1979 wurde in Estland Arkadi und Boris Strugatzkis Science-Fiction-Roman „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“ verfilmt. Eine psychedelisch-schräge Story über eine Gruppe Außerirdischer, die in einem verschneiten Berghotel gestrandet sind. Der estnische Zeichner Veiko Tammjärv hat nun eine fantastische Comicadaption veröffentlicht, die heute genauso subversiv gelesen werden kann wie der Film zu Sowjetzeiten.
Horror, Science-Fiction, Film Noir – in Film, Literatur und Comic boten die B-Genres schon immer nicht nur Raum für Trash, sondern auch für das Schmuggeln von subversiven Botschaften, besonders unter repressiven politischen Verhältnissen. So war es auch in Estland zu Sowjetzeiten, als 1979 der Science-Fiction-Roman „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“ verfilmt wurde. Der estnische Comiczeichner Veiko Tammjärv hat diese Geschichte 2020 zu einer fantastischen Graphic Novel verdichtet, die jetzt auch auf Deutsch vorliegt.
Die Szenerie dieser Geschichte ist eine Welt außerhalb des Alltäglichen, zunächst ebenso unheimlich wie behaglich. Ein verschneites Tal hoch oben in den Bergen, ein futuristisches Hotel mit dem fatalen Namen „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“ und in der Eingangshalle das überlebensgroße Porträt des namensgebenden Bergsteigers, dessen starrer Schneebrillen-Blick alle zu beobachten scheint. Polizeiinspektor Peter Glebsky muss über Nacht in dem verschneiten Berghotel bleiben. Er wurde dorthin gerufen, doch es war falscher Alarm. In der eisigen Höhe trifft der Inspektor skurrile Zeitgenossen: einen gewichtigen Unternehmer mit dem Namen Moses und seine attraktive Ehefrau, einen rätselhaften Schnurrbartträger, der seine Tuberkulose auskuriert und einen verwirrten Physiker, der lieber im Hotel die Wände hochklettert als draußen am Berg. Es wird getrunken, Billard gespielt und getanzt, erotische Avancen von Frau Moses inklusive, und da passt es ganz gut, dass eine Lawine das Hotel komplett von der Außenwelt abschneidet.

Es bleibt jedoch nicht beim coolen Exzess oben auf dem Berg, denn bald liegt der erste Gast tot in seinem Hotelzimmer. Peter Glebsky ermittelt, aber das hier ist keine „Mord im Orient-Express“-Szenerie. Was sich in dieser alpinen Winterluft zuträgt, liegt jenseits dessen, was der kalte Verstand zu ergründen vermag. Auch die attraktive Frau Moses stirbt und sitzt wenige Augenblicke später wieder quicklebendig auf dem Sofa, rätselhafte Doppelgänger tauchen auf und ein seltsamer Apparat in einem Koffer, dessen Technologie selbst dem Physiker fremd ist. Der ahnt zumindest, dass es sich nicht um eine Verbrecherbande handelt, die ein Versteck in den Bergen sucht, sondern um Besucher aus dem All, die in eine missliche Lage geraten sind. Inspektor Glebsky versteht das viel zu spät und will es eigentlich auch gar nicht wahrhaben. Dass er mit dieser Haltung eine Katastrophe herbeigeführt hat, verdrängt er, verbirgt es hinter der Maske machtzynischer Verantwortungslosigkeit: „Ich habe meine Pflicht erfüllt. Das Gesetz ist mir heilig. Diese ganze seltsame Truppe wurde also getötet. Ja, sehr bedauerlich. Aber denken Sie logisch! Wenn sie Menschen waren, dann waren sie Gauner und bekamen ihre gerechte Strafe. Wenn sie keine Gauner waren, dann waren sie auch keine Menschen. Und Nicht-Menschen fallen nicht in meine Zuständigkeit.“
Der Comic des estnischen Zeichners Veiko Tammjärv findet ganz eigene Bilder für den traurig-skurrilen Stoff. Bilder, die sich an die frühe Pop-Art der 60er-Jahre anlehnen. Die abstrakten Zeichnungen sind ganz in einem Farbton gehalten, von Kalt-Blau bis Poppig-Pink. Die Figuren sind Skizzen, oft mit einer so freien wie präzisen Linie gezeichnet. Mehr Schatten als Licht sind sie stets eingerahmt von geometrischen architektonischen Strukturen, selbst wenn sie durch die Schneewüste stapfen. Nicht nur eingerahmt, sondern gefangen, wie die verzweifelte Gruppe der Besucher aus dem All. Die wollen in ihrem Anderssein eigentlich nur überleben, und scheitern an engstirniger menschlicher Brutalität. Dass diese Geschichte in der Sowjetzeit einen machtkritischen Unterton hatte, ist offensichtlich. Es ist eine Stimmung von Einsamkeit und Ausgesetztsein, die Veiko Tammjärv zeichnet. Und in einer Zeit, in der Fremde auf der Flucht so oft die kalten bürokratischen Strukturen der Ablehnung erfahren, ist dieser Comic hochaktuell.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 26.08.2025 auf: SWR Kultur
Veiko Tammjärv: Hotel Zum verunglückten Alpinisten • Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann • Voland & Quist, Berlin 2025 • 128 Seiten • Klappenbroschur • 30 Euro
Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.

