Genehm, Mutter – „Ich bin ein verlorener Engel“

Jordi Lafebre hat seinem vielgelobten Krimi „Ich bin ihr Schweigen“ eine Fortsetzung spendiert. Die verrennt sich heillos im Bemühen, der Hauptfigur ganz viel Biografie unterzuschieben.

Spontan habe ich natürlich gejubelt: Einer meiner Lieblingscomics der letzten Jahre bekommt ein Sequel: „Ich bin ihr Schweigen“ hieß das originelle Album, das mich vor zwei Jahren restlos begeisterte. Ich hatte sogar angedeutet, dass eine Fortführung möglich wäre, denn Autor und Zeichner Jordi Lafebre hatte uns wundervolle Figuren aufgestellt, alle voran seine Protagonistin Eva Rojas, die mich mit ihren ungebremsten Tatendrang verzückt hatte.

Und was passiert nun, „ein Jahr und fünf Monate später“? Wieder ist Eva in ein Verbrechen verwickelt, wieder muss sie sich mit ihrem Psychiater Doktor Llull, der Kommissarin Alemany und Inspektor Garcia auseinandersetzen – aber anstatt die Handlung voranzutreiben, verschwendet Lafebre fast das komplette Album, um seine Figur psychologisch zu sezieren. Langweilig, interessiert mich nicht.

Die Handlung in kurzen Worten (damit ich in langen die Machart des Comics kritisieren kann): Auf einer Baustelle in Barcelona wird der Schläger Riqui tot aufgefunden, als Augenzeugin stellt sich Eva (die den Tathergang zu kennen scheint) der Polizei zur Verfügung. In der Praxis von Dr. Llull beginnt ein Verhör, welches Eva mit dauernden Abschweifungen in die Länge zieht.

Ein Klient von Eva, das Fußballtalent Joao, ist verschwunden und sein Verein bzw. dessen Direktor besteht darauf, dass Eva ihn baldmöglichst wieder herbeischafft:

Eva weiß nicht, wie sie das anstellen soll, fragt den Polizisten Garcia um Rat, checkt Joaos Wohnung und seine Freunde ab, geht tanzen, trifft die Exfreundin des Fußballers, findet keine Spur, aber kann schließlich sein Smartphone orten und begibt sich auf einen Straßenstrich, wo Joao gesehen worden sein soll. Hier sind wir auf Seite 57 (von 109) und ich langweile mich redlich.

Dann kommt heraus, dass die Damen durch eine Neonazi-Schlägertruppe vertrieben werden sollen und es sogar einen Todesfall gegeben hat. Eva muss sich daraufhin mit Garcia und einem Kenner der Prostituiertenszene treffen und beraten, einen One-Night-Stand mit dem Inspektor haben und darüber wiederum mit ihrem Psychiater reden – vor den Ohren des Betroffenen.

Lustig, oder? Nein, öde. Mir kommt dieser zweite Band wie das Storyboard zu einem Film vor. In bewegten Bildern kommt solche Dialogcomedy besser zum Tragen, in der Ausführung als Comic wirkt es statisch und repetitiv.

Dann endlich, endlich: Auf Seite 70 ereignet sich die erste Szene, die den Geist des ersten Albums transportiert. Hier ist die kreativ irre Eva, die ungebremst drauflosstürmt und die Verhältnisse zum Tanzen bringt:

Auch wenn ab nun die Geschichte Fahrt aufnimmt, hat „Ich bin ein verlorener Engel“ nichts vom Schwung des Vorläuferalbums. Wo das erste Abenteuer rasant nach vorn preschte, tritt das neue auf der Stelle und verliert sich in herkömmlichen Reflexionen über transgenerationale Traumata und die gestörte Beziehung zur Mutter.

Maria Rojas tritt neu ins Ensemble, ist jedoch nichts weiter als die ältere Version ihrer Tochter und lebt in einer psychiatrischen Klinik.

Maria und Eva teilen die gleiche Halluzination: Beide sehen und hören verstorbene weibliche Mitglieder ihrer Familie. Im ersten Band waren das zwei Großtanten sowie Evas Großmutter, nun wird eine Tante durch Marias Mutter (Evas Urgroßmutter) abgelöst. Die ist die Karikatur einer erzkonservativen und strenggläubigen Seniorin und sorgt den Band hindurch für tadelnde Kommentare, meist zu Evas modernem Lebensstil. Das schafft zwar eine nette Fallhöhe, ist aber auch ein durchsichtiges und plumpes Gagmuster.

Bei der Gelegenheit sei bemerkt, dass das Mitwirken der Mutter (die Eva im Kindesalter im Stich lässt) keine großen Früchte trägt: Maria wird uns als psychisch belastet vorgestellt, dann sehen wir sie am Ende aus der Klinik ausbrechen. Das war’s. Vielleicht läuft sich diese Figur warm für einen größeren Auftritt im geplanten dritten Band. Aber hier tut sie nichts zur Sache – außer ihre Tochter zu analysieren. Gut, jetzt bin ich wahrscheinlich überkritisch, lassen wir diesem Charakter doch seine zehn Seiten. Ich bin nur kratzig, weil mir generell zu wenig passiert.

Die Ahninnen sind mir desgleichen auf die Nerven gegangen. Die bekommen ebenfalls viel Raum (mehr als zuvor), stehen oft immergleich mit verschränkten Armen im Bild herum und geben dumme Sprüche von sich. In folgender Sequenz sind sie am aktivsten, und wir begreifen, dass sie es sind, die Eva antreiben:

Aber das dem so ist, wird schnell klar – müssen sie dann 32 Mal in Erscheinung treten? (Ja, ich hab’s gezählt.)

Es ist ja begrüßenswert, dass Autor Lafebre mit „Ich bin ein verlorener Engel“ Stellung beziehen möchte gegen den virulenten spanischen Neofaschismus und drei Nazihooligans zu den gesuchten Tätern macht. Dass dies allerdings drei ausgemachte Dummbatzen aus der Klischeeschublade sind, ist mir zu dürftig. Hier stehen sie durchtätowiert und begriffsstutzig in ihrer Fitnessbude:

Auch irritiert hat mich ein szenischer Exkurs zur Großtante. Auf zwei Seiten präsentiert sich uns ihre Backstory sowie ihr Ableben. Ana Rojas liegt im Spanischen Bürgerkrieg mit einem Frauenkommando im Feld, plötzlich geht die Schießerei los. Was macht sie angesichts des Todes? Erhebt sich und stirbt aufrecht, wobei sie Lorca deklamiert:

Hier scheint mir Lafebre bildmotivisch das berühmte Foto des sterbenden Revolutionskämpfers zu zitieren („Pourquoi? Why? Warum?“), noch dazu muss man wissen, dass der Dichter Federico Garcia Lorca als Legende des antifaschistischen Widerstands gilt. In meinen Augen eine überpathetische Inszenierung. Was hat die Frau davon, sich erschießen zu lassen?! Kriegt doch keine Seele mit – außer uns, die wir diesen Comic lesen und uns wundern, weil wir diese Figur bewundern sollen. Ich finde, in solchen Momenten gehen Lafebre die Gäule durch und er bewegt sich weit weg von der Kernerzählung, um ein Statement abzuladen. Dann gib uns die Graphic Novel über dieses Frauenkommando im Spanischen Bürgerkrieg, könnte ich mir spannend vorstellen. Ein ähnlich gelagerter Stoff erscheint in Kürze auch in deutscher Übersetzung: „Die Blaue Schwadron, 1945“.

Tschuldigung, zurück zur Sache. Lafebre erzählt mir nicht straff genug und verlässt sich auf die Drolligkeit seiner Figuren, ohne sie ins Agieren kommen zu lassen. Kommissarin Alemany sitzt nur rum, Doktor Llull mahnt und macht sich Sorgen, Inspektor Garcia spricht Warnungen aus (und verbringt eine Nacht mit Eva) – alle Aktivität liegt ausschließlich bei unserer Protagonistin, und die wird auch noch in langatmigen Rückblenden berichtet.

Am Ende haben wir einen Riesenbogen geschlagen, um zu erfahren, wie Riqui gestorben und wo Joao abgeblieben ist. Eva konnte ihre psycho-manipulativen Fähigkeiten ausspielen und erneut die Arbeit der Polizei in den Schatten stellen – aber was hab ich zwischendrin Däumchen gedreht! Das Finale auf einem Baukran ist spektakulär, die Verstrickungen des Fußballvereins in die Hooligan-Machenschaften sind ein nachgereichter Holzhammer. A bisserl Kapitalismuskritik musste auch noch mit rein!

Wo „Ich bin ihr Schweigen“ so schön frei drehte und mit nix was am Hut hatte, klebt mir „Ich bin ein verlorener Engel“ zu sehr am Boden moralischer Fragestellungen. Da ich hiermit Ihre Erwartungen auf Null gedrückt habe, haben Sie ja vielleicht doch Spaß an diesem Comic. Lafebre zeichnet weiterhin göttlich, und ein Totalausfall ist dieser Band keineswegs.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 08.08.2026 auf Tillmann Courths Website: tillmanncourth.de

Jordi Lafebre: Ich bin ein verlorener Engel • Aus dem Französischen von Hanna Reininger • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 112 Seiten • Hardcover • 25,00 Euro

Tillmann Courth, geboren 1963, studierte Kommunikationsforschung und Germanistik in Bonn, gestaltete mit Freunden ein Desperado-Feuilleton („RheinArt“) und wechselte dann als Kabarettist auf die Bretter des Ersten Kölner Wohnzimmertheaters. Parallel flammte seine Jugendleidenschaft für Comics wieder auf, und er engagierte sich beim „Digital Comic Museum“, speziell in der Forschung zu Precode-Horrorcomics (wovon die Webseite fifties-horror.de kündet). In den Folgejahren war er auch beim Portal Comicoskop, beim Fachmagazin Comixene und als Teilnehmer beim ComicTalk mit Hella von Sinnen zu finden. Mit dem Rückzug von der Bühne transformierte er seine Webseite tillmanncourth.de zum Analyselabor für Comics aller Art.