Die italienischen Brizzi-Brüder haben Gaston Leroux‘ Klassiker der Schauerliteratur als bildgewaltige Graphic Novel adaptiert.
Mitte der 80er nahm das unangenehme Phänomen der „Phantom der Oper“-Musicals deutlich an Fahrt auf, die halbe Welt pilgerte zu den Ansetzungen, hierzulande insbesondere in Hamburg. Fast schon inflationär nahm man schwarze T-Shirts mit einer kleinen aufgedruckten Maske wahr, die Insidern zuraunten: Ja, ich war beim „Phantom der Oper“, da fällt der Kronleucher herunter, da ist ein See auf der Bühne, und ein Maskierter haucht pathetisch „Music of the Night“! Dass hinter diesem Welthit aus der Feder des Musical-Herrschers Andrew Lloyd Webber (der sich später auch Billy Wilders „Sunset Boulevard“ vornahm) eine literarische Vorlage stand, das wussten wir über Umwege – nämlich über die zahlreichen Verfilmungen, die das Werk des Krimi-Vielschreibers Gaston Leroux, erschienen erstmals als Fortsetzungsroman in der Zeitung „Le Gaulois“ vom 23.09.1909 bis 08.01.1910, einem breiten Publikum bekannt machten.
Allen voran ging die Stummfimversion von 1925, in der Lon Chaney sich einmal mehr als Mann der 1000 Gesichter erwies, den entstellten Erik gar furchterregend verkörperte und in einer spektakulären kolorierten Ballsequenz als roter Tod die Freitreppe herunterschritt. Die Farbversion von 1943 verwendete die gleichen Kulissen gleich noch mal, wich aber von der Grundstory in einigen Aspekten ab, während Claude Rains wie stets brillierte. Der Roman selbst gilt gemeinhin als Klassiker der Kriminal- und Schauerliteratur. Basierend auf durchaus realen Ereignissen in der Opéra Garnier, wie etwa einer Art Labyrinth nebst Stausee in den Katakomben sowie einem herabstürzenden Kronleuchter, baute Leroux eine fulminante Mischung aus Grusel, Kriminalistik, Exotik (in Gestalt des Persers Daroga und der Fernreise von Erik) und einem Liebesmotiv im Geiste des „Glöckners von Notre-Dame“.

In den mechanischen Folterwerkzeugen, wie etwa einem eisernen Galgenbaum, oder der Flutung der Zellen steht Leroux durchaus in der Nähe von Poes sinkendem Pendel aus der gleichnamigen Erzählung. Auch als Comic trat uns Erik schon mehrfach entgegen, beispielsweise aus der Feder von Christophe Gaultier (bei Knesebeck) oder sogar in einer dem Webber-Musical folgenden Fassung von Cavan Scott und Jose Maria Beroy (bei Panini). In der vorliegenden Adaption halten sich die Literatur-Spezialisten Paul und Gaëtain Brizzi, die schon mehrfach Werke der Literaturgeschichte meisterlich umsetzten, darunter Cervantes „Don Quichotte“ und „Dantes Inferno“, eng an die Vorlage, arrangieren allerdings viele Elemente um (u. a. fehlt die Figur von Raouls Bruder) und verzichten komplett auf die vor allem im Chaney-Film zentrale Maskenball-Szene.
Optisch markiert der Band allerdings einen neuen Höhepunkt: Wie schon in den vorherigen Adaptionen der Brizzis dominieren Bleistift-Zeichnungen, die gänzlich monochrom daherkommen und die Düsterkeit der Katakomben ebenso vermitteln wie die Monumentalität des Opernbaus. Szenen wie die Demaskierung Eriks und der Zusammenbruch der Stimme Carlottas sind durchaus expressiv überhöht, während in den meisten Passagen eine realistische Darstellung dominiert. Im standesgemäßen Hardcover legt der Splitter Verlag diese Fassung mit einer Skizzengalerie und einem kleinen Infoblock zu Gaston Leroux auf, was sich nahtlos in die durchweg beeindruckenden Klassiker-Versionen der Brüder Brizzi fügt. Ach ja, wer sich dem Musical aus sicherer Distanz nähern will, dem sei die Coverversion des Titelsongs empfohlen, den die finnischen Symphoniemetaller Nightwish 2002 vorlegten, Operngesang der Diva Tarja Turunen inklusive. Das bollert wenigstens.
Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.
Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi (Zeichner und Szenaristen): Das Phantom der Oper • Aus dem Französischen von Anne Bergen • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 160 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.

