Hans Namuth und Georg Reisner haben als Fotografen und Kriegsberichterstatter den Spanischen Bürgerkrieg dokumentiert. Ihre Aufnahmen erschienen in führenden europäischen Zeitungen und Magazinen und haben Geschichte geschrieben. Der Sachcomic „Kriegsfotografen“ zeigt ihre dramatische Flucht vor den Nazis und den Zerfall Europas.
„Sobald sie uns finden, töten sie uns“, befürchtet einer der drei Männer, „es sieht schlecht für uns aus.“ Draußen tobt der Bürgerkrieg, der Spanien seit rund sechs Wochen in ein blutiges Chaos stürzt. Es ist September 1936. Die drei Männer haben sich im Dorf Cerro Muriano in einen Tunnel verkrochen, um den Gewehrsalven der Faschisten zu entgehen. Am Tunneleingang schlagen unablässig Kugeln ein. „Die Ratio kommt nicht gegen die Angst an. Sie bezwingt alle Gedanken und Gewissheiten“, vermerkt einer der drei. Ihre Nerven liegen blank.
Zusammengekauert harren die deutschen Fotografen Hans Namuth und Georg Reisner und der österreichische Soziologe Franz Borkenau drei Stunden unter Dauerbeschuss in dem Tunnel aus. Dann rennen sie ins Freie, hetzen kopflos durch den Kugelhagel, aber entkommen unbeschadet. „Diesmal war es wirklich knapp“, sagt Namuth. Um ihn, seinen Kollegen Georg Reisner und ihre Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) dreht sich der starke Sachcomic „Kriegsfotografen“. Das Buch fängt mit dem Ende an: Im April 1941 hat Namuth mehrere Internierungslager hinter sich und fast ein Jahr in der Fremdenlegion, als er ein Visum für die USA erhält. Der Antifaschist wandert aus. Er fasst zwei Vorsätze: „Deutschland verachten“ und „Niemals vergessen“. Auch nicht seinen Freund, Wegbegleiter und Fotografie-Lehrmeister Hans Reisner. Der ist da bereits tot.

Die beiden lernen sich 1935 in Paris kennen. Dorthin ist Namuth geflohen, nachdem er 1933 in Deutschland aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die Nazis hatten ihn wegen der Verbreitung „aufrührerischer Schriften“ eingesperrt. Reisner, Jude und Sozialist, hat Deutschland ebenfalls 1933 verlassen. Er ahnte, welch finstere Zeiten aufziehen. Reisner bringt Namuth das Fotografieren bei. Sie werden Freunde und lichten im Team zunächst betuchte Touristen auf Mallorca ab. 1936 schickt sie das moderne, linke französische Magazin „Vu“ nach Barcelona. Da soll am 19. Juli die „Volksolympiade“ beginnen, eine proletarische, pazifistische und antifaschistische Gegenveranstaltung zur Olympiade in Nazi-Deutschland. 23 Delegationen mit 6000 Athletinnen und Athleten reisen nach Barcelona an! Doch einen Tag vor der Eröffnung bricht der Bürgerkrieg aus, der weit über Spanien hinaus Wirkung entfaltet: Der politische Konflikt zwischen Nazis und anderen Faschisten auf der einen Seite und Kommunisten und Sozialisten auf der anderen hält Europa seit Längerem in Atem. Jetzt schlägt die Stunde der Waffen. Der Kontinent taumelt. Mit Spanien könnte eine weitere Nation an die Faschisten fallen. Nun droht Europa vollends zu kippen. Auf beiden Seiten beteiligen sich internationale Verbände an den Kämpfen.
Zeichner Titwane (Pierre-Antoine Thierry) verleiht dem schweren Thema, ohne zu beschönigen, eine sachte Luftigkeit. Seine teils dreifarbige Grafik mit Tusche und Aquarell ist akkurat, aber gleichzeitig locker und stimmungsvoll. Doppelseitige Zeichnungen, Motivcollagen, frei schwebende Figuren und andere Stilmittel sorgen für einen wunderbaren visuellen Fluss. Auf Französisch liegen mehrere Dokucomics von Titwane vor. Für sein Porträt des Treibens an Bord des Flugzeugträgers „Charles de Gaulle“ hat er allein eine Auszeichnung erhalten, für Werke zusammen mit Szenarist Raynal Pellicer noch zwei weitere.
Pellicers Szenario von „Kriegsfotografen“ bewegt sich geschickt zwischen Erzählen und Dokumentieren. Außerdem wählt der Fernsehregisseur, der viele Dokumentarfilme und Beiträge zu TV-Magazinen gedreht hat, einen angenehmen Ton ohne übertriebene Gefühlsduselei. Ebenso verzichtet er darauf, seine Protagonisten zu verherrlichen.
„Kriegsreporter“ vermittelt sehr solides Grundwissen. Es wäre auch vermessen zu erwarten, dass ein 150-Seiten-Sachcomic die Bedeutung und Emotionalität des Spanischen Bürgerkriegs vollständig widerspiegelt. Andererseits ist „Kriegsfotografen“ mehr als ein Teaser, sich ausführlicher mit diesem Zeitkapitel zu beschäftigen – mit einem Bürgerkrieg am Scheideweg Europas vor dem Zweiten Weltkrieg. Zurückhaltend transportiert der Band auch Action, Kritik und Dramatik. Er gibt oft zu denken. Georg Reisner ist nicht nur Jude und Sozialist, sondern auch schwul. Die anrückenden Nazis bedeuten den sicheren Tod. Reisner fürchtet sie und um sein Leben. Diese Angst zermürbt ihn. Er fällt in eine tiefe Depression, schluckt 1940 in Marseille eine Überdosis Schlaftabletten und stirbt am 21. Dezember. Wenige Tage davor notiert er: „Der Faschismus ist eine Maschine, die Völker zerreibt.“ Und Menschen zerstört.
Raynal Pellicer (Szenarist), Titwane (Zeichner): Kriegsfotografen – Hans Namuth und Georg Reisner 1936-1940 • Aus dem Französischen von Hanna Reininger • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 152 Seiten • 29,80 Euro
Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.

