Es geht um die Wurst – „Haarmann“

Reprodukt hat Peer Meters und Isabel Kreitz‘ Graphic Novel über den Serienkiller Fritz Haarmann, den „Werwolf von Hannover“, neu aufgelegt.

Ein Serienmörder verdrängt das Glück. „Warte, warte nur ein Weilchen …“ ergänzen die meisten vermutlich mit „… dann kommt Haarmann auch zu Dir“. Im Original, einem Operettenlied von Walter Kollo, kam das Glück. Doch sein fröhlicher Text ist weithin vergessen. Dagegen hat sich Fritz Haarmann eingeprägt und genießt noch immer gewisse Berühmtheit – mehr als hundert Jahre nach seinem Tod unter dem Fallbeil. Mindestens 24 junge Männer hat Haarmann ermordet. Schlimmer noch: Der „Werwolf von Hannover“ soll ihr Fleisch zum Verzehr weiterverkauft haben! Kannibalismus stößt ab, aber fasziniert gleichzeitig auf schaurige Weise als der ultimative Tabubruch.

Dieser Schauer des schier Unfassbaren packt auch gleich am Comic „Haarmann“: Als die Behörden auf den ersten Seiten den Fluss Leine in Hannover trockenlegen, treten hunderte Menschenknochen zutage. Verdächtig weiß und sauber sehen sie aus – als sei das Fleisch säuberlich von ihnen abgetrennt worden. Die Leserschaft weiß oder ahnt zumindest, wer und was dahinter steckt. Die Polizei tappt im Dunkeln. Es dauert lange, bis Fritz Haarmann ernstlich in Bedrängnis kommt. Als Spitzel ist er der Polizei äußerst dienlich. Beamte halten ihre schützende Hand über den mehrfach Vorbestraften. Sie ignorieren Hinweise zu Haarmanns Machenschaften oder tun sie als wahnwitzig ab. Aus dem Umfeld des Mörders hört man nämlich auch lobende Worte: Immerhin versorgt er viele Nachbarn mit günstiger, gebrauchter Kleidung und billigem Fleisch, das anderswo unerschwinglich ist.

Mit „Haarmann“ haben Peer Meter und Isabel Kreitz einen astreinen Dokucomic vorgelegt – allerdings schon vor Jahren. Das Impressum besagt zwar „Copyright © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt“. Doch der Band ist schon 2010 weitgehend identisch im Carlsen Verlag erschienen und wurde damals mehrfach ausgezeichnet. Neu ist lediglich das Lektorat, was der Qualität definitiv keinen Abbruch tut. Meter hat ein Händchen für historische Stoffe, wie er beispielsweise schon mit „Gift“ (Reprodukt 2010, mit Barbara Yelin) bewiesen hat. Zwischendurch verliert die Story zwangsläufig ein bisschen an Tempo. Das liegt am zähen Aufklärungsfortschritt, nicht an Meter. Sein historischer Überblick im Anhang rundet den Sachcomic vorbildlich ab, und ein kurzer Vorspann gibt an, wo die Geschichte von bekannten Fakten abweicht. Kreitz zeichnet in „Haarmann“ mit Bravour knubbelige, leicht verschrobene Gesichter, wie sie in alten Filmaufnahmen oder Spielfilmen wie „M“ auftauchen. Ebenso stimmig sind ihre tollen Zeichnungen der Roten Reihe und anderer Gassen in Hannover, die wahrscheinlich historischen Fotos nachempfunden sind.

1925 rollt schließlich Haarmanns Kopf. Zwei Dutzend Morde hat er gestanden, was sicherlich nicht alle waren. Der „Werwolf von Hannover“ räumt selbst ein, dass er den Überblick verloren hat über seine Morde und Opfer: „Dreißich oder sechzich, genau weiß ich das nich meer.“ Doch Fritz Haarmann streitet bis zuletzt ab, jemals das Fleisch seiner Opfer verkauft und verwurstet zu haben, wie das Lied nahelegt: „… mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus Dir.“ Eine andere, tierische Herkunft seiner Schnitzel und Koteletts ließ sich jedoch nie finden.

Isabel Kreitz (Zeichnerin), Peer Meter (Autor): Haarmann • Reprodukt, Berlin 2026 • 176 Seiten • Hardcover • 24 Euro

Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.