Die Gegenwart der Vergangenheit – „Baumschatten“

Ein Baum soll auf einem Berliner Schulhof gefällt werden, und schon gibt es Aktivisten, die sich für diesen Baum interessieren. Um diesen Grundkonflikt hat Joris Bas Backer den Comic „Baumschatten“ gezeichnet, der deutlich macht, wie komplex politisches Engagement sein kann.

Dieser Comic ist eine Liebeserklärung an ein Berlin der Vielfalt, in dem ganz unterschiedliche Menschen aus aller Welt selbstverständlich miteinander leben. Sjonnie van den Bossche zum Beispiel, der seine Tochter Joss allein erzieht. Sjonnie arbeitet bei einem Datingapp-Anbieter. Über diese App datet er selbst immer wieder, setzt auch schon mal erotische Fotos ab, wenn er eigentlich seine Tochter ins Bett bringen sollte. Das sind herrlich humorvolle Szenen, weil da die unterschiedlichen Rollen aufeinanderprallen, die Sjonnie jede für sich voller Leidenschaft ausfüllt.

Und Sjonnie ist noch viel mehr, er ist auch ein Mensch nach einer Geschlechtstransition, einer, der Konflikten eher aus dem Weg geht – und er wird trotzdem zum Aktivisten, denn in der Schule seiner Tochter soll eine alte Eiche gefällt werden. Und diese alte Eiche muss gerettet werden, finden Sjonnie, Joss und vor allem die mit allen Wassern gewaschene Tante Hannie. Schließlich ist jeder Baum fürs Stadtklima gut.

„Baumschatten“ heißt der Comic, und damit ist vor allem der Schatten der Vergangenheit gemeint, der auf dem Schulbaum liegt. Die Liebe zum bedrohten Baum wird deutlich getrübt, als das sogenannte Antifaschistische Baumkollektiv auf den Plan tritt. Denn auf dem Schulhof steht eine Hitler-Eiche, so hat es das Baumkollektiv recherchiert. Eichen galten als Symbol für das Deutsche und Beständigkeit, sie wurden als Denkmal für den Nationalsozialismus gepflanzt. Das Baumkollektiv verlangt, dass die Schule eine Erklärung zur Eiche abgibt. Die Schulleiterin Frau Tröwe will den Baum allerdings möglichst stillschweigend fällen, weil ihr Großvater, ein glühender Nationalsozialist, sie gepflanzt hat. Das birgt schon genug Konfliktstoff – weil alle in einem Kiez unterwegs sind, begegnen sie sich auch noch ständig. Der Gründer des Antifaschistischen Baumkollektivs ist ausgerechnet jener Kamil, mit dem Sjonnie eine ausschweifende Affäre hatte. Und weil die Schulleiterin Tröwe einen Fake-Account bei der Dating-App hat, mischt die auch noch mit. Status: „Es ist kompliziert.“

Joris Backer verbindet diese vielen Handlungsstränge zu einem erstaunlich leichten Gewebe, in dem die Fäden immer wieder an unerwarteten Stellen auftauchen – zum Beispiel wenn Frau Tröwe datet. Und dann erzählt Backer auch sehr bittere Geschichten. Etwa wenn Kamil von seiner Tante spricht, die unter den Nationalsozialisten als People of Color zwangssterilisiert wurde. Backer setzt dem die Geschichte von Sjonnie gegenüber, der sich sterilisieren lassen musste, damit er seinen Geschlechtseintrag ändern konnte. Das war in Deutschland bis zum Jahr 2011 gesetzlich verpflichtend. Sterilisation als eine Parallele des demokratischen Deutschlands zum Nationalsozialismus. Dass die Situation nicht ganz dieselbe ist, liefert der Comic gleich mit. Sjonnie wendet ein, dass er schließlich – anders als Kamils Tante – sein Einverständnis zur Sterilisation gegeben habe. Tante Hanni ist trotzdem empört. Wenn Sjonnie als Mann leben wollte, hatte er keine Wahl.

Verblüffend, dass der Comic bei all den Themen nicht erzählerisch auseinanderfällt. Das hat mit dem Stil des Comics zu tun. Joris Bas Backer zeichnet eine sehr eigene Form der klassisch-französischen Ligne Claire. Die Körper sind voluminös, und die Eiche wuchert so wild wie manche Körperbehaarung. Die klaren Linien hinterlegt er mit warmen Rot- und Brauntönen, die den ganzen Comic wie aus einem Guss wirken lassen. Die Figuren mit all ihren Macken und Vorlieben sind so authentisch gezeichnet, dass sie einem im Kiez tatsächlich über den Weg laufen könnten. „Baumschatten“ ist eine Hommage an das Leben mit seinen bitteren Seiten, den lustig-leichten – und mit all seinen Widersprüchen.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 03.03.2026 auf: radio3 rbb

Joris Bas Backer: Baumschatten • Aus dem Englischen von Christoph Schuler • Edition Moderne, Zürich 2026 • Softcover • 272 Seiten • 26,00 Euro

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.