Sean Murphy reanimiert den Zorro-Mythos als Nostalgietrip und ironische Modernisierung.
Helden pflegt man. Das denkt sich auch Antonio, der in seiner Heimat La Vega am Dia des los Muertos die Großtaten des legendären Zorro nachstellt, der vor 180 Jahren für das Dorf kämpfte. Dem Kartellchef El Rojo passt das gar nicht. Die Bevölkerung soll gefälligst auf den Mohnfeldern für die Drogenbarone arbeiten – weshalb Antonio dem Zorn El Rojos zum Opfer fällt. 20 Jahre später arbeitet Antonios Tochter Rosa wie alle im Dorf für das Kartell und hat sich als Fahrerin einen Namen gemacht. Auf dem Anwesen La Castillo lebt ihr Bruder Diego, der seit dem Tod des Vaters kein Wort mehr gesprochen hat, in der Obhut von Großvater Alejandro. Als Alejandro dem Drängen des Kartells, die Dorfkirche für Schmuggelzwecke zu nutzen, nicht nachgibt, macht El Rojo kurzen Prozess mit ihm. Der tödlich Verletzte kann Diego mit letzter Kraft noch den Degen seines Vaters übergeben, worauf Diego tatsächlich in die Rolle des Helden schlüpft. Versiert führt er Degen, Pferd und Peitsche und kann mit standesgemäßer Maskierung die Verbrecherlumpen zur Strecke bringt. Der Clou der Erzählung liegt im Culture Clash: Diegos bzw. Zorros Sprache klingt wie aus einem alten Hollywood-Streifen, auch Autos, Gewehre und Drogenkartelle sind ihm fremd. Er zählt auf die Unterstützung der Bevölkerung „für die gute Sache“, was Rosa regelmäßig in den Wahnsinn treibt.
Zorro, maskierter Rächer, Held unzähliger Romane, absolvierte seinen ersten Auftritt 1919 im Roman „The Curse of Capistrano“ von Johnston McCulley. Schon 1920 folgte mit Douglas Fairbanks seine erste Leinwand-Inkarnation, bevor er nach einem Tonfilm-Klassiker mit Tyrone Power 1940 auch die Serials bevölkerte, die uns Jahrzehnte später als „Western von Gestern“ begeisterten. Genau diese mehrfachen medialen Leben nimmt Sean Murphy (der schon Batman in „White Knight“ furios interpretierte) als Ausgangspunkt für seine ideenreiche Umdeutung des Stoffs. Gab es Zorro tatsächlich, oder war die Figur nur Fiktion? In Gestalt des Diego, der durch den Tod des Vaters einen psychotischen Schock erlitt, lebt Zorro mit herrlichen Anachronismen wieder auf, etwa als er mit Peitsche und Pferd die rasenden Pick-up-Trucks des Kartells attackiert.

Das Anwesen La Castillo wirkt wie ein Zorro-Museum, gefüllt mit Filmpostern (neben den Klassikern findet sich auch die moderne Fassungen mit Antonio Banderas von 1998), Comic-Covern und anderen Memorabilia, wobei der Höhepunkt natürlich in der Entdeckung des alten Hauptquartiers besteht, wo der alte Zorro Übungsgeräte, einen Ort zum Studium von Spuren und auch einen Schlafplatz unterhielt. Die Bathöhle lässt grüßen, so wie die ganze Zorro-Saga natürlich eine der Hauptinspirationen für Bob Kane gewesen war. Diego spricht „wie in irgendeinem alten Film“, sein Vater eiferte bewusst Tyrone Power nach – und auch daneben bedient sich Murphy weidlich aus Leinwand und TV: Rosas Partner heißt Trejo und ist auch optisch Robert Rodriguez‘ Lieblingsschauspieler Danny Trejo aus dem Gesicht geschnitten.
Ohnehin ist die optische Umsetzung bemerkenswert: Dynamisch, rasant und vor allem in ganzseitigen Splashpanels stürmt der Plot daher. Zorros Auftritte sind im besten Sinne filmisch, verneigen sich vor den klassischen Leinwandepen, ebenso vor den Serials, ganz besonders der Storyline „Zorro’s Fighting Legion“, die 1939 in 12 Folgen entstand. „Zorro – Die Legende lebt“ ist eine einfallsreiche und optisch überwältigende Umsetzung, die beim Splitter Verlag mit einem umfangreichen Anhang mit vielen Variant-Covern erscheint, darunter schöne Hommagen an die Filmklassiker und sogar „V for Vendetta“. Fein.
Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.
Sean Murphy: Zorro. Die Legende lebt • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 128 Seiten • Hardcover • 25 Euro
Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.

