Appollo und Brüno zelebrieren Lucky Luke in sieben Kurzgeschichten als knallharten Westerner.
Verschneites Dakota: Eine Postkutsche rumpelt Richtung Norden. Neben dem Kutscher sitzt ein Cowboy mit rotem Halstuch, der als Eskorte engagiert wurde. Auf der Fahrt liest den angeblichen Lehrer Louis Riel auf, dem ein Trupp Indianer auf den Fersen ist und der von einigen Desperados aufgeknüpft werden soll. Als Luke eingreift, stellt sich heraus, dass Riel der Anführer der aufständischen Bois-Brulés im angrenzenden Kanada ist.
Der kleine Baldwin hingegen ist auf der Suche nach den „40 Morgen und einem Muli“, das General Sherman geflohenen Sklaven versprochen hatte – eine Zusage, die seine Großmutter Gumbo hartnäckig, aber erfolglos einzufordern versuchte. Auf ihrem Weg nach Norden fanden die beiden einen am Ast baumelnden Luke, den Gumbo durch dunkle Voodoo-Künste rettet und ihn fortan „Lucky“ nennt.
Schneller als sein Schatten ist Luke schon zu diesen Zeiten, er gewinnt ein Schießduell nach dem anderen, aber als er des Betrugs bezichtigt und disqualifiziert wird, schickt er die kleine Annie Oakley für sich ins Rennen, die ihn gebeten hat, sie unter seine Fittiche zu nehmen.
Im Dauerregen wartet eine junge Dame auf ihren Verlobten, von dem sie sich die Flucht aus der Armut erhofft und dessen Bild sie sich aus den Dime-Novels, den Groschenromanen des Westens, romantisiert.

In einen handfesten Streit geraten die beiden Desperados Dirty Mike und Mud Digger, die sich in ihrem früheren Leben als Literaten entzweit haben. Als Mike Diggers Notizbuch stiehlt und auf einer Felskante verliest, muss er das literarische Genie seines Kompagnons anerkennen, worauf man sich versöhnt und nach Chicago abreist, um einen Verlag für Lyrik zu gründen.
In einer Feuersbrunst avanciert Luke zum grimmigen Racheengel, der die Prostituierte Lucy vor ihrem Peiniger Jubal Hooker rettet, bevor dann der Fotograf Curley Wilcox in Form seiner Ausrüstung „die Zukunft“ zeigt: keinerlei Cowboy-Romantik mehr, sondern knallharte, auf Profit getrimmte Landnahme ist das Ziel. Figuren wie Luke, Hank und Baldwin haben hier keinen Platz mehr: Baldwin berichtet im Epilog nur noch, dass Lucky Luke verschwunden ist.
80 Jahre Lucky Luke! Das muss gefeiert werden, und zwar nicht nur durch die für November angekündigte Nummer 103 der regulären Reihe (wieder aus der Feder von Achdé und Jul), sondern mit gleich zwei Hommagen. Neben einer Verneigung von Reinhard Kleist und Flix, in der Lucky Luke mit den Gebrüdern Grimm zusammentreffen wird, dürfen Appollo („Die Diebe von Carthago“) und Brüno („Tyler Cross“) ihre ganze eigene Vision vorstellen. Und die hat es in sich: keinerlei Komik, keine Daltons, kein Rantanplan, auch Jolly Jumper sucht man vergeblich – eine eher düster gehaltene Geschichte aus der Zeit, in der Luke erst zu Lucky wurde.
In sieben Episoden, jeweils erzählt aus der Perspektive des Mitreisenden Baldwin Chenier, entfalten Appollo und Brüno anhand der Insassen der Kutsche (wie schon bei John Fords „Ringo“ symbolisch für die ganze Gesellschaft) unterschiedlichste Blickwinkel, wobei der Westen gar nicht romantisch, sondern hart, menschenfeindlich und vor allem brutal erscheint. Den Umgang mit den Ureinwohnern verurteilt Lucky scharf: „Ja, ich kenne die ‚Rothäute‘, wie Sie sie nennen. Sie waren die ersten Bewohner der Prärie, und jetzt vertreibt man sie von dort. Das ist nicht besonders ruhmreich, finde ich.“

Die Motivation hinter der angeblich göttlichen Sendung, der „manifest destiny“, beschreibt der windige Fotograf unverblümt: „So lautet unsere eigentliche Bestimmung: Wir werden das ganze Land, den ganzen Kontinent zu Geld machen!“ Auf seine Aufforderung, in Aktien der Eisenbahngesellschaften zu investieren, kommt Lucky hoffentlich nicht nach, immerhin führte das zu einem der ersten sauberen Crashs in der US-Börsenhistorie. Auch sonst sind die Töne ernst, der sogenannte Fortschritt bricht sich rücksichtslos Bahn, nur manchmal gibt es leichte Anklänge an die Luke-Motive.
Die Optik ist dementsprechend stilisiert, malerische Landschaften im Stile eines Joh Ford wechseln ab mit Winteransichten, die auch Quentin Tarantino in „Hateful Eight“ zelebrierte und damit seinerseits auf den legendären Kinski-Italo-Western „Leichen pflastern seinen Weg“ zurückgriff. Atmosphärische Farbgebung dominiert vor allem die Episode, in der die Prostituierte eigenhändig ihre Arbeitsstelle in Brand setzt: Tiefrot erscheinen die Szenen, in denen Luke auftritt wie eine Mischung aus Hellboy und Preacher.
Somit ein meisterlicher Wurf, an dessen Ende sich die Macher dann einen hintergründigen Scherz erlauben. In einem Zeitungsartikel breitet der berühmte Forscher Sigismund Freudenreich aus, dass Lucky natürlich eine reale Personen gewesen sei, die Morris und Goscinny über die Darstellungen des Autors Baldwin Chenier kennengelernt hätten. Dass die „Dime Novels“ in der Regel reale Figuren wie Billy the Kid, Calamity Jane und Buffalo Bill aufgriffen, deren Taten romantisierten und damit erst den Mythos des Westen schufen, der dann in Hollywoods Leinwandepen kanonisiert wurde, das ist vollkommen richtig.
Ebenso wie der Titel des „Lucky Luke“-Erstlingswerks, das als „Arizona 1880“ 1946 das Licht der Welt erblickte – ob es allerdings tatsächlich eine ganze Dime-Reihe um den Mann, der schneller zieht als sein Schatten, und ein Foto von Lucky, Hank und Baldwin gab, das überlassen wir gerne der Imagination. Denn, so sagt auch Herr Freudenreich in Anlehnung an den Mann, der Liberty Valance erschoss: „Wenn die Legende zur Wahrheit wird, dann drucken wir die Legende!“
Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.
Appollo (Szenarist), Brüno (Zeichner): Lucky Luke Hommage Band 7 – Dakota 1880 • Aus dem Französischen von Klaus Jöken • Egmont, Berlin 2026 • 64 Seiten • 17,00 Euro (HC), 9,99 Euro (SC)
Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.

