True Crime – Die lustvolle Jagd nach dem wirklich Bösen

Bild aus "From Hell" (Cross Cult)

Wahr. Echt. Wirklich. Und brutal. Grausam. Blutrünstig. Wer am Bahnhof seinen Blick über die Zeitschriften schweifen lässt, kommt an True-Crime-Heften nicht vorbei. Wer auf Netflix nicht in seinem Wohlfühl-Algorithmus gefangen ist, wird an True-Crime-Serien wie „Making a Murderer“ nicht vorbeigekommen sein. Welche Spuren hinterlässt der Hype um echte Mörder, echte Opfer und echte Ermittlungen eigentlich im Comic?

Zunächst einmal ist es überhaupt nichts Neues, und auch wenn die Marketingabteilungen von Netflix, Stern Crime und die Medienprofis des Podcast-Kosmos es allzu gern behaupten würden: Die Faszination echter Verbrechen war schon immer enorm, Friedrich Schiller war mit „Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1786) sicher nicht der erste True-Crime-Autor, aber ein prominenter.

Heute stehen verschiedene (semi-)dokumentarische oder fiktionale oder auch an der Detektion sich beteiligende Formate nebeneinander: In der HBO-Serie „The Jinx“ hat das Finale zur Verhaftung von Robert Durst, Mörder des Verdächtigten, geführt, weil dieser in der Doku-Serie versehentlich ein Geständnis abgab. Zeitschriften, Romane, Filme, Serien, Podcasts – in allen Medien grassiert der Hype um wahre Verbrechen, und wenig überraschend ist, dass es auch eine ganze Reihe von Comics gibt.

„Aktenzeichen XY ungelöst“ (© ZDF)

Was ist True Crime?

True Crime ist eine medienunabhängige Spielart von Kriminalformaten, in deren Zentrum ein Verbrechen und die Ermittlung stehen. Während die Täter „prominente“ Serienkiller (Jack the Ripper, Zodiac Killer etc.) sein können, ist es charakteristisch für das Genre, dass die Opfer hingegen Menschen sind wie du und ich, keine Popstars oder Politiker: Anscheinend besteht ein Reiz darin, dass wir als Leser*innen jederzeit Opfer eines solchen Verbrechens werden können.

Als ich als Kind der 1980er Jahre das Fernsehabendprogramm entdeckte und mit meinen Eltern im Monatsrhythmus „Aktenzeichen XY ungelöst“ mit Eduard Zimmermann schaute, jener TV-Ikone der partizipativen Kriminalistik, haben mich die schauspielerisch mäßig nachgestellten Verbrechen und die folgenden Fahndungsaufrufe fasziniert. Erkenne ich meinen Nachbarn? Meine Lehrerin? Meine Eltern? Eine Art frühes Fernsehen 2.0, an dem die Zuschauer*innen aktiv teilhaben konnten: Mitmachen statt Mitleiden. Man ermittelt als Zuschauer*in an der Seite der Ermittler*innen und trägt scheinbar zur Aufklärung bei, als eine Art Mitglied einer ortsunabhängigen Spezialeinheit, die in Online-Foren ermittelt und zugleich als Jury im Prozess urteilt. Das Genre muss sich den Vorwurf gefallen lassen, echtes Leid in ebenso echte Unterhaltung zu verwandeln – und dabei eine voyeuristische Lust zu befriedigen. Aber: Interessante True-Crime-Formate bedienen diese Lust nicht nur, sondern setzen sich mit dieser Schattenseite auseinander. Wie bei allen Genres gibt es triviale Erzählungen ebenso wie komplexe.

„Crime Does Not Pay“ #42 (1945)

True Crime in Comics der 1940er und 1950er Jahre

Hat schon Chester Gould, Schöpfer des Crime-Comic-Klassikers „Dick Tracy“ (seit 1931), sich um Authentizität bemüht, indem er etwa sich von einem pensionierten Polizisten beraten ließ, hat die Serie sich doch als crime fiction verkauft, nicht als True Crime. Vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Superhelden ausgedient schienen, boomten neue Genres, darunter auch Crime Comics. Insbesondere die Serie „Crime Does not Pay“ (1942-55) tat sich hervor. Diese warb ausdrücklich mit dem Hinweis, die erzählten Straftaten (und Ermittlungen) seien nichts anderes als „true“. Zur Beglaubigung dienten Skizzen des Tatorts, die an gerichtsfeste Rekonstruktionen von Abläufen erinnern mögen. Zahlreiche Nachahmer, darunter auch „Western True Crimes“ (1948), „Real Clue Crime Stories“ (1947-53), „Headline Comics – Crime Never Pays“ (1947), „Justice Trap the Guilty“ (1947-58); oder die EC-Serien „War Against Crime“ (1948-50) und „Crime Patrol“ (1948-50) fanden ein Publikum für ihre echten Kriminalfälle.

Die monatlich erscheinende Marvel-Serie „All-True Crime“ (1948-51), die 27 Ausgaben umfasste, änderte die Namen der Unschuldigen, berichtete aber wahre Kriminalfälle, wie eingangs jeder Ausgabe betont wurde. Dabei standen mal die Ermittlungen im Vordergrund, oft aber folgen wir mit Gänsehaut der Perspektive des Täters.

Den moralischen Lehrsatz trugen viele Serien entweder plakativ im Titel, in den Kopfzeilen der einzelnen Seiten („Crime can’t win“) oder formulierten die justizoptimistische Perspektive in den letzten Panels, in denen ebenso unermüdlich wie gleichsam ermüdend die pädagogisch wertvolle Überlegenheit der Gesetzeshüter beschworen wurde: „Criminals are never safe! They always pay the full penalty for their crimes.“ Das Konzept erforderte natürlich, dass nur erfolgreich abgeschlossene Kriminalfälle als Material für diese Serien taugten.

„Green River Killer“ (Carlsen)

Der detektionistische Optimismus (und die gähnende Langeweile) dieser Serien wurde spätestens durch den Comics Code 1954 jäh beendet. Die Einschränkungen der Darstellungen von Gewalt in Comics trafen neben dem Horrorgenre am stärksten die Kriminal-Comics: Details der Verbrechen durften fortan nicht mehr dargestellt werden, und sogar der Titel-Schriftzug „Crime“ wurde streng reglementiert. Das True-Crime-Genre verschwand vom Markt. Litten die Comics schon unter der Prämisse, die Verbrecher als notorisch unterlegen darzustellen, profitierten sie immerhin noch davon, die Täter mit einem Hauch von stiller Bewunderung zu begleiten.

Serienkiller als Stars

Hinterlassen diese Comics stets eine heile Welt, frei von Verbrechen, voll von guten Ratschlägen, geht doch weitaus mehr Faszination von ungelösten Fällen aus. Dies gilt für den in den 1960ern mordenden Zodiac-Killer wie auch für den Cleveland-Torso-Mörder, dem Brian Michael Bendis mit „Torso“ (1998/99) ein wenig lesenswertes Denkmal schuf. Überhaupt bekommen Serienkiller, auch die überführten, tragischerweise oft die Aufmerksamkeit, die sie anstreben – Jeff Jensen und Jonathan Case haben sich in „Green River Killer“ (2011) ebenso einem amerikanischen Serienmörder gewidmet wie John Backderf in „My friend Dahmer“ (2012). Die beiden könnten Comics dabei kaum unterschiedlicher sein. Betätigt der Leser bei Jensen/Case sich als Ko-Ermittler, folgen wir Backderf, wie er die bizarre Jugend des späteren Serienmörders Jeffrey Dahmer begleitet. Beide hatten übrigens persönliche Beziehungen zu den Tätern: John Backderf war tatsächlich Dahmers Klassenkamerad, Jeff Jensens Vater leitete die Ermittlungen gegen Dahmer. Für „My friend Dahmer“ erhielt er 2012 einen Eisner Award.

Grüße aus der Hölle: „From Hell“

Niemand aber hat einen prominenteren True-Crime-Comic geschrieben als Alan Moore und Eddie Campbell: In „From Hell“ (1989-98) schildern sie die fünf Whitechapel-Morde des Jahres 1888, die Jack the Ripper zugeschrieben werden.

„From Hell“ (Cross Cult)

Moore folgt in seiner so bedächtig wie aufregend erzählten Geschichte den Argumenten von Stephen Knight, dessen Sachbuch „The Final Solution“ (1976) den prominenten Arzt William Gull für die Morde verantwortlich machte und eine Verwicklung des Königshauses nahelegte. Die Morde dienten, so Knights sehr kühne These, der Vertuschung eines nicht-standesgemäßen Kindes von Prinz Edward.

In einem Anhang reflektieren Moore und Campbell den bisherigen Stand der Ripperologie, den Kult um die widerstreitenden und waghalsigen Spekulationen, sie schildern die Sachbücher schreibenden Ermittler als tänzelnde Spieler – und sehen „From Hell“ so auch nicht als Bestandteil einer Ermittlung, sondern als Teilhabe an einer gemeinsamen Erzählung: „Perhaps this is the purpose of all art, all writing, on the murder, fiction and nonfiction: simply to participate.”

Überhaupt ist der Anhang eine sehr hellsichtige Analyse des Rummels um aufsehenerregende Morde, die sich ganz der massenmedialen Aufmerksamkeitsökonomie verpflichtet haben: je mehr, desto besser. Moore und Campbell interpretieren Jack the Ripper als vieldeutiges Symbol, als Vorausdeutung des gewaltsamen 20. Jahrhunderts, als Chiffre für gesellschaftliche Ängste: „Truth is, this has never been about the murders, not the killer nor his victims. It’s about us. About our minds and how they dance. Jack mirrors our hysterias. Faceless, he is the receptacle for each new social panic.”

Einen deutschen Alan Moore gibt es nicht, deutsche Serienmörder aber sehr wohl. Der Szenarist Peer Meter hat sich in seiner sogenannten „Serienmörder-Trilogie“ drei deutschen Tätern gewidmet: „Haarmann“, „Gift“ und „Vasmers Bruder“.

„Haarmann“ (Carlsen)

Peer Meters Serienmörder-Trilogie

Meters Comic-Karriere ist geprägt von seinen Comics über wahre Mörder. Sein Debüt über den Hannoveraner Mörder Haarmann legte er 1990er mit Zeichner Christian Gorny vor, es erschien aber nur der erste von drei Bänden. Peer Meter erinnert zurück: „Ja, der Christian. Das ist eigentlich eine sehr traurige Geschichte. Ihm ist damals, ich muss es leider so deutlich sagen, der unerwartete Erfolg von unserem Haarmann böse zu Kopfe gestiegen. Er hat sich selbst um so wahnsinnig viel gebracht. Und es macht mich auch heute noch sehr betroffen, dass ein so außergewöhnliches Talent wie Christian Gorny für den Comic und ganz speziell für den deutschen Comic auf so unglaublich törichte Weise verlorengegangen ist. Ich bin fest überzeugt, hätten wir damals den Verlockungen des Carlsen-Verlages widerstanden und uns auf eine einbändige 150 Seiten umfassende Ausgabe konzentriert, dieser Haarmann würde heute international dank Christians Artwork als einer der großen Meilensteine in der Entwicklungsgeschichte der Graphic Novel stehen.“

Meter zog sich nach dieser Erfahrung aus der Comicszene zurück und kehrte erst 2010 mit Zeichnerin Barbara Yelin an der Seite und „Gift“ (Reprodukt), einem Comic über die Bremer Serienmörderin Gesche Gottfried, zurück. Im Zentrum steht kaum die Mörderin selbst, die fünfzehn Freunde und Verwandte um die Ecke brachte, sondern die gesellschaftlichen Umstände, die einer Aufklärung im Wege standen. Meter erzählt durch die Augen einer sich zurückerinnernden Beobachterin, die in Bremen die gleiche engstirnige Misogynie vorfindet wie die Giftmörderin Gesche Gottfried in den 1820er Jahren.

„Mir geht es in erster Linie um die Gesellschaft, die solche Verbrechen ermöglicht hat. Es bleibt geradezu erschreckend zu sehen, wie eine ganze Gesellschaft wegschaut anstatt einzugreifen und hinterher klägliche Versuche unternimmt, zu vertuschen, dass jene Mordserien in einem sehr frühen Stadium hätten aufgedeckt werden können, ja müssen.“ Meter, der den Fall auch journalistisch aufgearbeitet hat, schreibt nicht an den überlieferten Gerichtsprotokollen entlang, sondern nimmt sich dramaturgische Freiheiten: „Nur die historischen Fakten runterzuleiern, wäre tödlich langweilig. Man muss immer versuchen, über eine dichterische Umsetzung zum Kern der Sache vorzudringen. Daher stehen in den drei Graphic Novels ja auch die jeweilige Stadt und ihre Bewohner stark im Vordergrund.“

„Gift“ (Reprodukt)

Im selben Jahr, 2010, erscheint bei Carlsen der zweite Teil der Serienmörder-Trilogie, „Haarmann“, aber nicht mehr mit Christian Gorny. Gemeinsam mit Isabel Kreitz ist Meter das Projekt erneut angegangen, diesmal mit größerem Erfolg: 2012 wurde der Comic für den Max-und-Moritz-Preis nominiert, und Kreitz erhielt für ihre Arbeit den Preis als beste Künstlerin. In dieser Geschichte um Fritz Haarmann, der seine Opfer zerstückelte und das Fleisch günstig an Leichtgläubige verkaufte, stellt Meter die hilf- und ahnungslose Polizei bloß, die aus politischen Gründen wenig Interesse daran hatte, den für sie arbeitenden Fritz Haarmann zu überführen.

Meters Abschluss der Serienmörder-Trilogie, „Vasmers Bruder“ (Carlsen 2014), gezeichnet von David von Bassewitz, fiktionalisiert die historisch verbürgten Ereignisse noch weitgehender als Gift und Haarmann. Im Zentrum der Handlung vermutet man den mindestens 42-fachen Mörder Karl Denke, allerdings erfahren wir wenig über die Umstände, über den Täter, noch weniger über seine Opfer. Mehr interessiert Meter die Faszinationskraft Denkes, sein Nachleben, das sich in einem obskuren Hobby-Ermittler, der seinem Leben nachspürt, manifestiert. Auf diese Weise reflektiert Meter sehr anschaulich, wie die düstere Faszination des Schreckens jede Aufklärungsarbeit unmöglich macht – hier darf man gern an Alan Moores Anhang zu „From Hell“ zurückdenken.

Meters nächstes Projekt wird sich einem freundlicheren Thema widmen: Sein Beethoven-Comic Unsterbliches Genie, gezeichnet von Rem Broo, erschien im März 2020 bei Carlsen. Beethoven ist tot, aber ohne Verbrechen. Lungenentzündung.

True Crime heute?

Das True-Crime-Phänomen, dessen Konjunktur in den Feuilletons seit 2018 immer wieder beschworen wird, hat im Comic seitdem offenbar noch keine neuen Impulse ausgelöst. Das wird aber sicherlich nicht so bleiben. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Trend sich von den Podcasts, Zeitschriften und TV-Serien sich auch im Comic bemerkbar macht. Augen auf!

Dieser Beitrag erschien zuerst im Frühjahr 2020 in: Comixene #134

Gerrit Lungershausen, geboren 1979 als Gerrit Lembke, hat in Kiel Literatur- und Medienwissenschaften studiert und wurde 2016 promoviert. Er hat Bücher über Walter Moers, Actionkino und den Deutschen Buchpreis herausgegeben. 2014 hat er zusammen mit anderen das e-Journal Closure gegründet und ist bis heute Mitherausgeber. Derzeit lebt er in Mainz und schreibt für Comicgate und die Comixene. An der TU Hamburg-Harburg unterrichtet er Comic-Forschung.