kamen …?

So habe ich es anfangs auch gemacht. Wir haben aus Amerika die Lithos bekommen und im Billigstverfahren die Texte ausgetauscht. Da wurde nichts umgezeichnet, da wurden keine Lautworte geändert. Da blieb ein „CRASH“ so, wie es war.

Das haben Sie aber bald geändert.

Ja. Meine MAD-Grabinschrift soll verkünden, dass ich bestimmte Teenager-Onomatopöien erfunden habe wie „lechz, hechel, ächz, würg“. Mitte der Siebziger experimentierte ich damit, und ich hab‘ dann den Stil schnell gefunden. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, aus MAD so weit wie möglich eine deutsche Zeitung zu machen. Ich holte deutsche Autoren ins Blatt, aber selber geschrieben habe ich nie. Ich war reiner Blattmacher.

Und die Antworten in der Leserbrief-Rubrik?

Die stammten von mir, die gab es in dieser Art in Amerika nicht. Ich habe mir für die immer viel Zeit genommen. Wir erhielten zwei- bis dreihundert Zuschriften pro Ausgabe, da konnte man viele Anregungen finden. Wir haben den „Alfred des Monats“ erfunden und vergeben. Außerdem gab’s diese Departmentgeschichte, diese Abteilungen für irgendetwas als Dachzeile. Die kam zwar von den Amis, aber ich hab’s kultiviert. Ich besaß eine Riesenkartei, weil ich den Ehrgeiz hatte, keine Abteilung zweimal vorkommen zu lassen. Wenn ich die Überschriften im heutigen MAD sehe, dann ist das alles recht traurig und einfallslos.

Waren die Titelbilder auch amerikanische Originale?

Nein, bis auf wenige Ausnahmen. Ich habe immer auf den klassischen MAD-Stil gesetzt, der sich in der besten Zeit des amerikanischen MAD, zwischen 1972 und 1975, durchgesetzt hatte. Später sind die Amis dazu übergegangen, sich an die Tagespolitik dranzuhängen, und damit haben sie verschiedene Zeichner betraut. Ich habe mich dagegen immer an dem klassischen Stil von Joe Orlando [2] orientiert, der 1985 starb. In Deutschland hatten wir den genialen Rolf Trautmann, ein Wahnsinniger, der diesen Stil nachahmen konnte. Der hat bei mir alle Titelbilder gemacht. Wenn ich dagegen das Titelbild der letzten deutschen MAD-Ausgabe sehe, packt mich der absolute Horror.

Erste US-Ausgabe von MAD (© DC Comics)

MAD wurde vom Ami-Nachdruck zum deutschen Original.

Das war mein ganzer Stolz, dass die Kids dachten, MAD sei eine deutsche Zeitschrift. Die haben Briefe geschrieben, wenn sie in Amerika gewesen waren, dass die dort alles abgekupfert hätten. Zum Beweis schickten sie Ausgaben des amerikanischen MAD. In der besten Zeit hatte das deutsche MAD mehr Auflage als alle anderen Ausland-MADs zusammen.

Hatten Sie mit einer solch hohen Auflage gerechnet?

Nein! Einer der wenigen genialen Einfälle meines Lebens war aber, dass ich mit Klaus Recht einen Vertrag auf Umsatzbeteiligung gemacht habe. Das hat sich ausgezahlt. Ich habe die ganze Zeit nur gelacht, das war toll.

Wenn Sie so viel zu lachen hatten, warum hörten Sie dann mit MAD auf?

Wegen meiner Fernsehprojekte. Das neben „Schmidteinander“ zu machen, wäre nicht mehr gegangen.

Klaus Recht machte dann allein weiter?

Er war eigentlich ganz froh, dass ich 1992 gegangen bin, denn er hätte sich mich nicht mehr lange leisten können. Die Auflage war ja schon lange im Sinkflug.

Und heute ist MAD pleite. Können Sie uns das erklären? Vielleicht anhand der letzten Ausgabe?

Wenn ich das Heft so betrachte, ist mir das alles nicht dicht genug. Und hier, dieser Beitrag? Das darf nicht wahr sein! Der ist vierzig Jahre alt: „Die klassische Mausefalle“. Die haben wir mindestens viermal gebracht, zum ersten Mal 1972! Starkes Stück!

MAD starb also an Witzversagen?

In erster Linie das amerikanische MAD. Zunächst haben die Amerikaner diesen wertfreien, aggressiven Humor, der mir sehr lieb ist, weil er ohne Zeigefinger auskommt, zugunsten eines tagespolitischer Humors aufgegeben. Vieles wurde redundant. Immer wieder Fernsehparodien und so etwas. MAD wurde zu sanft. Wenn ich heute amerikanischer MAD-Redakteur wäre, würde ich eher zur Beavis-und-Butthead-Kultur tendieren. Und dann die Zeichner! Die Serie Spion & Spion wird längst nachgezeichnet. Der Original-Zeichner soll wahnsinnig geworden sein.

Letzte MAD-Ausgabe von Herbert Feuerstein

So wie Don Martin?

Ich habe gehört, dass Don Martin Gicht bekommen hat und jetzt dieselben Finger und Füße hat wie seine Figuren, also alles um 90 Grad abgewinkelt. Als Don Martin MAD verließ, war für mich das Blatt praktisch schon am Ende, das war der eigentliche Bruch. MAD wurde einfach alt. Wir haben schon vor fünf Jahren gesagt: Hoffen wir, dass das amerikanische MAD noch ein Jahr hält.

Trotzdem haben Sie noch sechs Jahre weitergemacht.

Ja, aber ich hatte zum Schluss eine große Lustkrise. Ich konnte mit dem amerikanischen Material immer weniger anfangen. Aber wir konnten uns ja immer noch aus alten Vorräten bedienen. Don Martin haben wir zum Beispiel noch vier Jahre über seinen Weggang hinaus ausgeschlachtet. Eigentlich war ja MAD nichts anderes als der Vorläufer vom gelben Sack. Die MAD-Extras waren das erste Stadium, die kamen zweimal im Jahr und bestanden aus fünf Jahre altem Stoff. Die Super-MADs waren acht bis zehn Jahre alter Stoff, aber thematisch geordnet. Im Mega-MAD war alles drin, was es gab, das hatte 6.000 Seiten [3]. Dann gab’s noch den MAD-Müll und die MAD-Sammelbände. Das waren unverkaufte Hefte, die zusammengebunden wurden. Und MAD-Müll waren zusammengebundene Sammelbände. Dieses Recycling-System hat das Ganze finanziert. Sonst hätte MAD, das ja werbungsfrei sein musste, finanziell überhaupt nicht funktioniert.

Wie war das Verhältnis zu Ihrem Verleger Klaus Recht?

Ich fand die Arbeit mit ihm toll, denn nur ein reicher Verleger ist ein guter Verleger. Mit armen, krebsenden Verlegern kann man nichts Solides machen. Natürlich – jetzt nach Rechts Tod können wir ja offen darüber reden – gab es zwischen uns immer eine Hassliebe. Ich habe ihn für seine Macht gehasst, und er mich für meine für ihn nie erreichbare Genialität. So muss das sein zwischen Verlegern und Machern.

Kein stiller Triumph, dass MAD ohne Sie nicht mehr lange existiert hat?

Diese Buchhalter-Mentalität haben wir ja alle: Wir hoffen, dass die Firma nach unserem Abschied nicht mehr läuft. Das will ich auch für mich nicht unbedingt ausschließen. Aber ich hatte ja meinen Triumph. In dem Moment, als ich MAD verließ, wurde es von monatlicher auf zweimonatliche Erscheinungsweise umgestellt. Damals ist MAD für mich persönlich gestorben. Natürlich tut es mir um das Heft leid, weil es einmal sehr wichtig war, aber es hat sein Leben gelebt. Wir sind ja alle Mitglieder der Gesellschaft für humanes Sterben von Zeitschriften. Ich denke, man muss einfach die Todespillen für das Sterben von Zeitschriften im Tresor liegen haben.

Und wie lautet Ihre Grabrede?

Ich habe damals bei MAD mehr, besser und intensiver gearbeitet als heute mit der ganzen Fernsehscheiße. Was ich gelernt habe in der ganzen Zeit – ich bin ja jetzt kurz vor meinem Ende und kann das fast testamentarisch verkünden -, ist, dass es überhaupt keinen Sinn hat, sich zu bemühen, etwas besonders gut zu machen. Man muss das machen, was man selbst für gut hält. Wenn man Glück hat, gibt’s dafür ein Publikum, das das akzeptiert. Wenn man Pech hat, ist man weg vom Fenster. Das hat mir bei MAD zum Schluss auch nicht mehr gefallen, dieses Spekulative, für so eine Zeitschrift bringt das nichts. Entweder sie hat den Zeitgeist oder es geht nicht mehr. Wir haben den mit MAD einfach verloren. Mit Don Martin, mit vielen kleinen Dingen. Das muss man akzeptieren.

[1] Eigentlich erschienen erst 115 US-MADs, bevor das erste deutsche MAD veröffentlicht wurde.
[2] Joe Orlando hat nie Cover für MAD gestaltet. Feuerstein meinte Norman Mingo, der bis 1979 fast alle Cover für das US-MAD gemalt hat. 1980 verstarb Norman Mingo. Joe Orlando verstarb im Dezember 1998. Er war nach dem Tod von William M. Gaines von 1992-1996 Associate Publisher von MAD.
[3] Das Mega-MAD hat keine 6.000 Seiten!

Christian Y. Schmidt, geboren 1956, lebt als Schriftsteller in Berlin und Peking, daneben ist er Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur. Zuletzt erschien sein Roman „Der kleine Herr Tod“.

Oliver Maria Schmitt, Jahrgang 1966, ist Romancier und Journalist. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Henri-Nannen-Preis 2009. Zuletzt erschien sein Roman „Ich bin dann mal Ertugrul“.

Robert Gernhardt (1937–2006) ist der populärste und meistverkaufte zeitgenössische Dichter Deutschlands. Er zählte zu den kreativsten Zeichnern und Textern der legendären satirischen Zeitschrift „Pardon“ und gründete nach deren Einstellung gemeinsam mit anderen die bis heute erscheinende Satirezeitschrift „TITANIC“. Das umfangreiche Werk von Robert Gernhardt umfasst neben einer großen Zahl von Gemälden und Zeichnungen über 50 Bücher. Mit seiner Lyrik, seinen Romanen, Erzählungen, Bilderzählungen und Bildgedichten der Hochkomik sowie Kinderbüchern und Essays gehört Robert Gernhardt längst zu den Klassikern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.