Mit Dornröschen in der Prärie – „Lucky Luke Hommage: Die Grimm Brothers“

Im achten „Lucky Luke Hommage“-Band treffen die Gebrüder Grimm auf die Daltons. Inszeniert wurde die Culture-Clash-Komödie von Flix und Reinhard Kleist.

Once upon a time in the West, möchte man fast sagen: Zwei Greenhorns aus Deutschland namens Jacob und Wilhelm Grimm kommen auf dem Bahnhof an. Ihr Ziel: eine Lesereise mit ihrer Sammlung deutscher Volksmärchen. Doch sind sie viel zu früh ausgestiegen, und so bietet sich Lucky Luke an, die beiden in die nächste Stadt zu bringen. Die Auftritte in den Saloons (die die Grimms eigentlich eher als Salons vermutet hatten) geraten zum Fiasko, die Zuhörer fliehen in Scharen. Da verfallen die Grimms auf die Idee, dass es vielleicht am Lokalkolorit liegt, suchen wie in der Heimat eine alte Dame, die ihren Kindern mündlich überlieferte Geschichten erzählt – und landen bei Ma Dalton, die ihre Chance wittert.

Ein weiterer Band aus der Lucky-Luke-Hommage-Reihe, in dem das deutsche Team Flix und Reinhard Kleist einen ganz neuen Blick auf die Morris-Figur wirft. Flix, seit „Spirou in Berlin“ und „Das Humboldt-Tier“ an franko-belgischen Ikonen erprobt, brennt hier ein Gag-Feuerwerk ab, das einem klassischen Asterix-Band zur Ehre gereichen würde. Die Grimms sind typische Greenhorns, die ihre korrekte deutsche Art standhaft auf den Westen zu übertragen suchen (bevor man irgendetwas macht, muss es Abendbrot geben) und permanent betonen, dass sie keinerlei Märchen geschrieben haben, sondern lediglich sammeln: „Wir sind ja nicht Hans Christian Andersen!“, so der Running Gag, der am Ende fein aufgenommen wird, als Jacob Grimm zum Entsetzen seines Bruders beginnt, die „Geschichte eines einsamen Kuhjungen“ aufzuschreiben, „der sehr weit weg von zu Hause“ ist.

Viele Grimmsche Märchen-Motive werden gestreut: Jolly Jumper äußert sich nach einem Sturz in verschiedensten Tiersprachen, was ein Arzt in New Bremen als „Stadtmusikantitis“ diagnostiziert, die im Finale dazu führt, dass Luckys Ross wie weiland die Stadtmusikanten die Lumpensöhne vertreibt. Ein Grimm empfiehlt Lucky, sich für den Rückweg eine Spur aus Steinchen zu legen, „nicht aus Brotkrumen“. Die Märchenmotivik steht auch im Mittelpunkt einer zentralen Albtraumsequenz, in der ein delirierender Lucky allerlei Figuren der Grimms begegnet, von Rotkäppchen über Hänsel und Gretel bis hin zum Schneewittchen. In dieser in Mitternachtsblau gehaltenen Episode zeigt sich auch der gestalterische Anspruch des Biografie-Routiniers Reinhard Kleist, der nach eigenen Worten die expressive Farbgebung der frühen Morris-Alben aufleben lassen wollte (was an vielen anderen Stellen ebenfalls aufblitzt, etwa in pastellfarbigen Prärie-Ansichten). Aber auch einige Seitenhiebe ganz im Geiste der Tagespolitik eines Asterix erlaubt sich Flix: Als die Daltons von den Grimm-Brüdern zum Einkaufen geschickt werden, gehen sie mehrfach zu einem glatzerten Händler, dessen Geschäft „Alleskauf J. Bezos“ heißt.

„Die Grimm Brothers“ ist ein überaus gelungener Hommage-Band, in dem Kleist und Flix sehr gewitzt die franko-belgische Comic-Kunst, Wildwest-Mythen und deutsche Kultur vermengen. Übrigens waren die Grimmschen Märchen in Deutschland zunächst ein Flop – bis sie Grimm-Bruder Ludwig Emil mit seinen Illustrationen verschönerte. Bilder helfen eben immer. Neben den regulären SC- und HC-Editionen ist auch eine Vorzugsausgabe mit signiertem Print und ausführlichem Bonusmaterial erhältlich.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Flix (Szenarist), Reinhard Kleist (Zeichner): Lucky Luke Hommage Band 8 – Die Grimm Brothers • Egmont, Berlin 2026 • 48 Seiten • 17,00 Euro (HC), 9,99 Euro (SC)

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.