Émilie Tronches Animationsfilm „Samuel“ ist ein Zusammenschnitt ihrer 21-teiligen gleichnamigen Kurzfilm-Reihe, in der humorvoll und feinfühlig das Leben eines Jungen kurz vor der Pubertät beleuchtet wird. Beide sind in der Arte-Mediathek zu sehen.
„Ich bin Samuel, zehn Jahre alt und habe ein Problem. Aber ich will nicht wirklich darüber reden.“ Mit diesen Worten beginnt der junge Titelheld in Émilie Tronches tragikomischem Animationsfilm „Samuel“ seine Aufzeichnungen über seinen Liebeskummer und über alles, was damit zusammenhängt. Während sich die Buchstaben auf dem weißen Papier zu Wörtern und Sätzen verbinden, hört man synchron dazu seine Stimme (Cornelia Gröschel in der deutschen Fassung) aus dem Off. Dabei redet Samuel ziemlich schnell und eintönig. Das klingt ein wenig desillusioniert, fast resignativ und verleiht dem aus 21 kurzen Episoden bestehenden Film eine melancholische Note. Das Vergebliche und das Vergängliche grundieren Samuels gewitzte Aufschriebe, in denen er mit sich selbst spricht, indem er sich an ein imaginäres Gegenüber richtet. Seinem Tagebuch vertraut er an, was er keinem anderen sagen kann. So wird das Schreiben bereits für den Grundschüler zu einem Seelentröster: „Manchmal schreibe ich echt schöne Sachen. Schade, dass sie keiner liest.“

„Im Leben gibt es mehr schlechte als gute Dinge“, notiert Samuel in typisch lakonischem Tonfall gleich zu Beginn in seine Kladde. Zwar hat der grüblerische Einzelgänger mit seinem Hang zu Weltschmerz und Selbstmitleid einen besten Freund namens Corentin; in seinem erfolgsverwöhnten und allseits beliebten Mitschüler Dimitri aber auch einen schlimmen Feind und Nebenbuhler. Denn nicht nur Samuel ist, was keiner wissen darf, in die „große Julie“ verliebt, sondern auch Dimitri wirbt um das Mädchen, das sich im Grunde lieber nicht verlieben möchte – weil man dann „jemand anderes sein muss“. Und schließlich ist da noch Bérénice, die wiederum ziemlich unverhohlen und direkt dem schüchternen Jungen, der fast nie lächelt, aber tanzt, wenn er glücklich ist, Avancen macht. „Warum sind Menschen, die sich lieben, immer ein bisschen gleich?“, fragt Samuel nachdenklich.
Die junge französische Animationsfilmerin Émilie Tronche hat die 21 Folgen ihrer beliebten, traurig-schönen Serie jetzt zu einem abendfüllenden Film zusammengefasst. Die minimalistische Handlung, die emotional immer wieder durch stimmungsvolle Musik zugespitzt wird, sowie die einfache Schwarzweißzeichnung, die weitgehend auf Hintergründe verzichtet, schaffen eine sehr gegenwärtige Dringlichkeit für die um Liebe, Ängste, Träume und schulische Ereignisse kreisenden Erinnerungen des jungen Helden. Ohne Abschweifung und oft sehr direkt entsteht aus der schlichten, markanten Zeichnung, in die an wenigen Stellen Realfilmschnipsel (etwa ein Feuerwerk) eingearbeitet sind, eine poetische Kunst; sowie die Lebensweisheit eines Kindes, das allmählich erwachsen wird, während die Grundschulzeit endet und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. In seinen Verwirrungen und Liebesnöten tröstet sich Samuel schließlich selbst: „Auf eine traurige Sache folgt immer eine weitere, dann kommt hoffentlich was Gutes.“
Die Langfassung sowie die 21-teilige Serie sind bis zum 7. Februar 2027 in der Arte-Mediathek verfügbar.
Samuel
Frankreich/Spanien 2024 – 92 Min.
Regie: Émilie Tronche – Drehbuch: Émilie Tronche – Produktion: Damien Megherbi, Jutsin Pechberty, Pablo Jordi – Montage: Jérôme Bréau – Musik: David Imbault – Dt. Erstaufführung: 23.05.2025 (Arte)
Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.
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