Der Sammelband „Geschichten aus der Provinz“ führt ältere Werke des italienischen Comiczeichners Gipi zusammen. Die Storys sind von bedrückender Aktualität.
„Ist das Leben komisch? Vielleicht“, erklärt der Erzähler Giuliano in „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“, der umfangreichsten Story aus Gipis „Geschichten aus der Provinz“. „In San Giuliano waren die Häuser intakt, die Geschäfte geöffnet. Es gab eine Kirche, einen Fußballplatz, eine Diskothek. Es schien, als gäbe es überhaupt keinen Krieg.“ Obwohl diese Geschichte schon 2004 entstanden ist, passt sie – leider – perfekt in die europäische Gegenwart, in die düstere, depressive Stimmung, die sich nach Covid, dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, dem politischen Rechtsruck und angesichts der allgemeinen Weltlage ausgebreitet hat.
In „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“ müssen sich die drei Protagonisten in einem zeit- wie ortlosen Kontinuum zurechtfinden. Einzig einige Andeutungen weisen dem Comic die Gegenwart oder nahe Zukunft zu: „Damals war ich 17 und meine Hauptbeschäftigung waren Computerspiele. Mein Lieblingsspiel war Battlefield 1992.“ Vom Land, wo Dörfer über Nacht von der Landkarte gebombt werden, ohne dass man je erfahren würde, wer hier eigentlich wen bekämpft, verschlägt es die Protagonisten als Kleinkriminelle im Auftrag eines Söldners in die Großstadt, die bisher von den Unruhen verschont geblieben ist. Doch auch in der Stadt begegnen die drei kaum einem Menschen, sie ist menschenleer und beschädigt, spiegelt den Zustand der Protagonisten, ebenso wie die in Grautönen angelegte Farbgebung der ursprünglich als Aquarelle umgesetzten Zeichnungen: „Ich hatte nie jemanden. Man hat mich immer von einer Familie zur nächsten geschoben. Mir ging’s immer beschissen.“ Lediglich der Erzähler Giuliano hat einen intakten familiären Hintergrund, zu dem er zurückkehren kann, während seine Freunde in den Krieg ziehen. Diese sozialen Unterschiede verfolgen den Erzähler bis in seine Träume.

„Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“ ist immer dann besonders stark, wenn Gipi die Erlebnisse der drei Protagonisten nicht erklärt oder Schuldige sucht. Weder die Ursachen des Krieges noch dessen Verlauf werden aufgeklärt. „Die Menschheit vegetiert kriechend fort nach Vorgängen, welche eigentlich auch die Überlebenden nicht überleben können, auf einem Trümmerhaufen, dem es noch die Selbstbesinnung auf die eigene Zerschlagenheit verschlagen hat“, beschrieb Theodor W. Adorno einmal die Verstörung, die Becketts Theaterstücke bis heute ausüben – eine ähnliche Beklemmung stellt sich auch beim Lesen dieses Comics ein.
Im Sammelband enthalten sind außerdem die kürzeren Comics „Die Unschuldigen“ und „Sie haben das Auto gefunden“, die beide bereits an erschienen sind, sowie die unveröffentlichten Storys „Zwei Pilze“ und „Die tote Hand“, die beide die Struktur des Mediums Comic aufbrechen und völlig neue Wege beschreiten.
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #157
Gipi: Geschichten aus der Provinz • Avant-Verlag, Berlin 2024 • 208 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

